Zurück


Zur kosmischen Schöpfungsmacht



Der Weg von Darwin bis zu den Arbeitsstätten neuzeitlicher Variations- und Erblichkeitsforschung ist reich mit Steintrümmern besät, die hinwegzuräumen noch keiner selbst bestdurchdachten Theorie gelang. Die Frage nach den eigentlich treibenden Kräften der Artveränderlichkeit, des Empordämmerns neuer Geschlechter konnte bis heute keine eindeutige Antwort erhalten. 
Wenn wir im folgenden versuchen, auch hier einen neuartigen Ausblick anzubieten, der für das Studium des Artproblems sich nützlich erweisen dürfte, so bilden wir uns nicht etwa ein, damit schon den Pfad restlos geebnet zu sehen, der in ein Neuland der Erkenntnis zu führen verspricht.  Eine vertiefte wissenschaftliche Begründung dieses Ausblicks (streng fachlich dargestellt) bleibt vorbehalten (1).
Im großen und ganzen begegnet die Forschung zweigleisig dem Problem der Artveränderlichkeit.  Einmal können neu entstandene Arten das jeweilige Produkt sich allmählich summierender Kleinabänderungen sein.  Durch Summierung an und für sich geringfügiger Unterschiede mögen sich neue Arten gegen Stammarten wesentlich abheben.  Zum andern würde die Herausbildung neuer Arten mehr unvermittelt erfolgen.  Sozusagen sprungweise oder mutierend auftretende Abänderungen würden plötzlich eine schärfere Abgrenzung zwischen Eltern und Nachkommen bewirken.  Beide Wege sind begangen worden, doch ohne irgendwie eine befriedigende Klärung herbeizuführen.  Fast sieben Jahrzehnte sind seit dem Ersterscheinen von Darwins "Entstehung der Arten" verflossen, unermüdlich hat die Forschung in der Zwischenzeit an dem Problem gearbeitet, doch die Artentstehungsfrage ist unabänderlich das große Rätsel geblieben.

Wir möchten aber hier ausdrücklich betonen, daß eine Lösung dieses Rätsels nur in begrenzter Perspektive überhaupt möglich ist.  Selbst wenn es uns gelungen ist, die großen Zusammenhänge zu erkennen, die zur Bildung neuer Lebensformen führen, Geschlechter absinken und aufsteigen lassen, so ist damit über das Wesen des Lebens an sich noch nicht das geringste ausgesagt.  Keines Menschen Gedanke wird ergründen können, warum dieses seltsam bewegliche, nur mit dem Begriff lebendig ausgestattete Objekt überhaupt besteht, warum der ganze Aufwand buntester Lebensfülle tagtäglich seinen Reigen vollführt oder warum ein Lebewesen hier diesen, dort jenen Weg zu beschreiten gezwungen ist.  Was uns zu lösen bleibt ist nichts anderes als sinnfällige Einordnung des Lebensganzen in den Rahmen jener Weltschau, die wir mit den höchst unzulänglichen Mitteln des menschlichen Verstandes zu einer geschlossenen Linie klären.  Ist uns diese Klärung gelungen, so können wir allenfalls befriedigt sagen, den im tiefsten unerfaßbaren Ring des Seins auf eine sinnfällige Formel gebracht zu haben.
Wer mehr erwartet und weitere sucht vergißt darüber nur wieder die unabänderlich ewige Wahrheit, daß Demut vor dem Unzulänglichen noch immer zu einer höchsten Wertung alles Menschseins führte.  Damit haben wir wohl genügend gekennzeichnet, wie wir verstanden sein möchten bei Aufrollung der Frage nach den treibenden Kräften der Artveränderlichkeit.

Es erübrigt sich fast zu wiederholen, daß wir unter Beibehalt des Prinzips sich wahllos und zufällig häufender Kleinabänderungen die Entstehung neuer Arten niemals glaubhaft machen können.  Derart können wir uns keine neuen Arten entstanden denken und dies noch um so weniger unter der irrig vorausgesetzten Annahme eines fortdauernd geologischen Kleingeschehens im Gesamtverlauf der Erdgeschichte.  Wir glauben dies im vorstehenden geradezu zwingend erhärtet und auch die Gründe entscheidend aufgeführt zu haben, die zu einer grundsätzlichen Ablehnung einer derartigen Perspektive drängen.  Die gegenwärtige Verteilung der Lebewesen über die Erde, über ihr Eingestimmtsein in die Außenwelt muß überzeugen, daß hier ein angenähertes Bestmaß, ein harmonisches Optimum zwischen Umwelt und Leben, eine Gleichgewichtslage, besteht.  Wir leugnen aber entschieden, daß dieses Optimum einen augenblicklich erreichten Zustand verwirklicht, der in seiner Gesamtheit aus einer stetig und katastrophal unbeeinflußten Lebensentwicklung seit dem ersten Auftreten von Lebewesen auf dem Erdstern herleitbar ist.  Dann müßten vor allen Dingen auch die Lebensformen über eine viel weitgehendere Varitationsneigung verfügen, als das tatsächlich der Fall ist.

Nun ist die Forschung ja nicht verlegen in der gelegentlichen Betonung sprungweise auftretender Neuformen unter den Lebewesen, und das kennzeichnet eben den zweiten Weg, die Entstehung neuer Arten in das Blickfeld einer denkbar möglichen Deutung zu rücken.  Zum mindesten sind die meisten Forscher, die an diesem Faden spinnen, entschiedene Gegner der vermeintlich zu Neuschöpfungen führenden Macht der Auslese.  Durch die Forschungen von de Vries wurde die Ansicht einer sprungweisen oder mutierenden Artentstehung neu belebt, daß gleichwohl eine natürliche Auslese nichts wirklich Neues schaffen kann. 
Es bleibt nun zu untersuchen, wie die gangbarste Vorstellung einer mutierend herbeigeführten Artbildung zu Recht besteht.
In seinem Hauptwerk (2) gelangt de Vries zunächst zu einer eindeutigen Umschreibung des Artentstehungsproblems.  Es handle sich grundsätzlich gar nicht um die Frage der Entstehung von Arten, sondern um eine solche der Ausbildung von Artmerkmalen.  Es ist uns mit anderen Worten die Aufgabe gestellt, nachzuspüren, wie die verschiedenen Eigenschaften entstanden sind, auf denen die Differenzierung der Lebewesen beruht.  Eine solche Umschreibung kann nur als höchst zutreffend und glücklich bezeichnet werden.  Es ist letzten Endes nur eine menschlich willkürliche Abstraktion, die Begriffe höher und nieder entwickelt in das Naturreich einzuführen.  Der Wert dieser Abstraktion beruht ja auch lediglich darauf, das lebendige Naturreich, beziehentlich auf den Menschen sinngebend zu gliedern und das Werden der Organismen in den Gesichtswinkel eines praktischen Vergleichs zu zwängen.  Wir würden also zweckmäßiger zu fragen haben, warum hier ein Lebewesen zum Säugetier etwa differenziert erscheint, dort zum Wurm und dort wieder zum Hohltier.  Die Frage nach der Ursache einer Differenzierung würde dann schlechterdings die Frage nach der Ursache der Artveränderlichkeit genauer umschreiben.
Im Verlaufe seiner Ausführungen glaubt de Vries nun betonen zu müssen, daß der vielgerühmte Kampf ums Dasein oder der Wettbewerb um die Existenz zwei durchaus verschiedene Punkte umfaßt.  Einmal findet der Streit zwischen den Individuen einer und derselben elementaren Art statt, dann aber auch zwischen den verschiedenen Arten als solchen.  Der erstere Streit gehört in die Variabilitätslehre, der zweite in die Lehre der Mutationen. 
Im ersteren Falle überleben die Individuen, welche die gerade für sie günstigsten Lebensbedingungen finden.  Im allgemeinen werden es die kräftigsten Individuen sein. 
Durch diesen Vorgang entstünden die lokalen Rassen, die aber ohne weiteres wieder zum ursprünglichen Typus zurückschlagen, sobald die neuartig über die Art hereingebrochenen Lebensbedingungen wieder aufhören.  Ganz anders würde eine natürliche Auslese im Kampf ums Dasein zwischen plötzlich und unvermittelt neu entstandenen Arten vor sich gehen, deren neue Merkmale in hohem Grade erblich sind.  Führt hier die Vermehrung zu einem Kampf ums Dasein, so würde eine schwächere Art erliegen und möglicherweise ganz ausgerottet werden.  Der Kampf ums Dasein selbst verbürgt aber niemals die Entstehung neuer Arten, denn der Wettstreit kann erst dann eintreten, sobald neue Arten schon einmal da sind.  Der Streit kann nur entscheiden, was von diesen Arten am Leben bleibt und was dem Untergang geweiht ist.  "Diese Artenauslese hat ohne Zweifel im Laufe der Erdentwicklung deren zahllose ausgerottet und nur verhältnismäßig wenige behalten.  Kurz gesagt behaupte ich somit auf Grund der Mutationstheorie, daß Arten durch den Kampf ums Dasein und durch die natürliche Auslese nicht entstehen, sondern vergehen.  Nach der Mutationstheorie sind die Arten nicht durch allmähliche, während Jahrhunderte und Jahrtausende fortgesetzte Selektion entstanden, sondern stufenweise, durch plötzliche, wenn auch ganz kleine Umwandlungen.  Im Gegensatz zu den Variationen, welche geradlinig fortschreitende Veränderungen sind, zweigen die als Mutation zu bezeichnenden Umgestaltungen in neuen Richtungen ab.  Sie finden dabei, soweit die Erfahrung reicht, richtungslos, d.h. in den verschiedensten Richtungen statt.  Sie treten nur von Zeit zu Zeit, und wahrscheinlich unter der Wirkung bestimmter Ursachen (?), periodisch auf."  Fügen wir noch hinzu, daß de Vries die meist völlige Konstanz neuer Arten vom ersten Augenblick ihrer Entstehung an betont, daß er neue Arten in einer bedeutenden Anzahl von Individuen gleichzeitig oder doch in derselben Periode entstanden denkt und er gesonnen ist, diese seine Gedankengänge in einigen klar umrissenen "Gesetzen des Mutierens" zu formulieren.
Trotz allem muß aber de Vries bekennen, daß sich diese Gesetze wohl aussprechen, aber weit weniger begründen lassen.  Das zeigt zum mindesten folgender Ausspruch ganz unzweideutig auf: "Gelingt es uns einmal, die Gesetze des Mutierens aufzufinden, so wird nicht nur unsere Einsicht in die gegenseitige Verwandtschaft der jetzt lebenden Organismen eine viel tiefere werden, sondern wir dürfen auch hoffen, selbst einmal in das Getriebe der Artbildung eingreifen zu können."  Es ist dann höchst bezeichnend, daß unser Gewährsmann von sogenannten Prämutationen spricht, d.h. einer ersten Entstehung von bestimmten neuen Anlagen.  Die Eigenschaften dieser Anlagen brauchten nicht sofort sichtbar zu werden.  Bei den gesamten Mutationsvorgang (progressive Mutation) würde es sich zunächst gar nicht um die äußeren Merkmale, sondern um die inneren Anlagen handeln, durch welche diese bedingt werden.
"Ebenso wie der Keim zahlreiche Anlagen enthält, die noch der Entfaltung harren, ebenso kann man sich denken, daß eine Eigenschaft bei ihrer ersten Entstehung, ihrer phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Geburt, wenn ich so sagen darf, zunächst latent bleibt, um erst später, vielleicht erst viel später (!) aktiv zu werden.  Nach dieser Vorstellung ist jede progressive Mutation im Grunde ein doppelter Vorgang und besteht aus der Bildung einer neuen inneren Anlage und der Aktivierung derselben.  Beide Prozesse mögen bisweilen zusammenfallen, sie brauchen das aber nicht.  Daher ist es zweckmäßig, sie mit besonderen Namen anzudeuten, und bezeichnen wir den inneren Vorgang als Prämutation, den äußerlich sichtbaren aber als die Mutation im eigentlichen Sinne.  Dementsprechend ist die Prämutation hypothetischer (!), die Mutation aber empirischer Natur." 
Der Vorgang der Prämutation würde durch Neubildung bestimmter Anlageträger (Pangene) verständlich werden, so daß beim Teilungsvorgang ungleichartige statt gleichartige Einheiten entstehen.  "Es ist eine hohe Aufgabe für die weitere Forschung, die Bedingungen dieser Prämutation zu ermitteln und sie womöglich willkürlich herbeizuführen."  Das ist ein gewiß nur höchst unbefriedigendes Eingeständnis und wir haben etwas weiter oben nicht zwecklos ein Fragezeichen eingeschaltet, sofern dort das periodische Auftreten von Mutationen lediglich behauptet, aber ursächlich unbegründet bleibt.  Gerade über diese "bestimmten Ursachen", die eine Mutation bewirken, möchten wir eben etwas wissen.  Hier berühren wir ja gerade wieder den Kernpunkt des ganzen Problems.
Doch auch de Vries weiß darüber nichts zu berichten und muß bekennen, daß "von der Mutabilität die äußeren Ursachen noch völlig unbekannt sind".  So beschränken sich die Forschungen des Amsterdamer Gelehrten lediglich auf die Feststellung, daß es Mutationen gibt.

Aber auch diese Feststellung ist mehr oder minder von der Forschung wieder bezweifelt worden.  Allenthalben wird gegenwärtig in der Mutation das wahrscheinlichste Mittel der Natur zur Bildung neuer Arten erblickt.  Doch die Stimmen wehren sich, die betonen, daß durch Mutation lediglich erheblich gefestigte Rassen oder Spielarten entstehen können.  Diese Rassen kreuzen sich stets untereinander und mit der Normalform unbegrenzt fruchtbar, während selbst nahe verwandte Arten in der Regel keine fruchtbaren Bastarde ergeben.  Tritt diese Rassenkreuzung, etwa bei Verwilderung, ungehemmt ein, so erfolgt meistenteils auch gestaltlicher Rückschlag in die Wildform (Hybridatavismus).  Selbst veränderte Lebenslage scheint gleiches bewirken zu können (Spontanatavismus).  Demnach hätten wir gar keinen Grund anzunehmen, daß durch Mutation irgend etwa Konstitutives zur Keimesveranlagung hinzukommt (3).
Andere Forscher möchten aus den Untersuchungsbefunden der de Vrieschen Nachtkerzen wie auch solchen Nilssons an Dornen verschiedener Getreidearten aus dem Laboratorium von Svalöf in Schweden lediglich auf eine Bildung verwandter Arten schließen.  Diese Arten würden sich immerhin so nahe stehen, daß man nicht ernstlich daran denken kann, sie in verschiedene Gattungen einzureihen.  Stellt man sich vor, daß in der Erdvergangenheit die Entwicklung unter so bescheidenen Sprüngen wie bei den Nachtkerzen und Getreidearten vor sich gegangen wäre, so blieb deswegen nicht weniger der Nachweis zu führen, wie Säugetiere etwa aus Reptilien entstanden sind.  Jedenfalls gestatte das versteinerungskundliche Tatsachenmaterial nicht, auch nur eine einzige Reihe plötzlicher Veränderungen mit vollständiger Sicherheit aus der Paläontologie anzuführen, die das Divergieren zweier Gattungen, zweier Familien und noch weniger zweier Ordnungen fossiler Tiere rechtfertigte.
Gleichwohl wird aber betont, daß es selbst häufig zu beobachtende Tatsachen gibt, die der Annahme von plötzlichen Variationen eine gewisse Wahrscheinlichkeit verleihen.  Bestimmte Stämme würden von Zeit zu Zeit die Neigung zeigen, ihre regelmäßige Entwicklung zu unterbrechen und zahlreiche Variationen hervorzubringen.  Manche Forscher teilen solchen sich um einen Haupttypus gruppierenden Variationen lediglich den Rang von Spielarten zu, andere erblicken in ihnen grundsätzlich neue Arten.  All diesen Ableitungen liegt aber letzten Endes die schon voraussetzungsweise falsche Deutung versteinerungskundlicher Befunde zugrunde, die uns vornehmlich aus dem Kapitel "Über vorgetäuschte Entwicklungswunder" bekannt geworden ist.
Wir brauchen deshalb nicht weiter bei diesem Ausblick zu verweilen.  Aus dem Bemühen heraus, eine klare Vorstellung vom Werdegang der Lebensformen zu gewinnen, hat man wiederum zwei verschiedene mechanische Vorgänge konstruiert, die die Entwicklung der fossilen Lebewesen bestimmen.  Einmal würden sich die Stammbäume langsam und unter schrittweisen Mutationen fortentwickeln und jenen Gesetzen folgen, die sie verhängnisvoll zur Senilität und zum Aussterben führen.  Zum andern würden neue Stämme entstehen und ältere schon mehr oder minder entwickelte Stämme zum Divergieren gebracht werden.
Und dieses Divergieren würde zwiefach vor sich gehen können.  Bald würde die geographische Absonderung beträchtliche Unterschiede hervorrufen können und je nach einem verflossenen Zeitraum zur Abtrennung von Lokalrassen, Arten oder Gattungen führen.  Bald würden jedoch die Umwandlungen sich rascher vollziehen, explosionsartig erfolgen, worüber und die de Vrieschen Befunde immerhin eine schwache Vorstellung geben.  So tastet die Forschung unsicher genug umher und der Rest ist vielfach kaum mehr als graue Theorie.  "Die eingreifenden Umbildungen, welche zur Entstehung der Ordnungen, Klassen und der großen Zweige des Tierreichs führten, entziehen sich jedoch ganz und gar unserer Beobachtung; wir müssen gestehen, daß wir uns dieselben nicht anders als bloß durch theoretische Gesichtspunkte verständlich machen können" (Depéret).

Der Gedanke, daß der Werdegang des Lebens an bestimmte Mutationsperioden geknüpft ist, kehrt im biologischen Schrifttum immer wieder. 
Nach Lubosch (4) könnte in Mutationsperioden (Zeiten der Labilität einer Art) doch noch die Möglichkeit fruchtbarer Kreuzung trotz bereits eingeleiteter erbgleicher Sonderung von Personengruppen der Art bestehen.  Diese Kreuzungen, denen eine Nachkommenschaft mit mannigfachen konstanten Kombinationen der neuen Merkmale entwüchse, würden die Erklärung geben "für die so oft im Tierreich beobachteten Erscheinungen, daß das gleiche Merkmal sich in verschiedenen Arten und Ordnungen vorfindet und daß eine Art oder Ordnung Merkmale in sich vereinigt, die bei anderen Arten isoliert vorkommen".  Jedenfalls hat Lubosch, wie viele verwandte Forscher auch, sehr geistvolle Ausführungen zum Mutationsproblem geliefert, ohne aber eine befriedigende Antwort auf die eigentlichen Triebkräfte des Mutierens zu geben.  Gerade aber auf eine solche Antwort kommt es an und um sie sind alle hierher gehörigen Theorien ausnahmslos verlegen.
Zeitweise schien es, als habe eine wahre Jagd nach Mutationen eingesetzt.  Überall im lebendigen Naturreich, von den Spaltpilzen angefangen bis hin zu den hochorganisierten Pflanzen- und Tierkörpern wurden Mutationen mehr oder minder fragwürdiger Natur entdeckt.  Bald waren es klimatische ungewöhnliche Jahre, bald die Verschleppung eines Lebewesens in eine neue ungewohnte Heimat, bald die Domestikation, auf deren Konto von Fall zu Fall sprunghafte Änderungen von Artmerkmalen gesetzt wurden.  So wurden Mutationen allgemein als "Antwortsreaktionen" der Lebewesen auf bestimmte außergewöhnliche Umweltsänderungen umschrieben mit der besonderen Betonung, daß die abgeänderten Artmerkmale für dauernd gefestigt sind, d.h. von den Eltern auf die Nachkommen erblich übergehen.  "Mutationen sind vererbbare erworbene Eigenschaften", lautet eine bezeichnende Bemerkung des erfolgreichen Wiener Biologen Paul Kammerer (5).  Eine Überprüfung des gesamten schon reichlich angeschwollenen Forschungsmaterials hierzu sagt jedoch nichts Wesentliches darüber aus, wie eben durch Mutation allein der reich verzweigte Stammbaum des Lebens Wirklichkeit wurde.  Zudem fehlt es nicht an Zweiflern, die in Mutationen nichts anderes erblicken, als aus dem Mendelismus verständlich werdende komplizierte Bastardbildungen.  Und dann müßte auch zum Ausdruck gebracht werden, auf welche Weise nun eigentlich die das Leben bestürmenden Außenfaktoren am lebendigen Körper selbst innere Vorgänge auslösen, die schließlich zur Mutation führen.  De Vries spricht z.B. von "Erschütterungen in der molekularen Struktur des Keimplasmas", ohne jedoch die Dinge tiefer entwirren zu können.  Daß es wirkliche Mutationen gibt und jeder Zweifel darüber hinfällig ist, daß es sich hier um Bastarde von Eltern und Vorfahren handelt, möchte u.a. van der Wolk durch seine mehrjährigen Versuche bestätigt haben.
Mehrere Schnittwunden eines gewöhnlichen, im Herbst beschnittenen Ahorns gerieten in Fäulnis.  Im kommenden Lenz zeitigte der Baum nahe diesen Stellen Triebe mit weißen Blättern von höchst abweichender Gestalt.  Im Gegensatz zum zweigeschlechtigen Ahorn waren die blühenden Zweige mit getrennten und zweihäusigen Blüten geschmückt.  Eine sich in der Folge artbeständig erweisende sprunghafte Variation war aufgetreten.  Augenscheinlich mußte diese Variation mit der Fäulnis der Schnittwunden in Zusammenhang stehen.  Ein bestimmter Bazillus wurde aus den Wunden isoliert.  Wurden grüne und normale Äste mit diesem Bazillus geimpft, trat die erwähnte Weißblätterigkeit ein.  Normale Samen führten bei entsprechender Bodenimpfung ebenfalls zu veränderten Pflanzen.  Dann erinnerte sich unser Forscher einer Beobachtung, daß Pflanzen, die an Schimmelpilzen leiden, eine erheblichere Menge von oxalsauren Kalk erzeugen. Dadurch wird der Parasit getötet.  Impft man nun junge Ahornäste mit Kaliumoxalat, so lassen sich aus dem Zellsaft solcher Blätter keine Bakterienkulturen mehr anlegen.  Die Bakterien schienen durch die Impfung getötet zu sein.  Sobald man nun die Nachkommen desinfizierter weißer Pflanzen mit normalgrünen kreuzt, entstehen gefleckte Bastarde, während sonst die Kreuzung weißer und grüner Ahorne immer nur weiße Nachkommen ergab.  Somit wäre Mutation allenthalben als Antwort des Lebewesens auf Eingriffe in die Harmonie des Lebenslaufes erkannt (6) und die von de Vries ersehnte willkürliche Herbeiführung einer Prämutation wäre etwa durch das Experiment bestätigt.


Nun dürfen wir gewiß keine allzu großen Hoffnungen auf die an und für sich gewiß begrüßenswerten Ergebnisse der Experimentalforschung setzen, um dadurch den erdgeschichtlichen Heraufgang des Lebens gedeutet zu sehen.  Daß jedes Lebewesen bestrebt sein wird, störenden Einflüssen, die unter Umständen seinen Untergang herbeiführen, entsprechend zu begegnen, ist eigentlich selbstverständlich.  Aber man wird ebensowenig sich ausdenken wollen, daß der Heraufgang des Lebens bis zum Menschen nichts anderes als ein Produkt gehäufter "Antwortreaktionen" ist.  Um die Entstehung eines höheren Tieres oder einer höheren Pflanze herbeigeführt zu sehen, bedarf es zweifelsohne ganz anderer und viel gewaltigerer Einflüsse als jener, die wir im Gegenwartsbilde schauen oder durch den Versuch künstlich gestalten.  Wir müssen unabänderlich ganz neue Wege beschreiten, um eine Vorstellung zu gewinnen, wie überhaupt die hochspezialisierte Lebensfülle während geologischer Zeiträume möglich wurde.  Die Zusammensetzung unseres Auges ist eine erstaunliche, die Reihe von Zwischenformen zwischen ihm und dem einfachsten Pigmentfleck ist ungemein groß.  Nach der Auslesetheorie würden allenthalben nur entsprechende Jahrmillionen benötigt werden, um auf dem Wege der gewöhnlichen Variabilität von jenen ersten Anfängen zu diesem hohen  Grad der Organisation zu gelangen.  Nach der Mutationstheorie brauchte man diese Jahrmillionen nicht.  Zwischen zwei aufeinander folgenden Mutationen, die unvermittelt Neuartiges zeitigen, könnten allenfalls nur ein paar Jahrtausende liegen.  Weder der eine noch der andere Ausblick kann befriedigen.  Schöpferisch Neues wird in irgendeiner Zeitspanne wohl erzeugt, aber ist nicht durch die Zeit (und wären es selbst Jahrbillionen) bewirkt.  Und grundlegend abändernde Mutationen müssen jeweils eine Ursache haben, die nicht im entferntesten aus den am Gegenwartsbilde gewonnenen Beobachtungen herleitbar ist (7).
Wir können uns nicht denken, daß Abstammung und Umbildung, die wir Biologen allgemein und grundsätzlich verteidigen, in dem erforderlichen Maße überhaupt stattgefunden haben, sofern die Lebewesen der Erdoberfläche nicht wiederholt durch geologisches Großgeschehen und zwar auf großem Raume erheblich betroffen worden wären.  Heute sehen wir, allenthalben im geologischen Kleingeschehen verharrend, die Lebewesen wohl bescheidener Weise variieren, aber im großen und ganzen einer vitalen (dem Leben an sich eigentümlichen) Stetigkeit unterworfen.  Derartige Variation allein vermag eben einfach nicht auch im Verlaufe von vielen Jahrmillionen durchgreifend Neues hervorbringen.  Aus einem Reptil etwa kann dieserweise niemals ein Vogel heraufgedämmert sein. Man darf nicht einfach durch Summierung jener gegenwärtig nur begrenzten (durch Beobachtung und Experiment hinlänglich ermittelten) Variationen die Entstehung neuer Arten fordern.  Es kann mit anderen Worten ebensowenig einen biologischen wie einen geologischen Aktualismus geben.  Ein biologischer Aktualismus würde die ganze Abstammungslehre überhaupt in Frage stellen.  Sofern man aber gezwungen ist, ihn zu leugnen, trifft das auch voraussetzungsgemäß für den geologischen Aktualismus zu.  Beide durchdringen, befruchten und ergänzen sich gegenseitig.
Wir möchten aber gleichwohl ein biologisch-kataklysmatisches Geschehen nicht etwa durch ungeheuerliche Mutationen verstanden wissen. 
Derart gesteigerte und dann zumal erblich dauernd befestigte Variationen sind schon aus entwicklungsmechanischen und vergleichend-physiologischen Erwägungen heraus ein Ding der Unmöglichkeit.  Je vollkommener für unsere Begriffe, d.h. je spezialisierter ein Lebewesen beschaffen ist, um so schwerer wird es zu einer Umbildung oder Transformation schreiten können.  Wir finden nun einen hohen Grad von Spezialisation schon in recht alten Erdentagen gegeben und es ist gar nicht denkbar, daß sich beispielsweise ein Wirbeltier hätte herausbilden können, sobald diese Herausbildung durch allzu große spontane Sprünge, durch explosive Mutabilität hätte zustande kommen sollen.  Je näher wir der Gegenwart zuschreiten, um so schwieriger gestaltet sich für jede hochspezialisierte Lebensstufe jede erhebliche Transformation.  Wird das Lebensganze oder werden große Teile desselben von erschütternden Gewalten bestürmt, so werden zweifelsohne viele Lebensgeschlechter einfach dem Aussterben geweiht sein.  Die Harmonie zwischen Umwelt und Körpergestaltung ist dann zu erheblich gestört und das Unvermögen allzu rascher Umbildung und Anpassung an die gegebenen Umweltbedingungen wird durch den Tod besiegelt.

Wir hatten schon angedeutet und glauben nunmehr eindringlich dafür sprechen zu sollen, daß es gewisse vitale Großkorrektionen innerhalb geologisch-kataklysmatischer Höhepunkte wiederholt auf Erden gegeben hat.  Diese Großkorrektionen betreffen viele gleichartige Lebensformen verhältnismäßig kurzweilig (angesichts den Zeiträumen ungestörter Lebensentwicklung) auf weit zerstreutem Raum, und ihr Wesen besteht darin, den gewissermaßen konservativen Zug des Lebens zu durchbrechen und ihn für spätere etappenweise Umbildungen und Spannungsauslösungen reif zu determinieren (vorauszubestimmen oder in der Anlage festzulegen).  Die Erreichung des im vorstehenden erwähnten Ausgleichszustandes zwischen Lebewesen und Umwelt besteht dann in nichts anderem als in der allmählichen Auslösung der kataklysmatisch determinierten (d.h. vorausbestimmt festgelegten) vitalen Spannkräfte, und das Resultat wird durch die Entstehung neuer Arten deutlich.  Damit ist aber zugleich der Frage nach einer allzu stürmischen und plötzlichen Umformung der Lebewesen der Boden entzogen.  Es wird sich dem Leser jetzt wohl von selbst die Vorstellung geradezu aufdrängen, daß vitale Großkorrektionen und Determinationen jeweils in die Zeitspanne eines von der Welteislehre (Glacial-Kosmogonie) geforderten Kataklysmus fallen, die zu neuen Lebensformen führenden Auslösungen aber vorwiegend in den Alluvien (mondlosen Zeiten der Ruhe) vor sich gehen.  So konnten Hörbiger-Fauth mit Recht in ihrem Hauptwerk bemerken, daß wohl "im Kataklysmus die Anstöße zu neuen Artenbildungen gegeben werden, die weitere Ausbildung aber Zeit brauchte und sich nachher wohl durch das ganze nächste Alluvium hindurchzieht".

Wir kommen damit zu der Auffassung einer durch kosmische Mächte in erster Linie bewirkten Neubildung von Arten. Ohne diese gewaltigen Erschütterungen, die ein sich der Erde nähernder Mond auf Erden auslöst, bliebe der wundersame Aufstieg des Lebensganzen, die Spezialisierung zu unendlich vielseitiger Formenfülle einfach unverständlich.  Es bedarf zeitweilig kosmisch bedingter Antriebe, um das Leben nicht in träger Stagnation verweilen, sondern sich zu neuer Formgebung rüsten zu sehen.  Jedes Mondesschicksal, oder was das gleiche besagen will, jeder Tod eines vordem selbständigen Planeten bereitet sozusagen eine Lebenswende auf Erden vor.  So rechtfertigt sich schließlich auch der Titel meines Buches, dem nicht im entferntesten die Willkür einer billigen Sensation anhaftet, sondern hinter dem sich eine Erkenntnis von beispielloser Tragweite für unser ganzes biologisches Forschen verbirgt.  Schon rein gefühlsmäßig und gedanklich sollte einzusehen sein, daß lebendiges Werden sich niemals zu gewaltigen Höhen hätte gestalten können, sollte es nicht von Zeit zu Zeit ein Ereignis betroffen haben, das allgewaltig die Schranke vitaler Trägheit durchbrach. 
Es ist vielfach rühmend und staunend zugleich vorgetragen worden, wie weit und großartig doch der Weg sei von jenem Plasmakügelchen in der Urweltwoge etwa bis hin zu jener an die Hirnmasse geketteten Bewußtseinsfülle eines Menschen.
Aber es ist eben so zwingend unfruchtbar immer wieder versucht worden, diesen Weg durch die Formel tatenloser und schöpferisch wenig beschwingter Zufallsantriebe gedanklich meistern zu wollen.  Die Zeit für diese allzu nüchterne und allzu bequeme Einstellung dem Werdegang des Lebens gegenüber ist abgelaufen.

Fassen wir kurz zusammen, so werden wir einige klar umschriebene Thesen herausstellen können.  Der Aufstieg des Lebens und die Entfaltung lebender Wesen sind im Verlauf der Erdgeschichte durch kosmische Gewalten bestimmt worden.  Ohne kataklysmatische Anstöße ist das Leben zum Variationsstillstand verurteilt.  Genau wie die Spannkraft der Individuen einer Art erlahmt, sobald nicht eine dauernd ungeschlechtliche Fortpflanzung zeitweise durch verschieden geschlechtliche Mischung unterbrochen wird, die vor Stagnierung und Degeneration schützt, muß ähnlich das Lebensganze zeitweise mit neuen, eine gesteigerte Variation herbeiführenden, Spannkräften ausgerüstet worden sein.  Die Tendenz zum Variieren steht in direktem Verhältnis zur Stärke eines Kataklysmus, das Mutabilitätsvermögen im umgekehrten Verhältnis zur Höhe der Organisation und Spezialisation.  Gewaltsame Sprünge oder spontane Transformationen sind dem Leben nicht zu eigen.  Geschlechter haben nur die Wahl unterzugehen, abzusinken oder mit neuen vitalen Spannkräften ausgestattet zur Bildung neuer Arten beizutragen.  Voraussetzung hierfür sind solche das Leben auf weitem Raum bestürmende kataklysmatisch bedingte Faktoren und gleichzeitig bewirkte erhebliche geographische Isolation.  Sobald man versucht, diese Sätze tiefer zu begründen, wird man gerne etwa die von de Vries und Moritz Wagner vorgetragenen Ansichten vergleichsweise berücksichtigen können und vieles daraus nur in eine neue Perspektive zu rücken brauchen.

Eine Sonderfrage bleibt dann die, wie wir uns den Mechanismus der Determination am lebenden Objekt selbst vorzustellen haben und wie im Zeichen einer nachkataklysmatischen geologischen Ruheperiode Variation, Spezialisation und Divergenz zur Auslösung gelangen.  Es besteht kein Zweifel, daß uns gerade hier unsere entwicklungsphysiologische oder entwicklungsmechanische Forschung manche Fingerzeige liefert.  Unser Einblick in das wundersame Getriebe der im Zellkern ruhenden Kernschleifen oder Chromosomen, die Erkenntnis, daß sie die Träger der Vererbung sind, lassen uns verstehen, wie die körperliche und geistige Individualität eines Lebewesens in den Leibern der langen Kette seiner Ahnen verankert liegt.  Wiederum hat die Entwicklungsphysiologie unserer Tage in veränderter Form das alte Problem der Evolution (Organisation schon in der Anlage festgelegt) und Epigense (Organisation erfolgt erst während der Keimlingsentfaltung) aufs neue aufgerollt und es ist augenblicklich noch nicht abzusehen, wohin eine klar entscheidende Straße führt. 
Uns bleibt es an dieser Stelle verwehrt, die hiermit in Zusammenhang stehenden Probleme sinnfällig aufzurollen, um dann die oben wohlberechtigt erwähnte Sonderfrage eingehender beantworten zu können (8).
Schließlich möchten auch diese nur höchst gedrängten Ausführungen das Blickfeld kennzeichnen, das sich bei einer wesentlich neuen Einsicht in das Weltgeschehen eröffnet.


H.W. Behm


(Quellenschriftauszug: Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926, R. Voigtländer Verlag, Leipzig )





Anmerkungen und Literatur


1) "Prinzipien zu einer Theorie kosmobiotischer Determination und divergierender Variation" (In Vorbereitung) - (Anm. v. der Privatinstitutsleitung: leider ist diese Schrift nach unser Kenntnis nicht erschienen.  Stattdessen erschien 1929 das Buch "Schöpfung des Menschen" von H.W. Behm.  Ein sehr empfehlenswertes Buch, da es die Unmöglichkeit der darwinischen Theorien wissenschaftlich aufzeigt, ihn, Darwin, aber weiterhin als großen Forscher anerkennt.)



2) H. de Vries "Die Mutationstheorie. Versuche und Beobachtungen über die Entstehung von Arten im Pflanzenreich" (2 Bde. 1901 und 1903); dersb. "Arten und Varietäten und ihre Entstehung durch Mutation" (1906).  Hierzu auch S. Korschinsky "Heterogenesis und Evolution" (Naturw. Wochenschrift, Bd. XIV. Nr. 24; 1899).



3) M. Rauther ("Deszendenzprobleme, erörtert am Fall der Steinheimer Planorben" in "Naturw. Wochenschrift" Nr. 10. 1921). Orientiert kritisch und führt die notwendige Literatur an.  Rauther sagt in diesem Zusammenhang: "Wir dürfen uns nach gegenwärtiger Erfahrung vorstellen, daß die durchschnittliche Erscheinungsform jeder Art das Produkt zahlreicher, meist antagonistischer Bildungstendenzen (Erbeinheiten, Faktoren) ist, die sich in einem fein abgestimmten Gleichgewicht befinden. 
Die ausgebildete Erscheinung eines Mutanten mag nun noch so befremdend sein, schwerlich nötigt sie je zu der Annahme anderer als der normalerweise bei der Art anzunehmenden Faktoren; nur scheinen diese in ungewöhnlichen Wechselbeziehungen wirksam zu sein.  Gewisse Faktoren werden zugunsten anderer gehemmt, ohne doch vielleicht dauernd ausgeschaltet zu werden.  Sehr häufig erscheinen die Mutanten daher als ausgesprochene "Defektvariationen"; will man in anderen Fällen die Entbindung eines sonst kompensierten Faktors "progressiv" nennen, so ist das lediglich Geschmacksache.  Man wird also sagen dürfen, daß das dynamische Wesen der Art in den Mutanten nicht an sich selbst geändert oder gar bereichert, wohl aber durch eine Störung seines ersten Werkzeugs, der Keimesanlagen nämlich, zu einer abnormen Äußerung gedrängt sei.  Damit ist wohl verträglich, daß Mutanten einzelne Charaktere in exzessiver, auch qualitativ weit von der Norm abweichender Ausbildung aufweisen.  Neu - (und zwar wohl auch meist nur in dem Sinne; zum erstenmal wissenschaftlich festgestellt) - ist an den Mutanten nur die aktuelle Störung einer spezifischen Anlagenkonstitution, ohne daß diese aber in ihrem potentiellen Charakter bereichert würde." (Auz. aus dem Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926)



4) W. Lubosch "Das Problem der tierischen Genealogie" (Arch. mikr. Anat. Festschrift Hertwig 1920).



5) P. Kammerer "Allgemeine Biologie" (3. Aufl. 1925).



6) R.H. Francé, der diesen letzten Satz anknüpfend an die Arbeiten P.C. van der Wolks ("Cultura" 1919) prägte, glaubt im Zusammenhang damit betonen zu müssen: "Eine der großen alten Streitfragen der Entwicklungslehre, die jahrzehntelang die Gemüter erhitzte, nämlich die Vererbung der erworbenen Eigenschaften, auf der die ganze neuere Lebensbetrachtung fußt, erscheint nun experimentell entschieden.  Und das ist in seinen Folgewirkungen weit wichtiger, als der Mutationismus, so interessant er an sich erscheint.  Denn werden erworbene Eigenschaften vererbt, dann ist alles, was der Organismus ist und kann, das Erbgut der Erlebnisse und der Arbeit seiner Vorfahren, und wir haben auf einmal den Schlüssel in der Hand, der uns das Verständnis für die ganze, vieltausendgestaltige Entfaltung des Organischen eröffnet. 
Und so setzt mit dieser ersten fruchtbaren Arbeit einer experimentellen Entwicklungslehre die Hoffnung ein, daß sich mit dieser Arbeitsrichtung endgültig die Einsicht durchringt, Anpassung sei das Produkt von Arbeit und jener ewigen logischen Zusammenhänge, die das Weltall regieren.  Zum erstenmal macht sich der Mensch nicht bloß ein erdachtes Bild vom Werden des Lebens, sondern sieht das Gesetz dieses Werdens selbst. Und er wäre nicht das selbstsüchtige Wesen, als das allein er bestehen kann zwischen den Mühlsteinen des Seins, wenn er nun nicht sofort Hoffnungen spinnen würde, sich durch seine Erkenntnis auch zum Herrn dieses Gesetzes emporschwingen zu können." (Auz. aus dem Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926)



7) H. de Vries hat dem zweiten Band seines Mutationswerkes beschließend ein Kapitel über "Die geologischen Mutationsperioden" beigegeben und betont dort (nach Überprüfung der Frage, ob die Vorfahren seiner mutablen Nachkerze stets mutabel waren oder nicht) die größere Wahrscheinlichkeit von mutablen und immutablen Perioden im Verlaufe der geologischen Vergangenheit.  Nach E. Koken ("Paläontologie und Deszendenzlehre" 1902) würde eine persistente Art von Zeit zu Zeit Varietäten treiben, die gleichsam schwarmartig auftreten, während dazwischen mehr oder minder schwarmfreie Ruhepausen liegen.  Besonders bei fossilen Schnecken, Armkiemenern und Kammuscheln würde sich das bestätigt zeigen.  Es sill uns jedoch scheinen, daß Koken dem Sinne nach unserer eigenen Meinung sehr nahe kommt, aber seine Ableitungen offenbar der bezeichneten fälschlichen Deutung des fossilen Materials verdankt.  Vgl. auch dessen Ausführungen im Jahrb. d. k .k. geol. Reichsamt 1896 hierzu.  M. Standfuß, der auf experimentellen Wege die Beziehungen naher verwandter Arten bei den Insekten erforschte, spricht von besonderen Fällen "explosiv erfolgender Umgestaltungen".  Jede artenreiche Gattung macht ihm den Eindruck einer Explosion.  Es sieht aus, als ob eine ursprüngliche Art in Hunderte von Stücken zersprengt würde.  Die einzelnen Stücke, soweit sie am Leben geblieben sind, sind die jetzigen Arten.  Die Gattung selbst wäre eigentlich nur die ursprünglichste Art, die Sammelart oder Großart.  ("Experimentelle zool. Studien", Neue Denkschr. d. allg. schweiz. Gesellsch. f. d. ges. Naturw. 1898).  W.W. Scott ("On Variations and Mutations", Americ. Journ. Sci. 3. Serie. Vol. 48. Nr. 287 Nov. 1894) meint sehr bezeichnend, daß Mutabilität in großen Gruppen von Individuen auftreten müsse.  Das will uns schon gefallen, wenn wir auch weniger die Ursachen, als die durch sie herbeigeführten Auswirkungen der Transformation durch längere Zeiten in derselben Richtung sich vollziehen wissen möchten.  Jedenfalls sind bei allen diesbezüglichen Erörterungen stets wieder brauchbare Perspektiven  gegeben, deren Wert theoretisch unbestreitbar ist, der aber erst gewinnt, sobald wir ihn in Beziehung setzen zu den bislang undurchschaulich gebliebenen Ereignissen der Erd- und Lebensgeschichte.  (Auz. aus dem Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926)



8) Diesbezügliche Literatur ist außerordentlich umfangreich.  Es scheint uns aber zweckmäßig zu sein auf die durchaus neuartige Gesichtspunkte berührenden Arbeiten Heidenhains wenigstens hinzuweisen, besonders auf seine "Beiträge zur Teilkörpertheorie" (I-VIII) im Anat. Anz. 40, in Arch f. mikr. Anat. 83, 1913, 85, 1914, 97, 1923, in Anat. Hefte 56, H. 170. 1919, im Arch f. Entwicklungsmech. 49, 1921, in Klin. Wochenschrift 4, Nr. 3 u. 11. 1925.  (Auz. aus dem Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926)