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Der Birnbaum auf dem Walserfeld



Es ist der 7. Julmond.
Eigentlich ein Tag wieder jeder andere.
Doch an diesem Tag wird sich ein tragisches Geschehen ereignen.
Der Hoffnungsträger für die deutschen Lande, der Freiheitsbaum, wird fallen.
Es ist nicht irgendein Baum, sondern der sagenumwobene Birnbaum auf dem Walserfeld.
Menschlicher, rein der Materie anhängender Unverstand, ist anscheinend daran Schuld.
Das Jahr dieses Frevels ist nicht, wie mancher meinen möchte, 1167 oder 1872, sondern das Jahr 2015.


Walser Birnbaum im Jahre 2003
Der alte Walser Birnbaum im Sommer 2003



Daß es diesmal Walser selbst gewesen sind, die dieses Vorgehen anordneten und für gut befanden ist unverständlich.
Denn vor über 140 Jahren hatte man in Wals vor dem Birnbaum auf dem Walserfeld noch höchste Ehrfurcht gezeigt:

"Denn in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai 1872, also in der Philippinacht, wurde der alte Birnbaum mutwilliger Weise angesägt und eine Woche später fiel er einem heftigen Sturm zum Opfer.  Die Nachricht von dieser unverantwortlichen Tat erregte nicht nur in unserem Heimatlande, sondern auch weitum in Bayern und anderswo Aufsehen und Bestürzung.  Noch heute erzählt man, daß die alten Walser immer der Überzeugung waren, wer sich am Birnbaum vergreift, wird keines natürlichen Todes sterben.  Die Täter blieben der Öffentlichkeit unbekannt, obwohl man insgeheim den und jenen verdächtigte.  Als sich nach vielen Jahren ein paar unerwartete Todesfälle ereigneten, gab dies dem Glauben an die rächende Naturgewalt neues Leben." (1)

Beim oben erwähnten Birnbaum handelt es sich um den Vorgänger des am 7. 12. 2015 umgesägten Baumes.
Wer waren die damaligen Täter? .........







Der alte Birnbaum auf dem Walserfeld im Hartung 2014



Ungefähr aus dem gleichen Winkel, wie das obige Bild noch mit Baum. 
Der Schauplatz gleicht einem Granateneinschlag.  Der Baum wurde zerstückelt abtransportiert.



Weshalb mußte nun der heutige 128 Jahre alte Birnbaum am 7. Julmond 2015 weichen?
Einer der Gründe mag sein, daß er als Wappen von der Gemeinde Wals-Siezenheim nichts mehr taugte.
Denn seit 1948 ist das Wappenmotiv von Wals-Siezenheim der Birnbaum auf dem Walserfeld. Im Wappen sehen wir den Untersberg, davor den Birnbaum mit großen Birnenfrüchten behangen dargestellt.
Da der 128jährige Birnbaum keine oder kaum mehr ansehnliche Birnen trug, war er womöglich als lebendes Wappen unbrauchbar geworden.

Als andern Grund wurde sein allgemeines Erscheinungsbild angeführt.
Laut einem Gärtner von der Gemeinde Wals-Siezenheim hätte der Baum nun endgültig sein biologisches Alter erreicht. 
Zudem hätte er Risse, durch die Regenwasser eindringe und dazu führe, daß er morsch werde.
(s. Beitrag: http://salzburg.orf.at/news/stories/2672166)

Sind dies bereits genügend überzeugende Gründe, um den sagenumwobenen Birnbaum auf dem Walserfeld zu entfernen und ihn durch einen Mostbirnbaum, 300 m vom ursprünglichen Standort, zu ersetzen?
Man bedenke: der alte Birnbaum auf dem Walserfeld stand unter Denkmalschutz. ............


Geht es hier wirklich nur um das äußere Erscheinungsbild und die Birnen?
Wir sind der Meinung: Nein.
Denn, wenn es sich hier nur darum gehandelt hätte, ob der alte Birnbaum Birnen trage oder nicht, dann hätte man ihn ja bereits vor 5 oder 10 Jahren entfernen können. Denn die Minibirnchen, die er bereits zu dieser Zeit nur noch trug, waren nicht besonders ansehnlich.
Nein, es geht hier nicht um Birnen, sondern um eine alte Sage, die sich um den Birnbaum auf dem Walserfeld rankt.

Um dies alles zu verstehen, müssen wir ganz von vorne beginnen.

"Der dort jetzt befindliche Birnbaum soll der siebente sein (man beachte dabei die magische Zahl 7!), seitdem der erste seiner Art noch zur Zeit der Völkerwanderung auf dem Walserfeld gepflanzt worden ist." (2)
Der Siebte war also der Birnbaum, der am 7. 12. 2015 gefällt worden ist.


Die erste Erwähnung des Baums auf dem Walserfeld führt auf das 5. Jahrhundert n. d. Zeitenwende zurück.
"Der Germanenführer Odoaker soll auf seinem Zuge in den Süden, der ihn zum König von Italien machte, mit seinen Scharen am Fuße des Untersberges gerastet haben.  Hierbei soll er Zeuge einer heidnischen Kultzeremonie geworden sein, bei der der römische Priester der nahen Stadt Juvavum fünf Knaben und fünf Mädchen den Göttern opfern wollte.  (Es soll sich hierbei um Germanenkinder gehandelt haben. - (1) )
Odoaker und seine Männer seien bei dem Versuche, die Kinder zu retten, in einen blutigen Kampf verwickelt worden.  Achtzehn Jahre danach hätten die Kampfgefährten Odoakers, der inzwischen 493 nächst Ravenna ermordet worden war, auf ihrer Rückkehr in den heimatlichen Norden die Stelle wiedergefunden.  Dort wäre nun ein Birnbaum voll der köstlichsten Früchte gestanden." (2)


"Jahrzehnte und Jahrhunderte vergingen, der Birnbaum wurde dürr, aber immer wieder begann er neu zu ergrünen. Im Jahre 803 kam Kaiser Karl der Große über das Walserfeld nach Salzburg.  Sein Freund, der Erzbischof Arno begrüßte ihn vor den Toren der Stadt, wahr- scheinlich auf dem Walserfelde, vielleicht im Schatten des alten Birnbaumes." (1)


"Tatsächlich und damit erstmalig wird der Walser Grenzbaum in der Berchtesgadener Goldenen Bulle Barbarossas von (13. 6.) 1156 erwähnt und tritt damit urkundlich in Erscheinung.  Bis zum Walserbaum, damals eine Fichte oder Tanne, reichte ausweislich der Goldenen Bulle Barbarossas einst der große Forst von Berchtesgaden." ("usque waliwes ad abietem in cimiterio stantem" = bis zu Waliwes-Wals, bei der Tanne/Fichte auf dem Friedhof)  (4)


Zur Tanne auf dem Walserfeld existieren zwei Sagen, die wir hier anführen wollen.........



Das Walserfeld mit seinem Baum gehört zu einem Sagengebiet rund um den Untersberg.
Im Gegensatz zu den vielen herkömmlichen Sagen, handelt es sich bei der Sage vom Birnbaum auf dem Walserfeld gleichzeitig um eine Weissagung, also um eine Prophezeiung. 
Die Sage bzw. Weissagung selbst, geht (angeblich) bis auf das Jahr 814 zurück.

"Als dann im Jahre 814 Kaiser Karl aus Achen jenseits des Rheines starb und die Nachricht von seinem Tode auch in unsere Gegend kam, schüttelte so mancher Alte den Kopf: Der Kaiser ist nicht gestorben, er schläft nur, tief drinnen im Untersberg.  .... Wenn sein Bart dreimal um den Tisch gewachsen ist und die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, dann wird auch der alte Birnbaum wieder Früchte tragen.  Der Kaiser wird aus dem Untersberg heraus kommen und aufs Walserfeld herab steigen.  Dann beginnt die letzte Schlacht, die Schlacht zwischen den Guten und den Bösen.  Bis zu den Knöcheln werden die Kämpfer im Blute waten.  Nach dem Sieg der Guten wird der Kaiser seinen Schild an den alten Birnbaum hängen und in seinem Schatten ausruhen." (6)

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Der Kaiser im Untersberg


Aus dem Jahr 1523 (8) existiert eine weitere Aufzeichnung, die nun die Wichtigkeit des Baumes auf dem Walserfeld, in Zusammenhang mit der Weissagung, hervorhebt.
Dazu schreibt Friedrich Schönau:
"Zahlreiche Abschriften mit mehr oder weniger geringfügigen Abänderungen wurden in der Folgezeit von dieser Sagenerzählung gemacht, so daß selbst dem gewiegten Forscher die Bestimmung der ältesten Niederschrift, der Urfassung, schwerfällt. Besonders kostbar durch die eingefügten farbigen Illustrationen von köstlich naivem, bäuerlich buntem Figurenwerk in der Art der Martel- und Bildstöcklmalerei ist die Handschrift des Städtischen Museums Salzburg.  Sonderbar eingehüllt wird in den Manuskripten die Friedrichslegende in die weitschweifigen Erzählungen eines angeblichen Reichenhaller Stadtschreibergehilfen mit Namen Lazarus Gizner oder Aigner, der im Untersberg gewesen und die dort geschaute Wunderwelt selbst nachher beschrieben haben soll.  Angefügt sich der Haupterzählung oft noch Geschichten vom Leben und Treiben der zauberkundigen Untersbergzwerge." (9)

Das Ganze geht zurück auf das Erlebnis von Lazarus Gitschner/Gizner oder Aigner an Pfingsten den 24./ 25. Mai 1523, zu Vollmond. (10)

"Als Kern der Lazarusgeschichte läßt sich aus der überladenen Schilderung herausschälen: Der Berichterstatter Lazarus entdeckt auf einem Spaziergang auf den Untersberg - wir wollen hier wenigstens teilweise der Urwüchsigkeit halber, seiner altertümlichen Schreibweise folgen - 'unter den Hochn Thron ein Schrüfft mit silbern Buchstaben eingehaunt in die Wandt', die er abschreibt.  Darüber ist es Dämmerung geworden und er muß auf dem Berge nächtigen.  'Und am Pfingsttag frühe, als ich hab wöllen wiederumb heimgehen, da hab ich in die Weithe geschaut und bin ein wenig auf Pertlsgaden zuegangen und wie ich also hab umbgeschaut am Herabgehen in die Weith, da sah ich vor mein stehen ein Barfuesser Münich ...'  Der trug ein großes Schlüsselbund, mit dem öffnet er ein große eiserne Thür gegen den Hochn Thron und geleitet den Lazarus in das Innere des Berges.
Hier tut sich nun eine Art frommes Schlaraffenland auf.  In einem großen klosterartigen Gebäude gibt es gut und reichlich zu essen, herrliche Musik erschallt, eine große 'Liberei' mit vielen altertümlichen Schriften, der Weltweisheit aller Zeiten wird ihm gezeigt, zahlreiche kirchliche Handlungen gehen vor sich, die Nächte über verbringen sie in den um den Untersberg herumliegenden Kirchen und Kapellen, denn von einem Turme aus führen durch eiserne Türen schöne Gänge, z. B. nach St. Pärtlmee, zu Pertlsgaden, gen St. Zeno bei Reichenhall, gen Salzburg zu St. Rueprecht in Thumb ....  Zurückgekehrt lesen sie tagsüber in den großen Büchern die wunderbarlichen Geschichten und Weissagungen und dabei, so heißt es, sahen sie 'durch die Fenster hinaus auf die schöne, weithe Wiesen .... da gieng ein Kayser unter dem Volckh, der hat ein guldene Cron auf und trueg einen keyserlichen Scepter in seiner Hand, er hat einen langen gräben Barth, der gieng ihm auf den Laz hinab, auch andere Herrn und Frauen, da fragt ich den Münich, wer sie wären, da sagt er mirs: Der Kayser, der dort geht, der ist der Kayser Friderich, der verzuckht ist worden auf dem Walserfeldt, sieh ihn eben an, er ist in gestalt, wie er verlohren ist worden; auch hab ich mehr Fürsten gesehen, als Herzog Albrecht von München und Erzbischof Leonhard, den Prälaten zu St. Peter, einen Probsten von Pertlsgaden und St. Zeno ....da fragt ich den Münich, was ihr Thain und Handlung hierinnen sey, da hueb er sein Hand auf und gab mir einen entsätzlichen Backenstreich an das linckhe Wang, denselbigen hab ich all mein Lebtag empfundten, und mich zornlichen angefahren, sprach er zu mir, was darfst du der Geheimbnus Gottes nachfragen, du sollst fragen, was noth ist zu wissen, der Geheimbnus Gottes darfst du nit nachfragen oder was ihr Thain hierinnen sey". ....
....."Der Mönch sagt mir auch von den Birnbaum auf dem Walserfeld, derselbe Baum stehet zu einem Gedächtnis der Schlacht ... Der Baum ist lange Zeit dörre gestanden und oftmalen gar umgehauet worden.  Gott der Allmächtige aber hat die Wurzeln des Baumes behütet; und hat allezeit wieder zu grünen und zu wachsen angefangen und saget mir der Mönch, wann der Baum angewachsen und Frucht bringet, so wird die Schlacht ihren Anfang nehmen und der Fürst von Bayern wird seinen Schild daran hängen und die Schlacht wird so groß und erschröcklich sein, daß alles Volk wird herziehen ... so alles geschehen wird zur Errettung des christlichen Glaubens .... dan so würd alles Volckh aneinander erschlagen und erwürgen in großen Grimmen, das das Feldt weith und breith mit Bluet yberrunnen bis an die Enckhel" .....  (11)

Und weiter steht geschrieben:
"... so weit und groß das Feld ist, und was für Volk wird überbleiben, sagt mir der Mönch, werden alle von denen Riesen erschlagen werden, so in diesem wunderlichen Berg wohnen, die Gott darum erhalt, sammt dem Kaiser Friedrich, der auch darinnen wohnet und sie werden heraus kommen zu der Schlacht, die Unglaubige auszureiten, ....." (12)

Zum Schluß beschreibt Lazarus seine Heimkehr:
"Der Mönch heisst mich gehen, mit dem Segen des heiligen Kreuz und sagt, ich soll nicht umschauen, also bin ich mit Furcht und Zittern von dem Untersperg nach Reichenhall gangen, der Herr Pfarrer und Stadtschreiber haben mich gefraget, warum ich so kleinlaut oder was mir geschehen seye, ich gab ihnen aber die Schrift, so ich abgeschrieben hab, auch alles was ich gehört und gesehen, fleissig beschrieben, und nach 35 Jahren hab ich es gesaget, welches mir aber die Leut nit recht glauben wollen, weilen unter denen Jahren Herr Pfarrer und Stadtschreiber mit Tod abgangen seyn." (12)

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Im Jahre 1930 wird die Weissagung in der Beilage "Bergheimat" des Berchtesgadener Anzeigers genau beschrieben:
"Wenn über Deutschland die höchste Not hereinbricht erwacht Kaiser Karl zu neuem Leben sammelt sein Gefolge und zieht an der Spitze desselben aus dem Untersberg hin zum großen Walserfelde.  Dort angekommen, hängt er sein Wappenschild an einen dürren Ast des Birnbaumes, der oft verflucht und abgehauen, doch immer wieder nachwuchs.  Darauf erschallt sein Heerruf durch Deutschlands weite Gauen und alle treuen Deutschen eilen, sich unter seinem Schilde zu sammeln.  Aber auch alle Feinde Deutschlands und viele seiner eigenen Söhne werden sich zusammenrotten, mit großer Heeresmacht den Kaiser angreifen und ihn und seinen Anhang zu vertilgen suchen.  Damit wird eine schreckliche dreitägige Schlacht entbrennen, zu der alle Männer, Weiber und Kinder zulaufen und mitmorden werden.  Die Erschlagenen werden Hügel bilden, das Erdreich wird nicht mehr das vergossene Blut einzusaugen vermögen, es wird den Streitern in die Schuhe laufen und des Rasens und Mordens wird kein Ende, bis am Abend des dritten Tages alle fremden und einheimischen Feinde Deutschlands gedemütigt, erschlagen und vernichtet sind.  Über das blutige Walserfeld wird vom Hohenstaufen noch die Sonne ihre scheidenden Strahlen entsenden, wenn von dem großen Wahlplatze der Kaiser mit seinem Heere gegen Salzburg zieht, dessen alte Burg einst Zeuge war seiner Verzückung und Zeuge ist seines Sieges und seiner Herrlichkeit.  Die Tore der Stadt werden zu enge sein, um die Scharen der Streiter einzulassen, die Räume derselben zu klein, sie zu beherbergen.  Am kommenden Morgen aber wird der Kaiser mit allen Bischöfen, Fürsten und Edlen der Wunderhalle und seinen tapferen Heerscharen im hohen Dome zu Salzburg ein feierliches Dank- und Lobamt halten, den ewigen Frieden verkündigen und seinen Nachfolger als Ersten des neuen Kaisergeschlechtes erwählen." (13)

Zusatz: "Der Küblerbauer Georg bei Bad Reichenhall erzählte gewiß, daß Kaiser Karl, wenn er die Schlacht auf dem Walserfelde wird ge- wonnen haben, auf einem dreifüßigen Schimmel mit der Siegesfahne davonreiten wird." (14)

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Soweit die Sage bzw. Weissagung.
Wurde diese Sage bzw. Weissagung womöglich auch von den weltlichen Herrschern ernst genommen?

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Friedrich Schönau schreibt:
"Tatsächlich tut sich im Innern des Untersberges eine ganz eigenartige Zauberwelt von glitzernden Eishöhlen auf.  Von vielen Hohlräumen ist der rosarote Marmorblock durchzogen, dessen hochragendes Gewänd wie eine Götterburg weit in die Lande hinausleuchtet.  Geheimnisvolle Quellwasser durchrauschen sein Geklüft und gestalten unter dem Einfluß kälterer Luftmassen wunderbare Gebilde, Gänge und Hallen, Orgeln und Throne, ja Figuren aus Eis.  Was Wunder, wenn sich einmal eine Sennerin oder ein Jägersmann in seine Weltabgeschiedenheit verirrte, daß sie hernach im dämmerigen Almkaser und in den niederen Forsthütten zu erzählen wußten von Gold- und Silberschätzen, von Zwergen, Riesen und wilden Frauen, von Orgelklang und Schlachtenlärm.  Es konnte auch sein, daß seit ihrem Eintritt in den Berg bis zu ihrer Rückkehr 100 Jahre inzwischen vergangen waren - die unheimliche Vorstellung des Zeitverlierens haftet dem Berg an.
Inmitten des glitzernden Eispalastes thront die uralte Gestalt eines Heldenkaisers mit einem langen starken Bart - ein Herrscher, wie sich die Leute Karl den Großen oder Friedrich Rotbart vorstellen.  Beide sind ja zu ihren Lebzeiten hier am Untersberg sehr wohltätig gewesen und seitdem im Volke beliebt geblieben: Kaiser Karl als Förderer des mächtigen Salzburger Erzbistums, Barbarossa als Schützer der Stifte Berchtesgaden und St. Zeno." (20)

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Der Birnbaum, den der bayerische König Ludwig I. umwanderte und pfleglich "unter seinen Schutz" stellte, fiel Anfang Mai 1872 dem bereits oben erwähnten Frevel zum Opfer.

"Bemerkenswert aber ist, was seinerzeit 1872 mit dem Holz des gestürzten Baumes geschah:
Es wurde von einem Forstverwalter namens Johann Lindlbauer samt dem Wurzelstock abgekauft, und der Halleiner Kunstschnitzer Anton Baumann erhielt von Lindlbauer den Auftrag, aus dem Birnholz Schnitzwerke anzufertigen, die sich auf die Untersbergsage beziehen müßten.
So entstanden Zigarrenbehälter, Brot- und Früchteteller, Messer, Gabeln, Löffel, Becher, Tabakspfeifen, Schnupftabaksdosen, Bilderrahmen usw., aber auch größere Gegenstände, u. a. - wie einem eigenen Werksverzeichnis zu entnehmen ist - '...eine große Schmuckschatulle in der Breite von 21 Zoll und in der Höhe von 18 Zoll, darstellend auf dem Deckel den Kaiser Karl mit seiner Tochter, welche des Kaisers Bart mißt, am steinernen, runden Tisch sitzend, in dem Momente, als ein Gnome ihm von dem Frevelschnitte Nachricht bringt und ein Gnome Beweise halber einen Zweig Fruchtknoten und Blätter vom Birnbaume vorlegt.  Am Sockel zwei Wächter mit Hellebarden und Schildern mit dem Untersbergvogel, einen Portier mit dem Schlüssel und einen Gnomen, welcher auf einem unter den Waffen liegenden Schilde die Sage vom Untersberg meißelt, ferner den Frevelschnitt als Verzierung des Schlüsselloches....' (Text aus einem 1875 bei Pustet gedruckten Werkskatalog von Anton Baumann.)
Der Auftraggeber Lindlbauer wollte sich mit den Erzeugnissen des Halleiner Holzbildhauers sogar auf eine Deutschlandtournee begeben und sie in Ausstellungen vorführen!  Der unbearbeitete Wurzelstock befindet sich heute im 'Haus der Natur" in Salzburg." (22)

Von den fertiggestellten Stücken erhielten die Habsburger, Wittelsbacher, Hohenzollern und sogar Bismarck als Geschenk.  Auch hier sehen wir wieder das große Interesse von den Herrschern der damaligen Zeit  am Birnbaum auf dem Walserfeld.

"Große Teile des Lindlbauerschen Erbes gingen schließlich 1903 an eine Bauersfamilie in der Faistenauer Gegend über, tauchten dann 1909 in einer Salzburger Tändlerei auf und verschwanden schließlich verschiedentlich in Privatbesitz, wurden also wahrscheinlich weitum verstreut.  Letztmalig wurden mehrere Stücke gemeinsam im Jahre 1943 in der Berchtesgadener Ausstellung 'Reichssage 1156-1943' gezeigt." (22)

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Der alte Wurzelstock des Birnbaumes, den der bayerische König Ludwig I. noch umwandert hat.
Originalstamm des 1872 gefällten historischen Walser Birnbaumes. Aufnahme aus dem Jahr 2003/2004.




"Im Jahre 1874 erwarb der k. u. k. Regimentsarzt im Reichskriegsministerium in Wien Dr. Heinrich Wallmann vom Siglbauern ein etwa 18 m² großes Grundstück zum Zwecke des Pflanzens eines Erinnerungsbaumes.  Wallmann war seinerzeit unter dem Dichternamen Heinrich von Mattig bekannt.  Das Grundstück liegt etwa 100 Schritte nördlich des Standortes des umgeschnittenen Birnbaumes (1872) und somit näher an der Straße nach Reichenhall (heute Innsbrucker Bundesstraße).  An die Salzburger Gesellschaft für Landeskunde wurde sodann der Antrag gestellt, den vernichteten Baum durch Pflanzen eines neuen Baumes zu ersetzen, um so dem Volke die Sage ewig frisch zu erhalten.  Das Grundstück wurde am 25. August 1874 dem Dr. Wallmann übergeben, der Kaufvertrag jedoch erst am 9. November 1875 abgeschlossen.  Seither wird das 18 m² große Grundstück mit der Parzellennummer 1515/2 im Grundbuch der Katastralgemeinde Wals I unter der Einlagezahl 146 'Grundfläche des Birnbaumes auf dem Walserfeld' ausgewiesen."
Schon am 5. April 1875 pflanzte Major Skuppa in feierlicher Form einen wilden Birnbaum auf die neu erworbene Grundparzelle.  Dieser Baum wurde aber am 2. September 1883 Opfer eines Sturmes.  Im Frühjahr 1887 haben dann der Salzburger Historiker Zillner und Dr. Wallmann wiederum einen Birnbaum gepflanzt. (24)

"1899 vermachte Dr. Wallmann Baum und Platz der Stadtgemeinde Salzburg, und abermals noch 70 Jahre später (5. 11. 1970) trat diese das kleine Areal samt seinem altüberkommenen Wahrzeichen an die Gemeinde Wals ab." (25)


Vier durch eine Kette miteinander verbundene Ecksteine umfassten einst seinen Standort, 100 Schritte vom Standplatze des Vorgängers.
Und auf einem Gedenkstein stand geschrieben:
"Hier stand bis 1872 der sagenumwobene Birnbaum auf dem Walserfeld. 
Menschlicher Unverstand und Sturmgewalt haben seinen jahrhundertealten Stamm gebrochen. 
In den Sagen um den Untersberg lebt er fort." (26)


Anfang 1970 wurde der obige Text durch den folgenden Text ersetzt:
"Der sagenumwobene Birnbaum auf dem Walserfeld.  Erstmals gepflanzt von Römer Hand.
Ward er verdorrt, stets ein Neuer entstand.  So zeugt er mit Blüte-Frucht und neuer Blüte von Gottes Kraft und Gottes Güte."


Wann diese Inschrift, die vorige Inschrift ersetzt hat, ist uns nicht bekannt.




Nach dem zweiten Weltkrieg war das lebende Nationaldenkmal kurzfristig in großer Gefahr.
"Nach dem 2ten Weltkrieg wollten die amerikanischen Besatzer den Birnbaum umschneiden lassen.  Als aber der zuständige amerikanische Offizier den verhältnismäßig kleinen Baum gesehen hat, wurde von diesem Vorhaben Abstand genommen." (27)



Kommen wir nun auf Wichtigkeit des Erscheinungsbildes vom Birnbaum, der am 7. 12. 2015 gefällt wurde, zu sprechen.
Dessen "abgestorbenes" Aussehen hatten wir bereits zu Beginn unseres Aufsatzes erwähnt.
Denn es soll ja einer der Gründe gewesen sein, weshalb der Baum entfernt werden sollte bzw. entfernt wurde.
Gerade dieses Aussehen, dieses Erscheinungsbild: Risse, morsch, ausgedorrt -, war von großer und entscheidender Bedeutung.
(Fettdruck in den folgenden Texten von uns):

1) Aus dem Brixener Büchlein von 1782 "Sagen der Vorzeit, oder ausführliche Beschreibung von dem berühmten Salzburgischen Untersberg oder Wunderberg".  Unter dem Kapitel "Eine andere geheime Erzählung von diesem Wunderberg" - S. 38
"Auch sagte der Mönch zu Lazarus: Siehe dort auf dem großen Walserfeld steht ein ausgedorrter Biernbaum, zum An- und Vordenken dieser letzten Schlacht...."  .... "Viele Jahre, bevor sich die gräuliche Schlacht in diesem Walserfeld wird ereignen, bleibt er ausgedorrt da stehen: wann er aber zu grünen anfanget, wird es schon nahe seyn; ...."

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4) Der Dichter Adalbert von Chamisso verarbeitete die Weissagung in seinem "Lied vom Walserbaum" (1831).
Der Dichter weist hier ausdrücklich auf das Erscheinungbild des Baumes hin (Auszug des Gedichtes):

"Das Walserfeld bei Salzburg, bezeichnet ist der Ort,
Dort steht ein alter Birnbaum verstümmelt und verdorrt, .....
......
Nun sag' euch das Zeichen: Ihr wisst den Birnbaum dort,
Er trauert nun entehret, verstümmelt und verdorrt;
Schon dreimal abgehauen, schlug dreimal auch zuvor
Er schon aus seiner Wurzel zum stolzen Baum empor.

Wann nun sein Stamm, der alte, zu treiben neu beginnt,
Und Saft im morschen Holze aufs neu' lebendig rinnt,
Und wann den grünen Laubschmuck er wieder angetan,
Das ist das erst Zeichen: Es reift die Zeit heran." (29)



5) In der "Ballade vom Untersberg" spricht der Herold des versteinerten Kaisers im Untersberg mit dem Fürstensohne, der des Kaisers hatte umarmen wollen:
"...Und hängt des Volkes Oriflamme, sein Schild an jenen morschen Baum, und wird er wieder Blüthen tragen, dann wird die Rettungs- schlacht geschlagen..." (30)
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Und genau dies Erscheinungsbild zeigte der alte Walser Birnbaum!
Obgleich der Birnbaum auf dem Walserfeld anscheinend trostlos aussah, befand sich in ihm noch verborgenes Leben bzw. Lebenskraft. 
Jeder, der etwas feinfühlig ist und den Birnbaum besucht hatte, hatte diese verborgene Lebenskraft auch bestätigt.

Doch kaum ist der alte Birnbaum gefallen, beginnt bereits eine höchst merkwürdige Umdeutung der Weissagung.

Zu der Neupflanzung eines Mostbirnbaumes auf dem Walserfeld, 300 m vom alten Birnbaum entfernt, schreibt die Zeitung "Salzburger Fenster" am
9. 12. 2015 u. a.: "Der berühmte Walser Birnbaum wurde neu gepflanzt.  Der Baum wird erstmals 1564 urkundlich erwähnt.  Ein gewisser Lazarus Gitschner, Knecht des Stadtschreibers von Reichenhall, soll auf seinem Sterbebett berichtet haben, einst habe ihm ein Mönch das innere des Untersberges gezeigt und auf den Birnbaum hingewiesen, bei dem einmal eine große Schlacht stattfinden werde.  Und tatsächlich kam es vom 12. bis 14. Dezember 1800 zur Schlacht am Walserfeld, an die der Birnbaum seither erinnert. ....."

Haben wir etwas nicht mitbekommen?
Erstmals urkundlich erwähnt wird der Walser Grenzbaum in der Berchtesgadener Goldenen Bulle Barbarossas vom 13. 6. 1156 und tritt damit bereits in Erscheinung.  Daß Zeitungsautoren nicht immer genau prüfen, sei noch verziehen.
Daß aber der Versuch unternommen wird, die Weissagung als bereits Geschehenes darzustellen und der Birnbaum auf dem Walserfeld nur noch als einfaches Denkmal für den Kampf vom 12. bis 14. Dezember 1800 zwischen französischen und österreichischen Truppen gelten soll, ist einfach zu viel.
"Nach dem vernichtenden Sieg Moreaus bei Hohenlinden hatten sich die österreichischen Truppen unter Erzherzog Johann zum letzten Widerstand vor den Toren Salzburgs gesammelt.  Es galt den Schutz der ehrwürdigen Kirchenstaaten vor der Sturmflut der französischen Revolution!" (31)

Selbstverständlich war es ein Gefecht auf dem Walserfeld, das viele Opfer forderte.
Wer sich aber die Weissagung genau durchliest und darüber nachdenkt, wird ganz klar feststellen, daß diese Weissagung noch nicht erledigt ist, wie manch einer es vielleicht gerne hätte.  .............................




In einem Vortrag "Kaiser und Endzeitschlacht - der Untersberg im Zentrum der Weissagung" sind wir ausführlich auf die mythologischen, wie auch metaphysischen Punkte eingegangen. Der Vortrag fand im März 2016 im Gasthaus Esterer in Fürstenbrunn statt.

Dieser Vortrag liegt jetzt in Form eines Buches vor. Darin sind die oben mit Pünktchen gekennzeichneten Auslassungen vollständig zu lesen.
Weiterhin enthält das Buch in seinem zweiten Abschnitt eine Entschlüsselung der mythologischen Hintergründe.
Das Buch "Kaiser und Endzeitschlacht - der Untersberg im Zentrum der Weissagung"ist ab sofort in unserem WFG-Ladl zu erwerben.


die WFG-Schriftleitung








Zitat-Quellenangaben
(1) Zweites Heimatbuch von Wals-Siezenheim von Hauptschuldirektor i. R. Franz Müller, S. 9, Jahrg. 1968, Eigenverlag Gemeinde Wals-Siezenheim.
(2) Das große Salzburger Sagenbuch mit mehr als 400 Sagen aus der Stadt u. den 5 Gauen Salzburgs von Josef Brettenthaler, S. 43, 4. Auflage, Jahrg. 1994, Tennengauer Verlagsanstalt.
(4) Das Reichsstift Berchtesgaden und die Kaisersage, Friedrich Schönau, S.128, Jahrg. 1956, Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch
(6) Zweites Heimatbuch von Wals-Siezenheim von Hauptschuldirektor i. R. Franz Müller, S. 8, Jahrg. 1968, Eigenverlag Gemeinde Wals-Siezenheim.
(8) Das Reichsstift Berchtesgaden und die Kaisersage, Friedrich Schönau, S.150, Jahrg. 1956, Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch
(9) Das Reichsstift Berchtesgaden und die Kaisersage, Friedrich Schönau, S.68, Jahrg. 1956, Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch
(10) Sagen, Märchen und Geschichten um Karlstein im Landkreis Berchtesgadener Land, Alfred Dieck, S. 15, Jahrg. 1977, Eigenverlag Gemeinde Karlstein-Bad Reichenhall
(11) Das Reichsstift Berchtesgaden und die Kaisersage, Friedrich Schönau, S.68-70, Jahrg. 1956, Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch
(12) Das Reichsstift Berchtesgaden und die Kaisersage, Friedrich Schönau, S. 151, Jahrg. 1956, Verlag Degener & Co. Neustadt/Aisch
(13) Bergheimat, S.27, 14. April 1930, Reprint Jahrg. 1977, Verein für Heimatkunde des Berchtesgadener Landes, Verlag Berchtesgadener Anzeiger
(14) Sagen und Legenden um das Berchtesgadener Land, Gisela Schinzel-Penth, S. 61, 4. Auflage Jahrg. 1982, Ambro Lacus Buch- und Bildverlag - Frieding
(20) Berchtesgaden - Sage und Geschichte, Friedrich Schönau, S. 32-33, Jahrg. 1953, Verlag Gerhard Geßner, Neustadt a. d. Aisch
(22) Das große Salzburger Sagenbuch mit mehr als 400 Sagen aus der Stadt u. den 5 Gauen Salzburgs von Josef Brettenthaler, S. 44, 4. Auflage, Jahrg. 1994, Tennengauer Verlagsanstalt.
(24) http://www.pfarre-wals.at/Kleindenkmaeler/gebiete/Wals/01-Birnbaum.htm
(25) Das große Salzburger Sagenbuch mit mehr als 400 Sagen aus der Stadt u. den 5 Gauen Salzburgs von Josef Brettenthaler, S. 43-44, 4. Auflage, Jahrg. 1994, Tennengauer Verlagsanstalt.
(26) Sagenhafter Untersberg - Salzburger Beiträge zur Volkskunde -, die Untersbergsage in Entwicklung und Rezeption, S. 170, Band 5, Salzburg 1991/92
(27) http://www.pfarre-wals.at/Kleindenkmaeler/gebiete/Wals/01-Birnbaum.htm
(28) Deutsche Sagen, Gebrüder Grimm, S. 66, 1. Auflage, Jahrg.1998, W. Goldmann Verlag München
(29) Hochlandromantik um den Königssee, Friedrich Schönau, S. 137, Jahrg. 1952, Verlag Gerhard Geßner, Berchtesgaden-Schellenberg, Salzburger Straße 59
(30) Hochlandromantik um den Königssee, Friedrich Schönau, S. 155-156, Jahrg. 1952, Verlag Gerhard Geßner, Berchtesgaden-Schellenberg, Salzburger Straße 59
(31) Geschichte des Berchtesgadener Landes, Friedrich Schönau, S. 50, Jahrg. 1960, Verlag Degener & Co., Neustadt an der Aisch