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Anerkannter Astronom und spätere Raketenforscher Max Valier



Als am Sonntag, den 18. Mai 1930, die Tageszeitungen die erste Kunde von dem Tags zuvor erfolgten Ableben Max Valiers brachten und in den folgenden Tagen die Artikel sich mehrten, war allenfalls der Name Hörbiger bisweilen vermerkt, für dessen Ideen sich Valier vorübergehend eingesetzt habe.  Im großen und ganzen aber stand jeder Nachruf im Zeichen des mittelbaren Geschehens, das an die Raketenforschung Valiers knüpft.  Ein Stahlsplitter hat diese seine Pionierarbeit der letzten Jahre plötzlich abgebrochen und als knapp Fünfunddreißigjähriger ist er von uns gegangen.  Ein Höhenziel seines Lebens blieb unerreicht, ein Ziel über das wir uns noch gemeinsam im Spätherbst des vergangenen Jahres lebhaft unterhalten hatten.  Daß aber Valier in den zehn arbeits- und schicksalsreichsten Jahren seines Lebens, von 1915 bis 1925 etwa, im lebhaftesten persönlichen und brieflichen Verkehr mit Hörbiger gestanden, daß er schon während und alsbald nach dem Kriege (1. Weltkrieg) in hervorragend selbstloser Weise sich für die Verbreitung der Hörbigerschen Ideen eingesetzt hatte und diese wie kein zweiter vor ihm im Sturmschritt zu verbreiten suchte, das alles blieb doch ziemlich zugedeckt, war schon vergessen worden oder vielmehr noch ganz unbekannt geblieben.

Man muß schließlich diese gehäuften dicken Mappen von Briefen, Projekten, Ratschlägen, sachlichen Erörterungen und Meinungsverschiedenheiten, von Erfolgen und Mißerfolgen, von Begeisterung und Enttäuschung, von ewiger Unruhe und nie erlahmender Schaffensfreude kennen, wie sie Hörbiger aufbewahrt hat. 
Ein Nachlaß, so bestrickend und ergreifend, so außergewöhnlich vielseitig und wieder in die Tiefe gehend, so erschütternd das Schicksal malend und die Alltäglichkeit des Daseins zeichnend und überspringend, - wie er fast beispiellos im Gedankenaustausch eines Meisters und eines um Jahrzehnte jüngeren Menschen zu finden ist.  Dies ohne jede vorgefaßte Meinung oder Übertreibung aussprechen zu können, gibt mir den Mut, auch für eine spätere Herausgabe der Hörbiger-Valierbriefe mich einzusetzen.  Ein paar Streiflichter müssen hier leider genügen.  Ich habe Hörbiger ein erstes schlichtes Denkmal zu setzen und müßte recht eigentlich vor Valier dasselbe tun.

Ich werde sie nie vergessen können, diese Sonntagmorgenstunde, da ich Hörbiger die erste Kunde vom allzutragischen Heimgang eines seiner Besten brachte.
Wir blieben minutenlang stumm und fanden keine Worte, weil wir beide wußten, was Hörbiger dem jungen Freunde als Mensch und Förderer seines Werkes zu danken hat.  In solcher Stunde gewinnt das Erinnern eigenartige Lebendigkeit, läßt Jahr um Jahr im Eilschritt vorübergleiten und entsinnt sich der scheinbar abgelegendsten Begebenheiten.  Und den ein solches Erinnern befällt, der weiß erst zu empfinden, was er verloren hat.

Vor fünfzehn Jahren (1915) war es gewesen, da Hörbiger das gerade erschienene reizvolle Werkchen "Das astronomische Zeichen", eine "leichtfaßliche und gemeinverständliche Anleitung zur Beobachtung und zeichnerischer Darstellung cölestischer Objekte nach dem Anblicke im Fernrohr für Laien und Amateurastronomen" in die Hände fiel.  Als Verfasser dieses mit einer Sternkarte und 112 Abbildungen versehenen Buches zeichnete Max Valier, seines Zeichens Mitglied der Vereinigung der Freunde der Astronomie und kosmischen Physik und ausländischer, fachwissenschaftlicher Vereinigung.  Vermutend, hier einen älteren und erfahrenen Himmelsbeobachter vor sich zu haben, schrieb Hörbiger erstmals im Hochsommer gleichen Jahres über den Verlag an den Verfasser.  Der exerzierte damals als Zwanzigjähriger inmitten der Einjährig-Freiwilligenabteilung des zweiten Bozener Landesschützenregimentes in Enns in Oberösterreich und hatte damals schon - was Hörbiger nicht ahnte - eine für sein Alter außergewöhnliche Leistungskurve seines jungen Lebens hinter sich.
Hatte als Bozener am dortigen Franziskanergymnasium maturiert, war (auch augenblicklich noch eingeschriebener) Student der Innsbrucker Universität, der Physik und Chemie, Astronomie und Meteorologie, Geologie und Biologie, Mechanik und Mathematik, selbst Elektrotechnik, Philosophie und Pädagogik betrieb.  Ein universell gerichteter Kopf, der bis dahin schon Mitarbeiter an rund zwanzig der Allgemeinheit und dem Fachwissen dienenden Zeitschriften geworden war und - ein Gesellenzeugnis als Feinmechaniker besaß.  Denn schon als Gymnasiast hatte er sich mit beobachtender Astronomie beschäftigt, hatte in Gries bei Bozen zwei Privatsternwarten eingerichtet, deren Instrumente nach seinen Plänen montiert worden waren.  Amerikanische und französische Sternwarten standen mit ihm in Verbindung, gaben ihm Bücher und Photoplatten zu Studienzwecken und schon der Siebzehnjährige war "member de la société astronomique de France".

Voraussetzungen eigener Art berühren sich hier.  Hörbiger geht den Pfad des Außenseiters, wird nebenher Schmied und Ingenieur.  Valier ist schon Außenseiter von Jugend an, geht aber zeitweilig den Weg des geraden Studiums, kennt zur Genüge die "Schule der Gelehrsamkeit" und hat das Rüstzeug, zwischen Zunft und Außenzunft zu klären.  Und gerade dieser Umstand macht seine Bindung mit Hörbiger doppelt interessant.  Er sitzt bis 1923 noch wiederholt in Kolloquien der Universität und steht im engsten Kontakt mit Gelehrten, die, wie etwa sein Hochschullehrer Prey, die Welteislehre (Glacial-Kosmogonie) offen mißkreditieren.
Und - was überaus wichtig ist - schon als er Ende August 1915 Hörbiger erstmals schreibt, gibt er seiner Bewunderung für dessen Ideen offenen Ausdruck, doch mit der Einschränkung, die Glazialkosmogonie erst selbst ebenso gründlich wie kritisch studieren zu müssen.  Gleichwohl entwickelt er schon damals in den Anfangsstadien des gegenseitigen Briefwechsels seine eigenen Ideen über das Wesen der Welt, getragen von ebenso logischer Härte wie philosophischem Schwung und künstlerischer Abgeklärtheit.

Sind es doch im Grunde auch fünf Schicksalssterne, die das kurze und doch so reiche Leben Valiers füllen.  Einmal seine starke Ader für kosmische und astronomische Probleme, zum anderen seine ursprüngliche Neigung dramatisch und literarisch zu gestalten, zum dritten sein stark ausgeprägt naturphilosophisches Bedürfnis, zum vierten der schließlich gefundene Weg zu Hörbiger, zur Kosmotechnik oder Welteislehre, und zum fünften sein zähes Ringen um Erfolge der Raum-, bzw. Raketenfahrt.  Wenn letzteres auch seine letzten Lebensjahre fast ausschließlich füllte, so wirken sich die anderen vier Richtungen weniger in zeitlicher Aufeinanderfolge, als vielfach in sich verkettet aus.  Dafür spricht sein literarischer Nachlaß, zeugen seine nahezu zwanzig größeren und kleineren Werke, die in einem Zeitraum von zwölf Jahren erschienen sind.  Doch populär und weltbekannt ist Valier erst in den letzten drei Jahren geworden, als er mit fast übermenschlicher Verbissenheit allen Fehlschlägen zum Trotz sein Raketenproblem verfolgte, da und dort ein Zeugnis seines Wagemutes und seiner Unerschrockenheit lieferte und darob zu begeistern wußte.  Ein Himmelsstürmer von frühester Jugend an, wollte er schließlich den Himmel selbst bezwingen.
Da wählte sich der Versucher den Tod zum Gefährten, der mitleidlos ein ruhlos hoffnungsreiches Leben löschte.  Und nur wenige wußten, daß der dem Schaffen jäh Entrückte nicht nur hervorragende Naturgeschichtswerke, sondern auch mehrere Bände über Zeit, Raum und Ewigkeit, über die Bindungen von Materie und Geist, über die Dreifaltigkeit des Seienden verfaßt und den Versuch einer universellen Darstellung des Weltbildes der Zukunft gewagt hatte.


(Bildquelle: "Hanns Hörbiger - ein Schicksal" von H. W. Behm, 1930, v. Hase & Koehler Verlag-Leipzig)
Max Valier trat ein Jahrzehnt hindurch für Hörbigers Ideenwelt ein.


Wer den ganzen Valier kennt und weiterhin auch den ganzen Hörbiger, wie er Kosmos und Dasein in die ewig richtende Hand Gottes legt, den überrascht es schon nicht mehr, daß diese beiden Freunde sich sonderlich stark begegnen mußten.  Denn Freunde waren sie schließlich geworden, wobei der um soviele Jahre Jüngere trotz steter Verteidigung seiner eigenen Welt es dem Älteren niemals an schuldigem Respekt vor dessen Werke fehlen ließ.  Niemals hat Valier mit seinen Ansichten hinter den Berg gehalten, und erst als er die Glazialkosmogonie gründlich kannte, fand er Worte der höchsten Anerkennung dafür.
"Vielleicht schreibe ich noch einmal eine große populäre Astronomie auf neuer, auf Ihrer? Basis", heißt es in einem der frühesten Schreiben, wiewohl das Fragezeichen dann später verschwand.

Schon gleich zu Beginn des Bekanntwerdens berichtet Hörbiger dem Zwanzigjährigen, dessen Ungewöhnlichkeit er bald erkannte, von seinen großen, ihn zu Gott führenden Innenerlebnissen und seinen mitunter recht harten Jugendjahren.  Er glaubt bei Valier eine Art Parallele zu entdecken und bittet wiederholt um Mitteilung darüber.  Der durch den anstrengenden Dienst an sich mitgenommene junge Soldat findet dennoch fast täglich Zeit zum Schreiben und etwas literarischer Arbeit.  Er verschließt sich dem Wunsche Hörbigers nicht und schreibt gelegentlich (Ende Oktober 1915) acht große Seiten über seinen bisherigen Lebensweg.
Möchten einige gar bezeichnende Stellen hieraus ein dankbares Verständnis finden: "Wenn Sie mir Lust zum Nietzschestudium machen wollen, so sage ich Ihnen gleich, daß ich Nietzsche höchstens mit Ihrem Löffel essen werde, sonst fände ich ihn ohnehin zu abgeschmackt.  Ob Aristoteles, ob Kant, ob Nietzsche, das ist mir einerlei und habe ich keine Lust an ihnen meine Zeit zu opfern und zu vergeuden.  Komme ich selbst auf das, was sie schon vor mir gelehrt haben, so brauche ich sie eben nicht, komme ich auf etwas anderes und stehe in Widerspruch mit Ihnen, so folge ich doch nur mir und nicht ihnen und brauche sie erst recht nicht....
Mein Vater war ein Wiener, mein Großvater ein Bayer und mein Urgroßvater ein Franzose....  Auch ich gab und gebe Klavierunterricht, Mathematik- und Harmonielehrestunden um Verdienstes wegen.  Ich habe viele Klavierkompositionen geschrieben, mehrere Volksstücke (wovon zwei mit Erfolg aufgeführt) und eine phantastische Oper, die auf dem Monde spielt (Text und Musik von mir), welche aber erst im Konzept fertig, textlich und musikalisch der Ausarbeitung harrt.  Ich bin als Schauspieler eine ganze Saison im Stadttheater aufgetreten, war als Kinodarsteller engagiert und habe ebenso im Schlittschuhlaufen, wie Rad- und Motorfahren, Faustball, Turnen, Laufen, Schwimmen, Tauchen und als Hochtourist in meiner Heimat (Bozen) einen bekannten Namen.... 
Diese Jugendstreiche werden aber bald ganz verschwinden.  Der Kampf um meine materielle Existenz, auch um die meiner Großmutter, Tante und Schwester, kann mich vielleicht bald zwingen, all dem zu entsagen und auch das Erstreben meines Lebenszieles eine Zeitlang aufzugeben und ein oder zwei Jahre für die anderen zu opfern.  Aber ich tue es gerne für alle die Meinen, besonders für meine liebe Schwester....
Übrigens auch ich glaube, daß mein Zusammentreffen mit Ihnen kein Zufall ist, sondern erblicke darin die Erfüllung einer von der Vorsehung schon sozusagen erwarteten Fügung, wie denn überhaupt mein ganzer bisheriger Lebenslauf klar die höhere Leitung erkennen läßt.  Daher kommt es, daß ich ein unverwüstlicher Optimist bin und auf ein Leben voll Glückes und inneren Friedens zurückblicke, das nur selten, allerdings dafür um so härter, von Schicksalsschlägen auf kurze Zeit scheinbar verwüstet wurde....  Ich werde bei gelegener Zeit gerne bereit sein, Ihnen mit einer ausführlichen Selbstbiographie zu dienen, welche abzufassen vielleicht auch den Wert haben kann, daß nach meinem möglichen Tode auf dem Felde der Ehre wenigstens ein Mensch soviel Kenntnis von mir hat, daß er den Nekrolog für die Astronomischen Nachrichten schreiben kann und daß er weiß, welche Tagebücher, wissenschaftlichen Journale, welche Werke und Manuskripte, welche Pläne usw. usw. bis zu meinem Tode geschaffen wurden und wo das alles zu finden ist....
Über den Grad der Wahrheit Ihrer Glazialkosmogonie will ich nicht weiter mit Ihnen streiten, ehe ich nicht bei gelegener Zeit Ihr Hauptwerk dreimal gelesen habe.  Die Lektüre Ihrer Schriften hat mir aber meinen bislang unbestimmten Plan in bestimmtere Richtung gelenkt."
Derart schreibt wohl ergreifend genug, ein gewiß Frühvollendeter.  Denn im erst einundzwanzigsten Lebensjahre stehend eine Replik eines übervollen Lebens ankündend, ist schließlich nicht jedermanns Sache.  So aber war Max Valier, als Hörbiger ihn kennen lernte. 

Als das erste Jahr dieser seltenen Geistesbindung vorüber war und Valier schon einigermaßen die Welteislehre (Glacial-Kosmogonie) Hörbigers kannte, scheint ihn dieselbe "mehr als der Beachtung wert zu sein".  Hörbiger ist einigermaßen gekränkt, doch seine Bemerkung "Weiter haben Sie sich nicht aufgeschwungen" wird mit den Worten erledigt: "Nach meiner Ansicht läßt sich zum Ausdruck der Begeisterung kein höherer Ausdruck finden, der nicht Hohlheit und Schmeichelei enthielte.  Ich glaube nicht mehr sagen zu können.  Wenn Ihnen das zu wenig ist, so läßt sich einstweilen nichts machen."
Inzwischen hat Valier das Frontleben gekostet, war vom Infanterie- zum Sappeur- und Feldwetterdienst gewechselt und Leutnant geworden.  Der gegenseitige Briefwechsel geht ununterbrochen fort, gewinnt ständig mehr an Lebendigkeit und überzeugt allmählich auch Valier von den unverbrüchlichen Werten der Welteislehre.
Sein Artikel "Morgenröte" in der Märznummer 1918 der damals noch bestehenden "Astronomischen Zeitschrift" gibt den Auftakt, nun seinerseits auch öffentlich für Hörbiger, wenn auch mit einiger Vorsicht, einzutreten: "Wenn ich die Zeichen der Zeit richtig verstehe, so haben wir demnächst einen großen Umsturz in allen grundlegenden naturwissenschaftlichen Anschauungen zu erwarten.  Wir leben etwa in einer Zeit, wie sie die Lebensjahre von Kopernikus und Kepler bezeichnen."  In beredeten Worten werden die noch bestehenden großen Lücken unseres astronomischen, meteorologischen und geologischen Wissens geschildert, um schließlich zu sagen: "Vom Standpunkte Hörbigers aus sehen sich nämlich alle Bewegungen der modernen Forschung, alle Ergebnisse, zu denen sich die Wissenschaft der vorigen Jahrzehnte mit Widerstreben bekennen mußte, als ein eigentümliches Tappen an, wie von Halbblinden, die ungefähr die Richtung erkennen, aus der das Licht kommt.  Und trotz aller Widerborstigkeit kommen sie doch alle auf Um- und Auswegen, auf Wegen, wo sie ganz andere Ziele verfolgen, schließlich auf die Straße der Hörbigerschen Theorie."  Ähnlich hatte sich Valier schon in vordem gehaltenen Vorträgen an Feldwetterwarten ausgesprochen.

Die gegenseitige Freundschaft wird gefestigt, als Valier im Frühjahr 1918 vorübergehend in Wien weilt und ebendort ab August zur Ablegung eines technischen Kurses für Fliegeroffiziere.  Die wenige freibleibende Zeit wird ausgefüllt, Vereine und Verbände für Welteisvorträge zu interessieren und mit Versuchen, vom Armeeoberkommando für eine Tätigkeit als flugtechnischer Propagandaoffizier bestimmt zu werden. Wobei der Gedanke leitend war, glazialkosmogonische Erörterungen den Vorträgen mit einzuflechten.
Diese Vorbereitungen stört ein Ereignis, das Valier am 28. September 1918 auf einer Postkarte an Hörbiger beschreibt: "Ich liege im Spital.  Bin gestern 1/2 9Uhr vormittags am Flugfeld Aspern aus 3200 Meter Höhe mit brennenden Flugzeug abgestürzt. ......... Ich habe mir Ihre Glac. Sachen in's Spital bringen lassen, als wichtigstes Buch."  Ohne ein paar Rippenbrüche war dieser Sturz doch nicht abgegangen.
Bald nach der Entlassung aus dem Lazarett erfolgt der Umsturz und am 1. Dezember 1918 steht Valier mit dreihundert Kronen Abfertigung in der Hand sozusagen auf der Straße.  Von seiner Heimat Bozen abgeschnitten, flüchtet er über Weihnachten nach Innsbruck, ist Mitte Januar 1919 wieder in Wien und erwirkt vom Landesschulrat die Bewilligung zur beliebigen Abhaltung von Lichtbildervorträgen in Wiener und Niederösterreichischen Schulen.  Schulsperre wegen Kohlenmangel, Lichtsperrverordnung, Kälte, Hunger und Not sind die unerquicklichen Gefährten der nächsten Wochen, die eine Vortragstätigkeit nahezu unmöglich machen.  Es fehlt an notwendigen Mitteln, sich ein geheiztes Zimmer zu gönnen und dabei dürfen die nunmehr in Wien wieder aufgenommenen Universitätsstudien nicht vernachlässigt werden.

Zwei große in Innsbruck während der Osterferien abgehaltene glazialkosmogonische Vorträge bringen einen ersten glücklichen Erfolg.  Wohl bleibt das Nachspiel einer mißliebigen Polemik nicht aus, der Valier dann später in einem Pfingstvortrag begegnet, während er inzwischen drei Urania- und weitere Vorträge über Hörbigers Lehre in Wien (Ingenieur- und Architektenverein, Akademie der bildenden Künste usw.) vom Stapel läßt.  Den Sommer über schlägt er sich in Baden und Wiener Neustadt durch, hält im Semmeringgebiet Vortrag über Vortrag, bald in Schulen, bald vor öffentlichem Publikum.  Der Verdienst reicht gerade aus, um nicht verhungern zu müssen, von manchen Schwierigkeiten gewisser Ortsbehörden gar nicht erst zu reden.  Einunddreißigmal hat Valier bis zum 1. August 1919 allein schon zur Welteislehre gesprochen.

Eine Eingabe an den Wiener Unterstaatssekretär für Unterricht betr. "volksbildender Lichtbildvorträge insbesondere über Hörbigers Glazialkosmogonie (Kosmotechnik)" ersucht um Ausstellung einer Ermächtigung, die für alle Länder Deutschösterreichs die Wege bahnt und die für Wien die Unterstützung bei Bereitstellung eines geeigneten Saales für langandauernde Abendkurse gewährt.
Ein kleines Martyrium schließen diese zwölf eng beschriebenen Blätter gewiß schon ein.  Soweit es Hörbiger angeht, steht zu lesen: "Der Glazialkosmogonie vermochte ich auf die Dauer nicht standzuhalten.  Alle Einwände, welche die Fachwissenschaft, nach der ich doch erzogen war, machen kann, stürzen in sich selbst zusammen, gegen die bezwingende Logik und die geschlossene Kette von Schlußfolgerungen, welche nichts anderes bedeutet als die vollkommene Lösung aller kosmischen und terrestrischen Probleme, vor welchen die Fachwissenschaft noch immer ratlos dasteht.  Da waren für mich die Würfel geworfen. 
Aus einem Saulus ein Paulus geworden, beschloß ich nunmehr die neue Lehre an meine Fahne zu schreiben und diese Fahne überall, auch der ganzen Fachgelehrsamkeit zum Trotz, voranzutragen.  Ich beschloß auf alle Aussichten, eine Staatsstellung zu erlangen (denn das ist doch nur bei demütigem Sichbeugen vor der Autorität möglich) von vornherein zu verzichten und wenn es notwendig sein sollte, auch mein Doktorat zum Opfer zu bringen.  Lange genug hat Hörbiger in Acht und Bann geschmachtet, wurde seine Lehre lächerlich gemacht und verballhornt, fünfundzwanzig Jahre werden es in diesem September, seit unser Meister den großen Fund getan, der ihm in ferner Zukunft wird höher angerechnet werden müssen, als Newton die Entdeckung des Gesetzes der allgemeinen Schwere.  Es ist wahrhaftig Zeit, daß das Verborgene an den Tag kommt.
Natürlich wird jetzt ein Kampf beginnen.  Möchte er nur schon begonnen haben.  Nun, der Anfang in Innsbruck ist gemacht und ich bin schon als neuer Galilei und Ketzer gebrandmarkt.  Als ich am 17. Juli (1919) zu Herrn Prof. Oppenheim ging, um ihn in Angelegenheit meiner Dissertation zu interpellieren, erklärte er mir (da er inzwischen erfahren haben mußte, daß ich ein Schüler Hörbigers sei) keine Dissertation anzunehmen, welche irgendwie mit der Hörbigerschen Lehre in Verbindung stehe.  Ich will mit Absicht diese historischen Worte hier festnageln: Auf meine weitere Frage erklärte Prof. Oppenheim die Hörbigersche Lehre wörtlich für einen aufgelegten Schwindel.  Auf meine Frage, ob er denn das große Werk überhaupt gelesen habe, antwortete der Gelehrte gleichfalls wörtlich: Gottlob keine einzige Seite! (Herr Unterstaatssekretär, ich bin bereit, diese Worte jederzeit zu beeiden.)  So also urteilt die Fachgelehrsamkeit über eine neue Lehre.  Blindwütend will sie die unbequeme Nebenbuhlerin unschädlich machen durch Vogel-Strauß-Politik! - Es ist ja einfach lächerlich!
Ich will mich ja nicht etwa loben, aber um mir die Berechtigung nehmen zu dürfen, so zu sprechen, muß ich nochmals wiederholen: Ich habe bei Professor Prey in Innsbruck drei Kolloquien über Astronomie mit Auszeichnung bestanden, bei Professor von Hepperger in Wien gleichfalls voriges Sommersemester über Astrophysik mit Auszeichnung kolloquiert, ich habe im Felde durch ein Jahr die Wetterstation 17 in Gyergvoszentmiklos bedient, zuletzt als Kommandant geleitet, habe Dutzende von Flugzeugaufstiegen zu Wolkenstudien in allerhöchste Höhen unternommen und mein Leben aus reiner Forscherlust gewagt, um den atmosphärischen Störungen als Flieger nachzuforschen.  Mir ist also weder die Materie der Astronomie, noch der Meteorologie, noch der Geologie (da ich auch solche Vorlesungen besuchte), noch der Mathematik und Physik fremd.  Das, was einem auf der Universität gelehrt wird, weiß ich auch, habe ich auch studiert und Prüfungen darüber abgelegt.  Ich bin also nicht als Unorientierter in die Netze der Hörbigerschen Lehre gefallen, sondern als gewappneter Gegner vom ersten Augenblick an aufgetreten.  Und dennoch mußte ich mich als besiegt ergeben, als ich das große Werk gelesen hatte....
Gestern, als ich in Baden (bei Wien) einen Vortragsabend gab, wurde folgendes Gespräch zwischen zweien meiner Hörer belauscht.  Der eine Herr sprach: Wenn ich eine Stunde der Erbauung genießen will, so lese ich in Hörbigers Buch!  Der andere: Und mir hat man gesagt, daß das der größte Stuß sei, der jemals erfunden wurde.  Der letztere war offenbar von einem Fachprofessor belehrt worden.  Sie lesen das Buch einfach nicht, weil sie fürchten, daß darin steht, daß alles, was sie glaubten und noch lehren, falsch ist.  Die ist die einzige Erklärung dafür, daß die gesamte Fachwissenschaft heute noch (1919) Hörbiger gegenüber mit übernatürlicher Blindheit geschlagen ist.  Nicht der Erfolg, den wir mit unserer Lehre noch stets vor den Zuhörern finden, wundert uns, sondern es bleibt uns nur rätselhaft, wie die Fachwissenschaft es fertig bringt, noch immer diese Politik gegen uns zu treiben.  Alle Einladungen scheinen vergebens.  Herr Professor Oppenheim lehnte meinen Antrag ab mit den Worten: 'Ich kann doch nicht durch meine Gegenwart einen solchen Vortrag gewissermaßen sanktionieren!'  Solange die Herren so sprechen, ist freilich keine Verhandlungsbasis gegeben.
Und doch wäre die Anerkennung der Kosmotechnik von höchstem Nutzen.  Auf kosmotechnischer Grundlage allein wird man, wenn erst die notwendigen Beobachtungen in unserem Sinne angestellt werden, das Großwetter für Jahre im voraus vorhersagen können, aber es wird auch möglich sein, die Kohlen- und Erdöllager nach der kosmotechnisch-geologischen Ableitung zu finden.  Hörbiger hat 1906 für nordamerikanische Distrikte, wo noch keine Spur von Erdöl gefunden war, reiche Erdölquellen vorhergesagt und heute erhalten wir Berichte, daß dieselben tatsächlich aufgefunden wurden.  Welche praktischen Perspektiven ergeben sich nicht aus der neuen Lehre.  Wie schade, durch die Verstocktheit sich der Vorteile dieser Wissenschaft noch jahrelang zu begeben....
Mir gilt es, die neue Lehre zu verkünden, dort, wo es am besten geht, dort reise ich hin.  Wenn man uns hier nicht entgegenkommen wird, weil man nicht will oder kann, so werde ich zuerst ins Ausland gehen und werde die Welle der wissenschaftlichen Flut dann als Rückkehrer zurückwälzen...."

Man muß fürwahr den ganzen bis heute vollzogenen Kampf um die Welteislehre selbst genauestens verfolgt und durcherlebt haben, um vorstehende Worte in manchem nicht als Sonderfall, sondern als hundertmal wiederkehrende Erscheinung zu registrieren.  Noch ist ja das Buch über diesen Kampf nicht geschrieben und hier muß ich mich bescheiden.

Unentwegt ist Valier, stets von Sorgen ums liebe Brot gepeinigt, für Hörbiger tätig.  Bringt ganze Vortragszyklen wirklich zustande, fertigt Statuten für kosmotechnische Organisationen, hält Kurse ab, ist Spätherbst 1919 wieder in Innsbruck, dann in Bozen und Luzern, und entwirft die Pläne für eine Sternwarte am Ritten.  Über alles ist Hörbiger fortlaufend orientiert, der selbst im Winterhalbjahr 1919/20 einige Vorträge in der berg- und hüttenfachmännischen Fachgruppe des Ingenieurvereins absolviert.  Valier bleibt vorläufig in Bozen, seiner Heimat, hält auch dort und in der weiteren Umgebung Vortrag über Vortrag, schreibt Artikel und veranstaltet in Bozen und Meran Uraniaabende (unter Hineinbezug der Welteislehre).  Aber die schwerste Zeit der Geldentwertung dämmert heran und im Mai 1920 reift der Entschluß, sich als Mechaniker irgendwo zu verdingen.  Doch nichts will klappen.  Er bleibt in Bozen, schlägt sich kümmerlich durch und arbeitet u.a. einige astronomische Fachartikel aus.
In dem nachmalig von fachastronomischer Seite merkwürdig gelobten Artikel über "Die Gestalt der Nebelflecke, insbesondere der Spiralnebel"
(Astr. Nachrichten, Band 212, Oktober 1920) bricht er eine besondere Lanze für Hörbiger, nennt aber aus taktischen Gründen dessen Namen nicht.  "Ja, dann richtig (im Brief an Hörbiger vom 18. November 1920), noch allerhand wichtige Vorstöße, welche ich für Sie gemacht habe.  Die Astronomischen Nachrichten haben meinen Artikel über die Gestalt der Spiralnebel richtig abgedruckt.  Natürlich war Ihr Name nicht genannt.  So, nun sitzt die Bombe und sie hat schon gewirkt.  Beweis ein Gespräch mit Professor Kastil aus Innsbruck, der mir von dem Erstaunen des dortigen Astronomen, Universitätsprofessor Scheller, über den Artikel berichtete.  Dabei fand dieser die Bemerkung, daß er mir so was gar nicht zugetraut hätte.  Er ahnte aber nichts, daß dies Kurs in Ihrem Fahrwasser war."  Wenn Valier in diesem Briefe gleichzeitig bemerkt, daß er Tag und Nacht für ihn (Hörbiger) am Werke ist, so läßt sich wirklich nichts dagegen sagen.  Zeigt doch jeder Brief nur von neuem, wie sich die beiden Streiter über alles Neue in Astronomie und Meteorologie laufend berichten und unterhalten, vergleichen, überprüfen und diskutieren, und dieserweise in mehr als einer Hinsicht eine Fundgrube für spätere Geschlechter bestimmt aufbereitet haben.

Das Jahr 1921 sieht dann Valier in München, das ihm von nun an sozusagen eine zweite Heimat wird.  Er belegt an der Universität, arbeitet unermüdlich an seiner wissenschaftlichen Vervollkommnung und dehnt seine glazialkosmogonische Vortragstätigkeit auch über Münchens Grenzen aus.  Mehrmals habe ich ihn in München selbst besucht, diesen ebenso lebenssprühenden wie klaren Kopf, diesen Menschen eisernen Willens und ebensolcher Zähigkeit.  Und nicht zuletzt konnte ich immer nur wieder seine Selbstlosigkeit und seine Bereitwilligkeit, andern zu helfen, bewundern.  Neben reichlich philosophischen Studien wird die Gründung einer kosmotechnischen Zeitschrift betrieben, ein Projekt, das sich schließlich zerschlägt. 
Hatte Valier schon vordem einmal den Vorschlag gemacht, die "Glazialkosmogonie" von ihm neubearbeitet herauszubringen und dieses Vorhaben mit gewichtigen Gründen belegt, so nimmt er diesen Plan gemeinsam mit anderen Welteisfreunden wieder auf und bereitet Vorschläge, die Arbeit mit verteilten Rollen zu fertigen und Hörbiger selbst die letzte feilende Redaktion zu überlassen.  Eine Art "Zwischenauflage" sollte damit wenigstens in Kürze geschaffen werden, der Hörbiger dann später eine eigentliche Neuauflage (dritte Auflage) folgen lassen könnte.
Doch Hörbiger will nicht so recht und setzt seine Bedenken in einem langen Oktoberschreiben 1921 auseinander.  Ich gebe nur ein paar einleitende Sätze daraus wieder, das inwendige Aufgewühltsein Hörbigers demonstrierend: "Ihr Arbeitsprogramm ist wohl mit viel Fleiß und Umsicht, mit verlags-und abfassungstechnischer Erfahrung und mit viel wohltuender Liebe zur Sache abgefaßt, kann mich aber dennoch nur mit sehr gemischten Gefühlen erfüllen.  Bitte stellen Sie sich vor: Ich soll mit der großen mechanischen Umredaktionsarbeit nicht belastet werden, soll aber indessen ruhig weiter Steine klopfen, um mit meiner Blutsteuer zu den Ministergehältern meiner Wiener Herren Skeptiker das Nötige beizutragen, während Sie in meinen Eisgefilden schwelgen!  Das hat Ihnen wohl ein sehr böser Schalk eingegeben, daß ich, 'im Interesse der Sache selbst zur Schaffung des ins Auge gefaßten Neudruckes gar nicht geeignet bin'.
Sie erlauben, daß ich mich zur richtigen, also auch menschlichen Beurteilung dieses Falles vorläufig leider noch fast ganz allein kompetent fühlen muß.  Ich glaube nicht, daß es Ihnen gelingt, sich in meine Lage zu versetzen.  Sie mögen sich noch so sehr gebessert und ernüchtert fühlen .... wenn ich Sie beglückwünschen darf.  Sie werden an die Arbeit mit dem Wahne der denkbar vollkommensten Infallibilität herantreten.  Auf diesen Wahn darf aber doch vor allem ich Anspruch erheben und dann kommt lange nichts - und dann komme erst noch einmal ich usw. - Sie sehen also: Dieser Wahn hat auch mich in seinen Krallen! - Das wahrhaft Dantesche ist nämlich, daß selbst meine besten Freunde und Gönner sich gar nicht in meine Schmerzenslage versetzen können und ich ihnen darob dennoch nicht im Geringsten gram sein darf.  Überall sehe ich den besten und reinsten Willen, mir zu helfen, nach allen Seiten sehe ich mich zu heißem Dank verpflichtet - und dennoch könnte ich schreien!  Ich sage Ihnen: Dieser Dante war der reinste Stümper gegen die Wirklichkeit meiner Seelenhölle!
Was soll ich Ihnen da mehr sagen?"

Immerhin, ein paar Lichtblicke bleiben noch offen und Valier setzt seine Bemühungen weiterhin fort.  Doch die Sache zerläuft im Sande und damit, wie mir scheinen will, eine der besten Gelegenheiten, ein für die Gelehrtenwelt passendes und zugängliches Werk geschaffen zu sehen.  Die Bedenken Hörbigers aber lagen gewiß weniger in einer allzu geringen Einschätzung seiner opferfreudigsten Freunde begründet als vielmehr in ihm selbst.  Ihm graute davor, nun abermals ein Werk in die Lande gehen zu sehen, das nicht das Letzte und Höchste hergab, was dort in seinen Seelentiefen schlummerte.

Es spricht für Valiers Energie, daß er erst im Oktober 1923 seinen Plan der Überarbeitung der "Glazialkosmogonie" endgültig fallen läßt und Hörbiger dies wie "eine große Erleichterung" quittiert.  Um so ausgedehnter wird von jetzt ab der gegenseitige Briefwechsel und dreißig bis fünfzig Seiten pro Woche sind keine Seltenheiten.  Wurden doch damals eine Reihe allgemeinverständlicher Welteisschriften vorbereitet, die dann späterhin gewiß nicht immer ganz glücklich geformt das Licht der Welt erblickten, abgesehen von Valiers eigenen kosmotechnischen Schriften, die viel dazu beigetragen haben, in den Jahren 1923 bis 1925 ein nachhaltiges Interesse für die Welteislehre in weiteren Kreisen zu wecken.  Wird doch in diesen zwanziger Jahren der eigentlich erste größere Vorstoß unternommen, die Welteislehre "populär" zu machen, der aber mehr oder minder schon der Vergangenheit angehört.  Auch hier lagen manche Schwierigkeiten zu gehäuft, als daß sie immer geschickt genug gemeistert werden konnten, und gar manches Werkchen der damaligen Zeit trägt den Stempel allzu flüchtiger Bearbeitung.  Es bleibt jedenfalls das unbestreitbare Verdienst Dr. Heinrich Voigts und Hanns Fischers, bei diesem Vorstoß mit außerordentlichem Fleiß und bewunderungswürdiger Hingabe für Hörbigers Ideen tätig gewesen zu sein.

Hörbiger selbst faßt schon Ende 1922 den Gedanken, ein Buch "Zur Kritik der Glazialkosmogonie" herauszubringen, darin alle bisherigen Kritiken wörtlich abgedruckt erscheinen und soweit sie mißliebig oder der Materie gegnerisch gesinnt waren, widerlegt werden sollten.  Er unterhält sich auch mit Valier darüber, aber der Plan findet keine Verwirklichung, lebt späterhin noch wiederholt auf, besonders in Lagen, da ein gegnerisches, heute aber so gut wie vergessenes, Sammelwerkchen erscheint.  Ein Jahr später (Ende 1923) versucht Valier sich in der Schweiz anzusiedeln.  Der Versuch schlägt fehl und auch sein Vorschlag, seinen Wohnsitz am Wohnorte Hörbigers in Mauer aufzuschlagen, geht schließlich in die Brüche.  Damals stand Valier sozusagen auf dem Gipfelpunkt seines kosmostechnischen Arbeitens, hatte sein bestes Werk zur Welteislehre unter der Feder, und man kann nur Verständnis für seine Ansicht finden, in mittelbarer Nähe Hörbigers zum Vorteil der Welteislehre mehr zu erreichen als etwa in München.  Vielleicht darf auch das Scheitern dieses Vorhabens als verpaßte Gelegenheit vermerkt werden.  Und vielleicht wäre Valier dann weniger zum Problem der Weltraumfahrt abgedrängt worden, das ihn schon 1924 zu beschäftigen beginnt.

Einen nicht zu unterschätzenden Wert in der ganzen Bewegung um die Welteislehre nehmen unstreitig jene vielfachen Mitteilungen Valiers an Hörbiger über Ansichten seiner Universitätslehrer in Dingen der Glazialkosmogonie ein.  In München lehrte vor Jahren noch R. von Seeliger, dessen Namen besonderen Klang unter den Astronomen der Erde trägt.  Ich lasse nur drei Briefstellen Valiers sprechen, die eigenartig genug die Lage beleuchten.
21. Mai 1922. "Geh. Rat R. v. Seeliger steht Ihren Lehren (ohne daß er es weiß) außerordentlich nahe.  Als ich neulich im Colloquium über die Spiralnebel vortrug (vor allen Herren der Sternwarte und auch vor Professor Emden, der als Gast anwesend war) und dabei eigentlich nichts anderes als Ihre Lehren entwickelte (freilich ohne Ihren Namen zu nennen, vielmehr in der Form, daß ich auf die Spiralnebelarbeit in den Astr. Nachr. v. seinerzeit zurückgriff), fand ich sogar Seeligers Beifall gegen die übrigen Herren.  Seeliger stimmt mit Ihnen in folgenden Punkten überein: Er hält die Reichweite der Schwerkraft für verhältnismäßig eng begrenzt, er hält den Raum für prinzipiell erfüllt (die Annahme eines leeren Raumes erklärt er für Unsinn); er tritt in seinen Vorlesungen immer dafür ein, daß wir die Bahnen selbst der großen Planeten kaum auf 50 000 Jahre mit hinreichender Genauigkeit berechnen können, und erwähnt noch vielfach 'selbst dies nur unter der Voraussetzung, daß gewisse Annahmen, die man zu machen pflegt, richtig sind', während sonst die Unsicherheit unserer Rechnungen noch viel größer wäre.  Er hält ferner die Spiralnebel für nicht gar so große, nicht gar so weit von uns entfernte Gebilde (damit weist er Entfernungen von über 10 000 Lichtjahren gewissermaßen von sich und will nichts mit den Rechnungen zu tun haben, die Hunderttausende von Lichtjahren ergeben).  Seeliger hält an der Repulsivnatur der Sonnenkorona fest und hat berechnet, daß vom Lichtdruck bewegte Teilchen im Maximum 15 000 km/sec. erreichen können, und glaubt, daß die Unregelmäßigkeiten am Enckeschen Kometen schon auf die Raumerfüllung und ihre besondere lokale Bewegung (Koronastrahl) zurückzuführen sind usw. usw.  Oft, in seiner Vorlesung möchte man meinen, als wäre er ein geheimer Anhänger Ihrer Lehre.  Aber trotzdem sagte er einmal zu mir in seiner Bibliothek, als ich Ihren Namen vorsichtig und Ihr Buch nannte (indem er die Glazialkosmogonie aus dem Regal griff und vor mir am Tische aufschlug), 'was soll man denn mit dem Manne (Hörbiger) machen, es ist keine Mathematik drinnen in dem ganzen Buch, alles nur Figuren und Spekulationen'."

30. Juli 1922.  "Jedenfalls ist er (Seeliger) der Astronom, vor dem ich immer noch am meisten Respekt habe.  Vorigen Freitag beschloß er seine Vorlesung, die mir sehr viel Interessantes zu Ihren Lehren gebracht hat, durchaus günstig für Sie; die Gravitation hält Seeliger nicht als streng Newtons Formel befolgend.  Die ganze bisherige Störungsrechnung für ziemlich auf schwankendem Boden stehend und alle Ergebnisse für recht unsicher.  Nur Jahrzehntausende könne man von einer Stabilität des Sonnensystems sprechen."

21. Februar 1923.  "Zum Schlusse heute noch zwei historische Dinge zum Festhalten.  Am 20. Jänner fragte ich nach der Vorlesung Geheimrat Seeliger, ob man denn mit der Polarisation des Lichtes im Weltraume nichts zur Entscheidung anfangen könne, ob es sich um reflektiertes Licht handle oder nicht, ebenso fragte ich ihn, ob man die Asteroiden irgendwie anders erkennen könne als nur durch ihre Bewegung.  Seeliger sagte darauf: Ausgeschlossen, weder spektroskopisch, noch sonstwie.  Nur durch die Bewegung.  Der Polarisationseffekt versagt vollkommen.  Nicht einmal bei dem so hellen Monde lasse sich die Polarisation nachweisen.  Wenn man also darauf allein angewiesen wäre, könnte man heute noch nicht entscheiden, ob der Mond selbst leuchte oder von der Sonne beleuchtet werde.  Von den Planeten gar nicht zu reden.  Bei Asteroiden ebenso.  Bei Spiralnebeln, etwa dem hellen Andromedanebel, ganz und gar ausgeschlossen!  Er, Seeliger, habe daher schon vor 25 Jahren behauptet, daß diese Nebelflecke nicht aus Millionen uns so fern stehenden Fixsternen bestünden, sondern nur beleuchtete Staubwolken seien, die uns verhältnismäßig nahe stünden und Fixsternspektrum eben zeigen, weil ein in ihnen stehender Fixstern sie beleuchte.  Am 10. Februar gab ich Seeliger mein Weltuntergangsbuch.  Gestern fragte ich ihn nach der Vorlesung, ob er's schon gelesen habe.
Antwort: Zum Teil.  Das Büchel wäre ganz nett, nur schade, daß ich darin so mit dem Hörbiger sympathisierte.  Ich fragte dagegen: Ja, warum soll denn das so schade sein, ich dächte doch, Hörbigers Lehren müßte man, wenn man sie selbst vorsichtig einschätze, zuerkennen, daß sie neues Blut in viele vertrocknete Gebiete der Sternforschung brächten!  Seeliger darauf: Ja, aber die Milchstraße, die Milchstraße!!  Das ist doch unmöglich, einfach unmöglich!"

Ein schon wenig geschulter Kenner der Welteislehre wird mit Dank wissen, diese Kostprobe hier eingeschaltet zu haben.  Bleibt doch der Vorwurf der Sympathie für Hörbiger eigentlich beim Lehrer selbst hängen, was schon mehr witzig als tragikomisch erscheint.  Und wieviele Hunderte von ähnlichen Fällen wären anzuführen, die ich selbst in den letzten Jahren zusammengetragen und auch zuweilen veröffentlicht habe.  Doch genug des fröhlichen Streites.

Fast ein Jahrzehnt hatte Valier mit zäher Hingabe, Mut und Ausdauer für Hörbiger gewirkt und gestritten, hatte Farbe bekannt und sich dadurch manche Vorteile akademischer Natur verwirkt.  "Sollte einmal," führt Hörbiger dieser Tage in einem Valiernachruf aus, "die Geschichte des Kampfes um die Welteislehre geschrieben werden, so wird darin Valier unter den ersten Pionieren zu schildern sein."  Er war jedenfalls der erste, der diesen Kampf überhaupt aufgenommen hat und wiederum der erste mit den nötigen Qualitäten dazu ausgestattete.  Das darf nie vergessen bleiben.

H.W. Behm


(Quellenschriftauszug aus dem Buch: "Hörbiger - ein Schicksal" von H.W. Behm, 1930, v.Hase & Koehler Verlag, Leipzig)