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Sagenhaftes Aztlan



Die folkloristische Aztlan-Sage der Mexikaner

In der Nummer vom 16. März des Jahrganges 1930 der Zeitung Diario in La Paz veröffentlicht Professor Posnansky einen interessanten Artikel mit dem Titel: "Das legendäre Aztlan der alten Azteken dürfte mit der prähistorischen Metropole Tihuanaku identisch sein." 
Der deutsch-bolivianische Forscher vertritt schon seit Jahrzehnten den Standpunkt, die südamerikanische Andenkultur sei mit der des mexikanischen Hochlandes verwandt, und zwar in ähnlicher Weise, wie etwa auch die Kultur der Osterinsel von dem südamerikanischen Kontinent herstamme. 
In dem genannten Artikel belegt Posnansky den gemeinsamen Ursprung von Kunst und Kultur in den Ländern Hochperu und Mexiko mit sehr überzeugendem Bildmaterial, das diese Verwandtschaft als tatsächlich vorhanden erscheinen läßt.  Da aber diese Bilder mangels brauchbarer Klischees hier nicht gebracht werden können, sollen nur die Worte Posnanskys, die seine Ansicht über das legendäre Aztlan darlegen, in deutscher Übersetzung folgen:

"Was nun aber den Mythos von Aztlan betrifft, so hat er schon insofern ernstere Bedeutung, als er über den wirklichen fernen Ursprung von Kultus und Kultur Mexiko-Mittelamerikas etwas mehr Licht verbreitet.
In bezug auf Aztlan findet man in allen sagenhaften Überlieferungen und in den ideografischen Notizen, wie sie die vielfachen Handschriften enthalten, die einheitliche und ausdrücklich unterstrichene Bemerkung von einem Ort, der von Wasser umgeben daliegt oder von dem man zu Wasser kommen muß; und von dort kamen auch die ersten Ankömmlinge, die Kulturträger, die als Boten der Zivilisation im alten Mexiko landeten.
Es existieren Hunderte von Interpretationen jener Handschriften.  Sie sind nicht nur ziemlich konfus, sie widersprechen sich auch.  Die einen sind womöglich noch bizarrer und unzusammenhängender als die anderen.  Aber in einem Punkte stimmen sie alle ausnahmslos überein, nämlich darin: Zwischen Mexiko und Aztlan gibt es Wasser.
Die Bemerkung: "Zu Wasser von Aztlan nach Mexiko" eröffnet einen breiten Weg zur Entzifferung und Erklärung der wahren Grundlagen des Substrates 'Tihuanaku', in den prähistorischen mexiko-mittelamerikanischen Kulturen liegt es ganz klar und offen zutage.
Kein Zweifel ist möglich.  Die Aztlan-Sage repräsentiert eine uralte folkloristische Erinnerung an die ursprüngliche Heimat oder an den Ursprung des Kultus und der Kultur der Mexikaner.
Nur die, die sich Augen und Ohren zuhalten und nicht sehen und hören wollen, können an Beziehungen zweifeln, die fraglos und offensichtlich zwischen der hohen klassischen interandinischen Kultur und der Kultur Mexiko-Mittelamerikas bestanden haben.  Die, die das alles nicht sehen wollen, werden ebensowenig die 'Sarabatana' (Blasrohr, aus dem vergiftete Pfeile geschossen wurden) auf einer alten mexikanischen Zeichnung beachten, die Sarabatana, die aus den südamerikanischen Ländern stammt, dem eigentlichen Sitz, dem Stammland der arowakischen Rassen, die Sarabatana, die in Mexiko unbekannt ist.  Noch weniger werden sie sehen wollen, daß die präkolumbianischen Edelleute der interandinischen Hochebene 'Orejones' (Männer mit Ohrschmuck im durchbohrten Ohrläppchen) waren, und daß auch die mexikanischen Götter und Fürsten als Orejones dargestellt sind; ebenso wie auf zahlreichen Zeichnungen auf Standbildern und in Handschriften menschenähnliche Figuren das typische 'Ojo alado' (geflügelte Auge) tragen und der Gott Yakatekuhtli der Mexikaner, abgesehen davon, daß er ein Orejon ist, die typischen vier Finger an den Händen und drei Zehen an den Füßen zeigt, genau wie der Sonnengott auf dem Monolithtore von Tihuanaku, und außerdem auf seinem Schild das echte 'signo eskalonado' (das Treppenzeichen) von Tihuanaku als Wappen führt.  Der Tierkreis war, wenn auch nicht in derselben Form wie bei den Chaldäern, den Bewohnern von Tihuanaku bekannt, sie prägten ihn auf ihr ruhmvollstes Monument, die Puerta del Sol (das Sonnentor von Tihuanaku).  Dasselbe Zeichen, nur mit geringen örtlichen Unterschieden und in barockisiertem Stil, verwendeten auch die Mexiko-Mittelamerikaner.  Aber bei Ihnen ist noch mehr zu finden: nämlich ebenso wie in Tihuanaku die 'Tembeta' (kreisförmiges Schmuckstück für die Lippen) und das Halbmondmesser aus Bronze.
Gehen wir nach Teotihuakan, dort wird das Barock von Tihuanaku noch deutlicher; das gleiche gilt für Mitla, Chichenitza, Palacio de las Monjas (Nonnenpalast), Casa colorado, Quiriga und sofort.  Die Alabastervasen von Chichenitza sind wahre Dokumente des Tihuanaku-Barocks.  In der neotoltekischen Ornamentik hat sich das geheiligte Symbol von Tihuanaku fast rein erhalten.  Ganze Bücher müßte man schreiben, wollte man alles aufzählen, was dort an Belegen für das Substrat "Tihuanaku" vorhanden ist.  Soll das alles Zufall sein?  Oder, wie Bastian sagt: 'Völkergedanken'?....."


Die Welteislehre kann die letzte Frage Posnanskys wohl mit einem ausdrücklichen Nein beantworten.  Die geschilderten Zusammenhänge können kein Zufall sein, und auch wir sind der Überzeugung, daß zwischen den Kulturen Tihuanakus und Mexikos enge Beziehungen bestanden haben müssen.  Wenn statt des Namens Tihuanaku die Bezeichnung Aztlan für den Ausgangspunkt der Kultur genannt wird, ein Name, der nur für Mexiko belegt ist,
so darf nicht erwartet werden, zwischen den Namen Tihuanaku und Aztlan irgendwelche sprachlichen Beziehungen aufzudecken.  Nach Ansicht des Verfassers dieses Aufsatzes ist Tihuanaku ein moderner Name, geschaffen von den heutigen Indianern des Hochlandes von Bolivien, und er bedeutet etwa: "Stelle, wo das Guanaku weidet (sich befindet)".  Der Name der prähistorischen Metropole ist auf dem Andenhochlande verschwunden, scheint aber dafür in Mexiko in der folkloristischen Sage weiterzuleben.

Aus Posnanskys Ausführungen geht klar hervor, wie zäh sich in der mittelamerikanischen Sage die Angabe erhalten hat, Aztlan könne auf dem Landwege nicht erreicht werden.  Die Bemerkung: "Ort, der von Wasser umgeben daliegt" könnte natürlich zunächst einmal so gedeutet werden, daß man sich daran erinnerte, Aztlan (Tihuanaku) habe auf einer Insel im größeren Titikakasee gelegen, und auf der recht langen Reise von Mexiko nach Tihuanaku müsse man die letzten 30 Kilometer zu Schiff zurücklegen.  Aber eine solch geringfügige Seereise würde sich als Bestandteil der mexikanischen Sage wahrscheinlich kaum erhalten haben, zumal auch an den Ufern des Sees Tihuanakustädte bestanden haben werden.  Ja, das ganze Hochland muß von Menschen überfüllt gewesen sein, wie die unzähligen Terrassenbauten der Hochebene und der sie umgebenden Gebirge zeigen. 
Hier gibt die zweite von Posnansky zitierte Bemerkung schon näheren Aufschluß: Aztlan sei ein Ort, "von dem man zu Wasser kommen muß".
Und die dritte Bemerkung: "Zwischen Mexiko und Aztlan gibt es Wasser" räumt wohl mit der Meinung auf, es habe sich bei diesem Wasser nur um eine kurze Strecke Binnenmeereswassers gehandelt.  Die wenigen Kilometer Seeweg auf dem Tihuanakusee können nicht sehr ereignisreich und gefahrvoll und damit der Erinnerung würdig gewesen sein, denn nach den letzten Feststellungen in dieser Materie war die Schiffahrt auf dem See wahrscheinlich sehr hoch entwickelt.

Bei dieser prähistorischen Schiffahrt kann es sich nicht etwa um Einbäume oder große "Balsas", also Binsenboote, gehandelt haben, mit denen man heute den See befährt.  Sondern um regelrechte, seetüchtige und nicht zu kleine Schiffe.  Holte man doch von einem etwa 50 Kilometer entfernten Steinbruch, vom heute erloschenen Vulkan Kjappia, gewaltige Steinblöcke aus Andesitlava zum Bau der großen Kultbauten auf dem Wasserwege nach den Häfen der alten Metropole - also kann es sich eben nicht um Boote gehandelt haben, sondern um regelrechte, seetüchtige Schiffe.  Um einen Monolithen von etwa 50 Tonnen Gewicht vom Kjappia nach Tihuanaku zu transportieren, mußte man doch mindestens ein seetüchtiges, sehr fest gebautes Schiff von etwa 80 bis 100 Tonnen Ladefähigkeit zur Verfügung haben, da ja nicht nur dieser Steinblock die Fracht eines solchen Schiffes bildete, es müssen doch noch Ausrüstung, Bemannung und Hebegeräte dazugerechnet werden.  Und wenn (ausnahmsweise) Steinlasten in Stücken von doppeltem Gewicht befördert wurden, so mußte man Schiffe zur Verfügung haben, die mit etwa 150 Tonnen Ladefähigkeit unseren modernen kleinen Fischdampfern an Größe entsprachen.  Für ein Schiff mit guten Segeleigenschaften -und es liegt kein Grund vor, einem Volke, das auf einer Insel mitten im Tihuanakusee lebte, Kunstfertigkeit im Schiffbau abzusprechen - ist es möglich, diese Entfernung in etwa 5 bis 6 Stunden zurückzulegen, wenn man die Segelgeschwindigkeit mit rund 6 Seemeilen, also mit etwa 10 Kilometer je Stunde, in Ansatz bringt.  Bei Mitverwendung rudernder Galeerensklaven konnten unter Umständen diese Geschwindigkeit noch erhöht werden, auf vielleicht 8 Knoten, so daß die Schnelligkeit moderner Frachtdampfer, die etwa 10 Knoten laufen, nahezu erreicht war.  Die Zeit zur Überfahrt vom Ufer zur Insel kann deshalb (bei Annahme einer kürzesten Entfernung von
30 Kilometer) mit nur etwa 4 Stunden angesetzt werden, eine Zeit also, die kaum dazu geführt haben kann, eine solche Überfahrt so denkwürdig erscheinen zu lassen, daß etwa Gäste aus Mexiko nach einer hypothetischen Landreise von ihrer Heimat nach Tihuanaku gerade diese dreistündige Seefahrt in ihren folkloristischen Sagenschatz aufnahmen.

Nein, es handelte sich eben um eine ganz andere Seefahrt.  Um eine Fahrt, die zu bestehen keine Kleinigkeit war, die sich auch nicht in wenigen Stunden auf einem verkehrsreichen Binnenseemeere in hochkultivierter Umgebung abspielte.  "Zwischen Mexiko und Aztlan gibt es Wasser" bedeutet ohne Zweifel viel mehr.  Es bedeutet, daß man in einem gewissen Zeitalter nur über ein sehr viel größeres Wasser, als es das Binnenmeer auf dem Andenhochlande war, nach Tihuanaku kommen konnte.  Wer diese Reise gesund und lebend überstand, hatte wirklich allen Grund, sie für eine ganz besondere Tat zu halten und von ihr und ihrem Gelingen Kindern und Kindeskindern zu erzählen.  Es war eine Reise, wert des Eingangs in den Sagenschatz der Völker, denn es gehörte mehr als gewöhnlicher Wagemut dazu, solche Reise zu unternehmen.  Man konnte sie, sollte sie gelingen, nur mit vorzüglichen nautischen Kenntnissen und auf Schiffen mit guten Segeleigenschaften wagen.  Und daß solche Reisen gelungen sein müssen, sagt die von Posnansky zitierte Bemerkung: "Zu Wasser von Aztlan nach Mexiko".
Heute liegt zwischen Tihuanaku und Mexiko kein Wasser.  Man gelangt über die mittelamerikanische Landbrücke von Tihuanaku nach Mexiko, ohne das Meer auch nur einmal zu sehen.  Nach den Erkenntnissen der Welteislehre aber hat es einmal ein Zeitalter gegeben, da diese Landbrücke hoch überflutet war.  Damals strömte tatsächlich Wasser zwischen Aztlan und Mexiko, nur über dieses Wasser hinweg konnte man zueinander gelangen. 
Es fragt sich nur, in welchem Abschnitt dieses Zeitalters eine Überfahrt mit seetüchtigen Schiffen überhaupt möglich gewesen sein kann.

Die Blütezeit der Hafenstadt Tihuanaku fällt in ein Zeitalter, in dem die Flutberge der nachstationären Periode dem voreilenden Tertiärtrabanten nicht mehr zu folgen vermögen, deshalb zur vorlaufenden, höheren, also west-ostwärts strömenden Gürtelhochflut zusammenfließen und vielleicht nur noch in majestätischen, flachen Bergen Flutgipfel durch den breiten Meeresarm zwischen den beiden amerikanischen Kontinenten rollen.  Zur Zeit dieses Ausgleiches, sie mag 1000 Jahre gedauert haben, entwickelt sich die Schiffahrt auf dem Binnenmeere von Tihuanaku zu einer Höhe, die jedenfalls genügte, um Forschungsschiffe mit kühnen Seefahrern und Gelehrten auch in die Randwässer der Gürtelflut zu schicken - vielleicht um neues Land zu Kolonien zu suchen und der dichtgedrängten Asylbevölkerung eine Einwanderungsmöglichkeit in andere Länder zu verschaffen.  Vielleicht aber auch, um das jedenfalls damals schon kulturell mit Tihuanaku verbundene Osterinselreich auf dem Seewege aufzusuchen.
Lag das Osterinselreich damals - vermutlich - in der Nähe der Vereisungsgrenze, so muß sein Klima immerhin so erträglich gewesen sein wie jenes, in dem nach Ansicht der Welteislehre die anderen Randasylbewohner zu leben gezwungen waren.  Der Seeweg nach diesem Lande wird wohl bekannt gewesen sein.  Da der nach Nordwesten umbiegende Wellenbrecher des Tihuanakuasyls den südlichen West-Ostströmungen der Gürtelflut Halt geboten haben muß, so ist sogar strömungsloses Wasser oder gar eine retrograd gewendete, also westwärts laufende Stromversetzung anzunehmen.  Die südlichen Randgewässer der Gürtelhochflut bildeten also einen durchaus brauchbaren Tummelplatz für wagemutige Kaufleute und Schiffer.  Lag auch das Osterinselreich etwa 7000 Seemeilen von Tihuanaku entfernt, so lassen die kulturellen Zusammenhänge zwischen beiden Ländern darauf schließen, daß eine Berührung tatsächlich stattgefunden hat.  Nicht nur der von Posnansky erwähnte mexikanische Gott ist ein "Orejon", auch die Riesenstandbilder auf der Osterinsel sind "Orejones", und die Kopfbedeckungen dieser Steinfiguren sind die gleichen, wie sie auf den Statuen von Priestern und Idolen in Tihuanaku zu sehen sind, nämlich zylinderartige Hüte mit dem Wulst am unteren Rande.

Von Mexiko mag aus alten Sagen eben noch überliefert gewesen sein, daß in weiter Ferne, im Norden, jenseits des großen strömenden Wassers, Land lag, das die Urväter noch kannten, ehe die Flutberge jeden Verkehr unmöglich machten.  Dieses Land zu suchen, war vielleicht das Ziel und Sehnsucht tihuanakischer wagemutiger Kulturpioniere, die sich der gefährlich strömenden Ringflut anvertrauten.

Da die Sage von offenbar gelungenen Reisen spricht, denn "man kommt zu Wasser von Aztlan nach Mexiko", so ist es wichtig, zu wissen, welche Strömungsgeschwindigkeit die beginnende vorlaufende Gürtelflut besaß, um es einem Schiff mit mittelguten Segeleigenschaften zu ermöglichen, sein Ziel zu erreichen.  Unter mittelguten Segeleigenschaften soll unter anderem die Fähigkeit verstanden sein, unter 45 Grad am Winde zu segeln.  Jeder Segler weiß, daß moderne Segelkreuzer bis nahezu 35 Grad "anliegen können", daß also ein Anliegen von 45 Grad eine mittelgute Eigenschaft genannt werden kann.  Es handelt sich nun um die Aufgabe, bei einer heute nur in Richtung, nicht aber in Geschwindigkeit bekannten Stromversetzung - durch die Ringflut von Westen nach Osten - ein Schiff so zu steuern, daß es einen "Hochgebirgshafen" des mexikanischen Asyles erreichte.  Absichtlich ist für die kleine nautische Erörterung der schwierigere Kurs von Aztlan nach Mexiko gewählt und nicht umgekehrt, schon aus dem Grunde, weil in der mexikanischen Sage offenbar von Ankömmlingen aus Aztlan die Rede ist und nicht von eigenen Reisen nach Aztlan, denn man kam ja "zu Wasser von Aztlan nach Mexiko".
Wohl ist die Reise von Mexiko nach Aztlan mit geringeren Schwierigkeiten verbunden als umgekehrt, und ein Blick auf die beigefügte Landkarte mit der nachstationären Landverteilung beider Amerika und der angegebenen Pfeilrichtung der Stromversetzung durch die vorlaufende Gürtelflut sagt deutlich, warum, doch scheint auf seiten der Tihuanaker ein gewisser Vorteil insofern gelegen zu haben, als sie wahrscheinlich den verhältnismäßig ungefährlichen Seeweg nach dem Osterinselreich kannten.  Sie konnten daher bis rund 7000 Seemeilen Höhe gewinnen, ohne Gefahr zu laufen, vorzeitig abgetrieben zu werden.


(Bildquelle: "Schlüssel zum Weltgeschehen", Heft 4, 1931, Voigtländers Verlag Leipzig)
Landkarte von E. Kiß gezeichnet.  Kiß zeigt hier die mutmaßliche Seefahrt von Aztlan (Tihuanaku)
zum mexikanischen Hochgebirge während der vorwärtslaufenden Gürtelhochflut.



Der Ausgangspunkt der hypothetischen Seereise sei ein "Gebirgshafen" des westlichen Andenwalles, etwa die Stelle, wo heute die Stadt Antofagasta in Chile, fast genau auf dem Wendekreis des Steinbocks, liegt.  Das Wasser der vorlaufenden Gürtelhochflut kann hier mit gutem Gewissen schon als "Randwasser" bezeichnet werden, denn wenige Breitengrade südlicher mag die vorlaufende Gürtelflut an gletscherbedeckten Ufern ihre Grenze gefunden haben.  Das ist nicht so unwahrscheinlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.  Denn hier, zwischen 20 und 30 Grad südlicher Breite, scheinen die tangentialen Flutkräfte des Tertiärtrabanten ihre Wirkung auf den Wasserwulst des Äquators schon derartig stark ausgeübt zu haben, daß die Uferlinien, die bei 10-20 Grad südlicher Breite nur um etwa 350 Meter auf 1000 Kilometer nach Süden sinken, nunmehr gewissermaßen steil abstürzen.  Jedenfalls liegen dem Augenschein nach einige Strandlinien südlich Antofagasta schon so tief über dem heutigen Meeresspiegel, daß der Verfasser dieses Artikels mit vollem Bewußtsein die Vereisungsgrenze schon etwa an den 30. Breitengrad verlegt hat, wie die Karte zeigt.  In der Höhe des Wendekreises des Steinbockes muß die Strandlinie, also die von Tihuanaku, auf 1000 Kilometer um 800 Meter sinken, um südlich davon noch steiler abzufallen.  Hier, im Randwasser der Gürtelflut und vor dem Sporn der riesigen von Süd nach Nord streichenden Andenbarriere, kann ein West-Ost-Strömen des Wassers nicht stattgefunden haben.  Es müssen vielmehr einerseits starke von Norden nach Süden setzende Ströme in Küstennähe, dann aber auch infolge Stauung wahrscheinlich auch kräftig retrograd wirkende, also ostwestlich fließende Strömungen vorhanden gewesen sein.  Das Studium mancher großer Flüsse zeigt im Randwasser die ähnliche Erscheinung, auch ohne Stausporn, und die Berechtigung der Annahme derartiger rückläufiger Strömungen ist wohl nicht von der Hand zu weisen.  Die Bedingungen für eine Schiffahrt nach dem Osterinselreich scheinen unter diesen Voraussetzungen geradezu ideal gewesen zu sein: Nach Westen laufender Randstrom und ständig aus Westen wehende Winde.  Ausgehende Schiffe kamen daher beim Ankreuzen gegen den Westwind, aber mit dem Strom, gut vorwärts und wußten, daß Ihnen für die Heimkehr die achterliche Brise zur Verfügung stehen würde, die mit Leichtigkeit den geringen Gegenstrom zu überwinden vermochte.

Lag nun zu irgendeiner Zeit die Absicht vor, den Seeweg nach Mexiko zu finden, so wird der betreffende Schiffer zunächst auf gewohnter Straße, etwa auf dem Wendekreis des Steinbocks, mit allgemeinem Kurs auf die heutige Osterinsel gegen Westen mit kurzen "Schlägen" aufgekreuzt sein, wie er es gewohnt war, bis er etwa auf dem 105. Längengrade mit Steuerbordbug liegen blieb und hart am Winde - 45 Grad laut obiger mittelguter Segeleigenschaft - etwa das heutige Hawaii ansteuerte.  Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Seglers mag nach den obigen Ausführungen über die Schiffahrt auf dem Tihuanakusee 6 Knoten oder rund 10 Kilometer je Stunde betragen haben, eine Geschwindigkeit, die von guten modernen Segelschiffen nicht unbeträchtlich übertroffen wird.  Das Tihuanakuschiff wird während seiner Fahrt am Winde den Kurs Hawaii nur kurze Zeit haben halten können, dann wird mehr und mehr, und zwar in wachsendem Maße, die west-östlich setzende Ringflutströmung ihren Einfluß geltend gemacht und das Fahrzeug nach Osten mitgenommen haben.  Um die Darstellung zu vereinfachen, soll nur von der mittleren Stromversetzung während der Reise gesprochen werden, die sich in Wirklichkeit natürlich ständig im positiven und nach Überwindung der Stromkrone im negativen Sinne ändern würde.  Den wirklichen Kurs, bei dem die wechselnde Intensität der Stromversetzung angedeutet ist, mag die Kurve WK der Karte mit dem quer zur Fahrtrichtung immer noch gegen Nordwesten haltenden Fahrzeug angeben.  Während also das Schiff in etwa 17 Tagen bei einer Stundengeschwindigkeit von rund 10 Kilometer etwa 4000 Kilometer auf nordwestlichem Steuerkurse zurücklegt, setzt die Strömung das Fahrzeug um bedeutende Strecken nach Osten.

Als Maximum der Stromversetzung kann wohl eine Sekundengeschwindigkeit von 3 Meter in Betracht kommen, also eine stündliche Versetzung um 12,8 Kilometer, um dem Fahrzeug praktisch die Möglichkeit zu geben, das Ziel, die mexikanischen Asylgebirge, zu erreichen und mit umwendendem Wirbelstrom in den heutigen Golf von Mexiko einzubiegen.  Hier, im wirkungsvollen Stromschatten des Mexikoasyls, konnte durch Aufkreuzen gegen den Westwind ohne besondere Schwierigkeiten ein mexikanischer Hafen angelaufen werden.

Theoretisch ist natürlich auch die Annahme einer noch bedeutenderen Strömungsgeschwindigkeit der Ringflut denkbar und damit auch ein noch weiteres Ausholen in das westliche Ringmeer durch Kreuzen im Randwasser des Osterinselreiches.  Doch scheint mir auch da eine Grenze des damals Möglichen vorhanden zu sein.  Vielleicht hatten die Tihuanaker Gelegenheit, an den nördlichen Vorgebirgen ihrer Heimat die Stromgeschwindigkeit der Gürtelflut zu messen, und konnten danach beurteilen, wie weit sie im Randwasser des Steinbockwendekreises gegen Westen ankreuzen mußten, um ihr Ziel zu erreichen.  Das setzt aber voraus, daß sie die Lage Mexikos aus der Überlieferung genau kannten.  Dies aber ist doch recht unwahrscheinlich.  Vermutlich gab es wohl eine Sage, daß jenseits des Meeresstromes ein Land vorhanden sei, über Entfernung und genaue Lage dieses Landes wird man kaum genauere Kenntnisse besessen haben. 

Vermutlich ist der Seeweg nach Mexiko durch Zufall und unfreiwillig gefunden worden, wie es ja in der Geschichte der Entdeckungen oft genug vorgekommen ist.  Bei einer Fahrt nach dem Osterinselreich mag das Schiff durch Südweststurm zu weit in die Strömung der Ringflut getrieben worden sein.  Der Schiffer mußte bei genauer Kenntnis der großen Gefahr der Stromversetzung, die ihn schon zu scharf angepackt haben mochte, um bei dem herrschenden Sturm ins Randwasser zurücksegeln zu können, einen Entschluß fassen, der entfernte Aussicht auf Rettung bot.  Er mag sich dabei erinnert haben, daß die Sage von einem Land irgendwo im Norden seiner Heimat erzählte, und mußte nun folgerichtig so dicht am Winde, wie der Sturm es zuließ, gegen Nordwesten steuern.  Sein Kurs mußte also der gleiche sein, den er eingehalten hätte, wäre seine Fahrt eine freiwillige gewesen. 

Eine etwaige Rückfahrt von Mexiko nach Aztlan mußte sich natürlich einfacher gestalten.  Ein weites Ausholen durch Aufkreuzen im nördlichen Randwasser war hier wohl nicht in demselben Maße notwendig wie umgekehrt, da die Lage des Tihuanakuasyls für eine Nord-Südfahrt bei west-östlicher Stromversetzung günstig ist.
In welcher Weise aber immer eine derartige Fahrt von Aztlan nach Mexiko stattgefunden hat, nach der Sage der alten Mexikaner muß sie möglich gewesen sein, denn: Man kommt zu Wasser von Aztlan nach Mexiko!

Reg.-Baurat E. Kiß


(Quelle: "Schlüssel zum Weltgeschehen", Heft 4, 1931, S. 110-119, R. Voigtländers Verlag - Leipzig)