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Warum ist die heutige westliche Gesellschaft einfach nur oberflächlich?



(Quelle: Infozeitung "Nationalpark Berchtesgaden" Nr.16/2004)


Die "fast-foodisierte" Gesellschaft

Im Spätherbst legt sich die Natur für Monate zur Ruhe, sie entschleunigt ihren Lebensrhytmus; das Wachstum nimmt eine Auszeit bis in den Frühling; die Tiere stellen ihre Revierkämpfe ein; die Winterschläfer verlegen sich auf Energiesparen. 
Kurzum: Die Natur schont alle Kräfte für die vitale Beschleunigung im Frühjahr.
Alle Welt redet von unerträglichem Stress.  Tempo macht Stress - bei der Arbeit, beim Autofahren, am Arbeitsplatz.
Und die Gestressten träumen von der Auszeit.  Doch ausgerechnet das  hehre olympische Motto "schneller, höher, stärker" rechtfertigt die Beschleunigung unseres Lebenstempos bis hin zum Nervenzusammenbruch.  So wachsen unsere Kinder heran zu "Stress-Rekruten".  Folgerichtig ist Wellness "in"- das "Wohlfühlen".  Warum eigentlich?
Weil es das Tempo bremst, das Leben entschleunigt, eine Auszeit aus dem Stress gewährt.
Unter den Definitionen unserer Gesellschaft stechen die "Beschleuniger" ins Auge: Risiko-, Wegwerf-, Spaß- oder Egogesellschaft - und zwar bis zur alarmierenden Definition der individuellen Freiheit als Maximierung der unbegrenzten Wahlmöglichkeit ohne Rücksicht darauf, ob das andere Menschen in Stress stürzt.
Der Grazer Soziologe Manfred Pritsching hat die Beschleunigung unseres gesellschaftlichen Daseins als "MacGesellschaft" (in Anlehnung an eine Fastfoodkette) charakterisiert:
"Wir sind Zeugen einer `Fast-foodisierung` aller Lebensbereiche - als Angebot der schnellen Bissen, die mit zunehmender Freude und Behändigkeit konsumiert werden; der Ersatz geordneter (Essens-)Abläufe durch die raschen Häppchen.  Keine mühsamen Bildungsprozesse, sondern schnelle Informationshappen.  Keine langwierigen politischen Argumentationen, sondern rasche Sager, hübsche Bilder, undurchdachte Ideen.  Keine schwierigen persönlichen Beziehungen, sondern rasche Begegnungen und Verbindungen, die jederzeit wieder gelöst werden können.  Keine Dauerhaftigkeit und Langsamkeit, sondern Flüchtigkeit, Unverbindlichkeit und Beschleunigung.  Keine reifen Identitäten und Persönlichkeiten, sondern 'außengesteuerte' Menschen, die sich je nach Gelegenheit anders darstellen.  Keine Muße, sondern Hektik.  Kein Ringen um Erkenntnis, sondern Bemühung um das Erregen von Aufmerksamkeit.  Keine Aussagen, sondern Gags.  Keine ernsthaften Bekenntnisse, sondern eventhafte Deklamation.  Kein gelingendes Leben, sondern bestenfalls gelingende Momente."
Dieser Befund entzaubert das gedankenlos hingesagte (lateinische) Sprichwort: "Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen."  Überprüfbares Faktum ist vielmehr: Wir verändern die Zeiten und wundern uns hinterher, was dabei herauskommt.
Und dieser Zustand soll ein Nationalparkthema sein?  Ist es sehr wohl, weil die Natur im Nationalpark ungestört ihren Gesetzen folgt; weil der Nationalpark folgerichtig einen Bildungsauftrag zu erfüllen hat.  Bildung - das heißt in diesem Fall einfach genau hinzuschauen, warum die Natur im Winter entschleunigt, eine Auszeit nimmt.  Ob aber unsere "fast-foodisierte" Gesellschaft daraus praktische Konsequenzen zieht, ist eine andere Frage.  Die Antwort darauf hat nämlich mit Nachdenken und Einschränken zu tun.

Dr. Clemens M. Hutter