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Über vorgetäuschte Entwicklungswunder



Nachdem uns die zu Versteinerungen führenden Zusammenhänge einigermaßen klar geworden sein dürften, bereitet es keine erhebliche große Schwierigkeit mehr, einige wesentliche Punkte versteinerungskundlicher Wertung in ein anderes Licht zu stellen und gerade dort, wo ein Pfad bisheriger Erkenntnis auf vermeintlich große Schwierigkeiten stößt, solche zu zerstreuen.  Wo auch immer der wissensdurstige Geist des Menschen im Schrifttum über die Erdvergangenheit blättert, um eine Vorstellung von den Schicksalen der Lebenswerdung zu gewinnen, erhält er Kunde von oft höchst eigenartigen Geschehnissen, die uns das fossil überkommene Material aufzuzwingen scheint.

Wir hören von allgewaltigen, bald kurz, bald länger befristeten Aufstiegen und Blütezeiten bestimmter Lebensgeschlechter, wir erfahren von plötzlich einsetzenden sprunghaften Entwicklungsläufen oder unvermittelter Umprägung ganzer Faunen und Floren, wir sehen das Lebensganze im Zeichen eines großen Sterbens sich zeitweise erfüllen und sind gezwungen, genug weitere ähnliche Überraschungsläufe aus dem Gang der Lebensgeschichte entgegenzunehmen.  Nur allenthalben tauchen auch alsbald die merkwürdigsten Verlegenheitsausflüchte der Forschung hinter all dem auf.  Man steht vor Dingen, die letzten Endes doch immer ganz rätselhaft bleiben müssen, zumal wenn man an sie den Maßstab der lyellbeflissenen Erdgeschichtsdeutung legt.  Warum sollte das Leben im Zeichen eines allenthalben geruhsamen Ganges der Erdgeschichte nicht ebenso geruhsam seine Entwicklungsläufe, seinen Formen- und Gestaltwechsel gezeitigt haben?
Warum sollte hier immer wieder so etwas wie eine gigantisch groteske Launenhaftigkeit das Spiel des mählich fließenden Werdens unterbrochen haben?
Und zugegeben, man würde sich schon längst von dem periodisch Katastrophalen im Gang der Erdgeschichte überzeugt haben, bliebe es trotz allem dann gerechtfertigt, die Lebensformen eines nur kontinuierlichen Umbildungsvermögens zeitweise entledigt und sie etwa mit plötzlich ruckweiser Umformungsgabe befähigt zu denken?  Man möchte gerade wieder das letztere bestreiten, aber doch wieder strikte die geschilderten Kataklysmen benötigen, um aus ihnen zugleich die für die mähliche Umbildung der Lebensformen notwendig vorbereitenden Faktoren abzulesen.  Es macht der Feder gewiß schon etwas Mühe, hier Schritt um Schritt zu einer dem restlosen Verstehen notwendigen Klarheit auszuschreiten.

Wie steht es zunächst um diese immer wieder herangezogenen großartigen Blütezeiten gewisser Lebensgeschlechter?  Bleiben wir im geläufigen Bilde vom Erdaltertum stehen.  Da soll es nun Zeiten gegeben haben, woselbst einmal diese merkwürdigen drolligen und stammesgeschichtlich höchst bedeutsamen Dreilappkrebse ihren ganz großen Tag feierten.  Der Satz ist geprägt worden, es habe einmal geradezu Trilobiten auf Erden geregnet, so fabelhaft zahlreich würden ihre Steinmumien eben im Gestein zutage treten.  Und das gleiche würde wiederum für viele Geschlechter der Armkiemener, der Kopffüßler, skorpionhafter Riesenkrebse, der dachsköpfige Panzerlurche, der grotesken Panzerfische, der Ammonshörner u.a.m. gelten.  Im Erdmittelalter würden etwa die Reptilien ganz ungeahnt artenreich und vielgestaltig eine Blütezeit beginnen, wie etwa jene Fisch- und Langhalsdrachen, Flugechsen und Landdrachen.  Auch das Meer würde noch weitere Wunder erleben.  Außerordentlich rasch soll sich etwa die Entwicklung der Meerechsen (Mosasaurier) vollzogen haben.  "Aus der älteren Kreide kennen wir noch keine Spur dieser Tiere, in der jüngeren Kreide sind sie mit einem Male gleichzeitig in Nordamerika, Europa, Afrika und Australien mit zahlreichen Formen vertreten.



(Bildquelle/text: Buch "Planetentod und Lebenswende", H.W. Behm)
Vorweltlicher Riesenkrebs aus dem Geschlecht der Gigantostraken.  Tiere dieses Geschlechts wurden bis zu zwei Meter lang.


Das Hauptwohngebiet dieser stattlichen Tiere scheint der Große Ozean gewesen zu sein, von dem sie wahrscheinlich auch ausgegangen sind.  Irgendwo an seinen Ufern ging eine große Eidechse ins Wasser über und führte ein Leben etwa ähnlich der großen Meerechse (Amblyrhynchus) der Galapagosinseln.  Der Übergang zum entschiedenen Schwimmerleben führte zu einer Reihe von Änderungen im Körperbau.  Der Schädel, der in der losen Aneinanderfügung der Knochen in hohem Grade dem Schlangenschädel ähnelt, weshalb man die Tiere ja auch als schlangengestaltige bezeichnet hat, wurde gestreckt und zugespitzt.  Ebenso streckte sich der Körper durch das Auseinanderrücken der Vorder- und Hintergliedmaßen, die in Flossen umgewandelt wurden, auch Hand in Hand damit ging, wie bei allen Wassertieren, eine ganz bedeutende Größenzunahme (1)". 
Man wird nun wohl schwerlich annehmen wollen, daß diese Umformung zum Wasserleben sich allzu rasch vollzog und man wird dann um so mehr fragen müssen, warum uns keine Übergangsstücke dieser Umformung erhalten blieben.  "Mit einem Male" entsteht gewiß kein durchgreifend neugestaltetes Lebewesen in der Natur.
Und wenn von jenen großen Schwärmen der Schwielenechsen berichtet wird, die ähnlich einem Rudel Wölfe auf dem Lande einst im Meere ihre Jagd ausübten, so soll sich das aus der großen Anzahl von Stücken herleiten lassen, die man eng beieinander gefunden hat.  Dabei ist man denn doch neugierig, etwas Näheres über den plötzlich herbeigeführten Untergang eines solchen Echsenrudels zu erfahren und über die Möglichkeit seiner haltbar gebliebenen Einbettung überhaupt.
Jedoch nichts Bestimmtes kann darüber berichtet werden und schon finden wir wieder das rasche Aufdämmern der ersten Vögel am Ende der Kreide verzeichnet oder vielmehr etwas später noch ein solches der höheren Säuger, der Insekten- und Fleischfresser, der Fledermäuse, Wale, Nage- und Huftiere usw.  Deren rasche Entwicklung soll glaubhaft werden und ebenso eine nachmalige Blütezeit jüngerer Landsäugetiere.  Und wiederum wird höchst merkwürdig von sich wiederholenden Blütezeiten bestimmter Lebensgeschlechter (z.B. Ammonshörner) im Rahmen verschiedener Erdepochen berichtet, wobei aber eine gesicherte Begründung hierfür kaum zu entdecken ist.

Man muß dann schließlich die Kehrseite der Dinge betrachten, um auch hier die Befriedigung wenig dienliche Antworten zu erhalten.  Ebenso wie neugeartete Lebensgeschlechter vermeintlich plötzlich in Blüte stehen, sollen andere ebenso plötzlich dahingesunken sein.  Massenweises Emporblühen und massenweises Sterben würde schlechterdings gegenpolig die allgewaltige Lebensstraße kennzeichnen.  Der Versteinerungsforscher gibt uns Kunde von jenem wenig durchschaubaren Ereignis etwa zu Ende der Kreidezeit.  Es verschwinden alle Saurier vom Erdboden, mögen sie nun das Meer, die Luft oder das Land bewohnt haben, mögen sie Pflanzen- oder Fleischfresser gewesen sein.  Auch jene Ammoniten, die das ganze Erdmittelalter hindurch in zahllosen Arten das Meer bevölkerten, sterben aus.  Von bestimmten Kopffüßlern (Belemniten) retten sich nur ganz wenige Formen in ein neues Zeitalter hinüber, von den Muscheln verschwindet eine eben erst erblühte Familie der Rudisten ebenso schnell, wie sie gekommen und auch die dickschaligen Schnecken hinterlassen keine Nachkommen.  Ein großes Sterben würde folglich die Grenze vom Mittelalter zur Neuzeit der begleiten. 
Es vergehen Faunenvölker, die bisher das ganze Lebensbild beherrschten und im folgenden Kapitel der Erdgeschichte treten andere Familien der Tierwelt aus dem Schatten hervor und sichern sich ihren Platz an der Sonne.  Der Forscher nun, der bekennen muß, daß uns über die Ursache dieses Sterbens jede begründete Vermutung fehlt (2), kann sich angesichts dieser Erscheinung nicht der Worte enthalten, daß, "wenn die Cuviersche Katastrophentheorie in der Erdgeschichte je den Schein einer Berechtigung besitzt, es an dieser Stelle wäre".
Weitsichtige Forscher machen ja schlechterdings auch gar keinen Hehl daraus, daß es nun bislang nicht gelungen ist, für derartig auffällige Erscheinungen in der Geschichte des Lebens eine allgemeine Ursache ausfindig zu machen.  "Alle unsere Theorien versagen vollständig gegenüber dem Versuch, das Erlöschen großer, blühender Formengruppen ohne Hinterlassung von Nachkommen zu erklären....  Natürliche Vorgänge, die eine Vernichtung großer Lebensgemeinschaften von weltweiter Verbreitung herbeiführen, kennen wir nicht....  Die Ursache des Erlöschens der Ammoniten oder der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, oder des Niedergangs der Gigantostraka (Riesenkrebse) und Trilobiten (Dreilappkrebse) seit dem Beginn des Devon, der spiraltragenden Brachiopoden (Armkiemener) in der Trias bleiben völlig dunkel.... 
Das Problem des Artentodes besteht vorläufig in voller Schärfe (3)."  Man könnte hierbei allenfalls noch an G. Steinmanns (4) Wertung einer "unständigen Variabilität in der Zeit" denken, die etwa besagen will, daß eine für erloschen geltende Gattung in veränderter Umwelt entsprechend abgeändert weiterlebt.  In bestimmt gerichtetem Voranschreiten (epistatische Mutation) würde eine Gattung in einer anderen fortbestehend abzuändern vermögen.  Ein Paradebeispiel hierfür würden nach Steinmann gewisse durch hohes Abänderungsvermögen ausgezeichnete Muscheln (Schizodonten) liefern.
Ursprünglich einfache konzentrische Rippen der Schale würden im Laufe der Zeit eine bestimmte Knickung erfahren und dieser Vorgang würde zugleich von einer Auflösung der Rippenknoten begleitet sein, jedoch so, daß sich bald das eine, bald das andere Merkmal früher oder stärker geltend macht.  Dadurch wäre die Möglichkeit zu zahlreichen Kombinationen gegeben.  Denn wenn eine Art mit konzentrischen Rippen nach beiden Richtungen hin abzuändern beginnt, so könnte bei einigen Individuen die Knickung rascher als bei anderen erfolgen, und unabhängig davon könnte die Auflösung der Rippen in Knoten verschieden schnell bei den Angehörigen der beiden Gruppen vor sich gehen.  Treten dann noch die Variationen in Entfernung und Stärke der Rippen, sowie im Umriß der Schale hinzu, so könnte ein Chaos von Formen mit gebogenen und geknickten Rippen entstehen.  Schließlich gelangten die Änderungen, soweit sie durch Biegung und Knotung zum Ausdruck gelangen, zu einem gewissen Abschluß, indem nur noch der hintere, absteigende Ast der Rippe erhalten bleibt, und die Rippen vollständig geknotet sind.  Sind alle Varietäten bis zu diesem vereinfachten Zustande umgewandelt, so ließen sie sich nur sehr schwierig oder gar nicht mehr unterscheiden und es bestünde schließlich wieder nur eine, vielleicht etwas variierende Form.  Aber die ungewöhnlich große Variabilität wäre jetzt geschwunden, ohne daß der Stamm etwas anderes als eine geringe Änderung in ganz bestimmter Richtung erfahren hätte und ohne daß die Träger jener Mutationen (= scheinbaren Variationen) erloschen wären.  Ein solcher Vorgang könnte sich in demselben Stamme auch mehrere Male wiederholen, wenn einige Individuen der Ausgangsart längere Zeit in dem ursprünglichen Zustande verharren und erst später den Reizen ausgesetzt werden, die die Biegung oder Knotung der Rippen verursachen.  Das Endergebnis brauchte dann schließlich doch nur eine Art oder ein Komplex äußerst ähnlicher Formen, eine Großart, zu sein.
Auch die zahllosen Abänderungen bei vielen verzierten Flußmuscheln (Unionen) der Vorzeit und Gegenwart würden durch ähnliche Zusammenläufe deutbar werden.  Durch den Übergang zum Süßwasserleben würden viele von den marinen Vorfahren überkommenen Merkmale der Verzierung und Schloßbildung geändert werden, um schließlich auch wieder, wie bei Teichmuscheln (Anodonten), ganz zu verschwinden.  Es wäre demnach denkbar, daß sich die Formen der Natur vereinfachen, ohne daß sie dabei tatsächlich verarmt.  Ein solcher geschichtlicher Vorgang würde sich aus dem vollendeten Zustande nicht mehr ablesen lassen.

Gewiß, wollte man nicht die ganze Abstammungslehre in Frage stellen, wird man im weitesten Sinne sehr wohl augenblicklich erreichte Formen als Nachkommen andersgestaltiger Vorfahren aufzufassen haben.  Was lebt, rankt eben stets wieder irgendwie endgliedlich in die Gegenwart hinein. 
Aber den ganzen Aufwand von Lebensformen der Vorwelt nun einfach im Gegenwartsbilde abgeändert vor sich zu sehen, geht entschieden zu weit. 
Es ist aber nur zu selbstverständlich, daß ein Forscher zu einer derartigen Perspektive gedrängt werden kann.  Er hat in den Voraussetzungen hierfür zweifellos richtiger gesehen wie viele andere, denn er konnte einfach nicht verstehen, aus welchen Gründen nun diese Saurier plötzlich verschwanden bzw. ihr Geschlecht mehr und mehr durch das der Säuger abgelöst wurde.  Auch ihm kann (sehr richtig vermutet) der Kampf ums Dasein der Arten untereinander nicht genügen, solche Wandlungsbilder des Lebensgeschehens zu zeitigen, möge auch für den Endabschnitt vorweltlicher Lebenswerdung allenfalls der Mensch als Artvernichter und Zerstörer gelten.
Hätte sich Steinmann (weniger im gangbaren Lyellbilde befangen), die Frage vorgelegt, ob nicht etwa kataklysmatische Umstände die Geschichte des Lebens mehr oder minder bedeutsam diktiert haben, er würde seinen Ausblick wohl minder nachhaltiger zu erhärten versucht und das Bestehen des Problems des Artentodes als solches in Frage gestellt haben.
Man verschließt sich zuweilen auch keineswegs der Tatsache fehlender Übergangsglieder.  "Die Kluft zwischen dem reptilähnlichsten Vogel (Archaeopteryx), der schon typische Vogelflügel und eine ausgedehnte Befiederung besitzt, und dem vogelähnlichsten Reptil (Compsognathus) ist noch durch keine Zwischenform ausgefüllt.  Vor allem kennen wir kein Geschöpf, das un einen Fingerzeig geben würde, wie aus den Hornschuppen eines Reptils das Federkleid eines Vogels hervorgegangen ist....  Selbst die Bedeutung der Dachköpfe (Stegozephalen) als Bindeglied zwischen Amphibien und Reptilien darf nicht überschätzt werden....  Auch die zweifelhafte Stellung gewisser südafrikanischer Fossilreste (Gomphodontia) zwischen Säugern und Reptilien stempelt diese in ihrer systematischen Position unsicheren Formen noch keineswegs zu wirklichen Bindegliedern zwischen den erwähnten Klassen....  Eine ganz isolierte Stellung unter den Wirbeltieren nehmen noch immer die Fische ein.  Die Lücke zwischen den erdaltertümlichen (paläozoischen) Fischen und den Dachköpfen (Stegozephalen) ist trotz der Ähnlichkeit einzelner Schmelzschupper (Ganoidfische) in der Anordnung der Schädelknochen fast ebenso groß, als zwischen den Fischen und allen höheren Wirbeltieren in der Fauna der Gegenwart.  Für die Umwandlung der strahlig gebauten Fischflossen in die Hebegliedmaßen eines Landwirbeltieres fehlt uns vorläufig jedes paläontologische Beweismaterial....  Jedenfalls steht den durch Übergangsglieder verbundenen Abteilungen innerhalb der einzelnen Klassen des Tierreichs eine zugleich größere Zahl von solchen gegenüber, für die wir Bindeglieder noch immer vermissen.  Ja es ist durch die Entdeckung vieler neuer, vorläufig isolierter Formengruppen die Zahl der Lücken eher vermehrt als verringert worden."  So urteilt Karl Diener als bezeichnender Fachforscher (5) und hält schließlich alle Fragen über zeitweilige Umprägung der Faunen, über explosive Entwicklung, starkes Aufblühen usw. für durchgehend ungeklärt.

Bevor wir nun selbst zur wenigstens umrissen gedeuteten Klärung all dieser Dinge schreiten, möchten wir noch ein paar weitere Gegenständlichkeiten in das Blickfeld rücken.  Zugleich möchte der Leser sich dessen erinnern, was wir in früheren Kapiteln weit sichtungsvoller und kritisch zergliedernder hierzu schon gesagt haben.  Gerade die Frage etwa zur ersten Herausbildung eines Landwirbeltiers hatten wir schon auf mehrmögliche Wendungen hin untersucht.  Mag nun der Entfaltungsgang so oder so verlaufen sein, die Versteinerungskunde vermag uns keine Antwort darauf zu geben.  Der Trost auf eine dereinst erfolgende glückliche Entdeckung ist recht eigentlich das Positivste dabei geblieben.  "Vorläufig müssen wir uns damit begnügen, daß die gewaltig reiche Entfaltung und Verzweigung des Vierfüßlerstammes in der dem Devon folgenden Steinkohlenzeit gebieterisch fordert, daß er schon lange vorher bestanden haben muß."  Uralt müßte das Geschlecht sein.  Das bekennt derselbe Forscher (6), der im weiteren die fremdartige Umgebung, d.h. jene der Steinkohlenzeit, in der die Urvierfüßler lebten, zu schildern sich bemüht; wohl ober übel aber wieder mit der gelegentlich eingeflochtenen Bemerkung von der Einigkeit wohl aller Geologen über die bodeneigene Entstehung der Steinkohle selbst.
Weniger vor einem Skelett, das möglicherweise gut erhalten blieb, als vor gewissen Ansammlungen von Knochensplittern steht der Versteinerungsforscher nochmals etwas ratlos da.  Er spricht von einem sehr merkwürdigen und für die Geschichte der Tierwelt wichtigen Glied der Schichtreihe des oberen Keupers (Abschnitt der erdmittelalterlichen Trias), dem Knochenlager oder Knochenbett (Bonebed).  Bei vollständiger Entwicklung bildet ein solches Knochenlager ein Haufwerk von Quarzkörnern und zahllosen Zähnen, Knochentrümmern, Fischschuppen u.dgl. m. von jeweils meist geringer Größe.  In manchen Gegenden ist diese Schicht nur schwach angedeutet, aber stärker oder schwächer vertreten findet sich dieser Wirbeltierhorizont in außerordentlich weiter Verbreitung zumal in England und in Deutschland.
So finden sich in einem schwäbischen Knochenlager die bald viereckigen, bald bohnenförmigen Zähne eines wahrscheinlich Muscheln fressenden Reptils (Placodus), ferner gekielte vielgestaltige Pflasterzähne eines kleinen Haifisches (Acrodus), halbkugelige Zähnchen eines Schmelzschuppers (Colobodus), spitze Kegelzähne eines Echsenfisches (Saurichthys) und dies alles vermischt mit zahllosen Schuppen der verschiedensten Fische sowie mit Knochen und Zähnen riesiger amphibischer Saurier (Nothosaurus).  "Über dem Knochenbett beginnt die eigentliche Lettenkohle mit einem feinen grünlichen Sandstein, der in vielen württembergischen Städten Verwendung zu Monumentalbauten gefunden hat....  Wenn nun im schwäbischen Rhät auch dünne Zwischenlagen oder Nester mit Resten von Land- und Süßwassertieren vorkommen, so handelt es sich hier wieder um Knochenbetten, die am Strand des vordringenden Meeres zusammengeschwemmt wurden (?!).  Der Hauptinhalt dieser Kirchhöfe besteht in Schuppen, Knochen und Zähnen von Haifischen und Schmelzschuppern.  Ziemlich häufig sind hier außerdem die flachen viereckigen Zähne des Psammodus, einen Rochen und die meißelförmigen Schneidezähne des Schmelzschuppers Sargodon.  Viel seltener gelingt es, Wirbel und Zähne der großen, damals lebenden (?) Land- und Seesaurier zu finden, und einzig in ihrer Art sind die beiden im Jahre 1847 unweit Echterdingen auf den Fildern entdeckten Zähnchen von Allotherien (primitiven Beuteltieren), die seither als die ältesten Säugetiere Deutschlands gelten" (7).  Wichtig scheint uns die Tatsache zu sein, daß wir bei Neumayr-Uhlig (8) anläßlich der Erwähnung der Knochenlager lesen: "Schon vom rein geologischen Standpunkt bietet dieses Vorkommen großes Interesse, da wir vergebens zu erforschen suchen, unter welchen Umständen sich eine so überaus eigentümliche Bildung über so weite Strecken ablagern konnte."
Es dürfte uns gelingen, auch für diese Knochenlager eine plausible Deutung vorzutragen.  Im Bemühen zu klären und noch weitere Schwierigkeiten aufzuhellen kehren wir zunächst zu jener vermeintlichen Blütezeitperspektive zurück.


Da haben wir erstmals zu bedenken, daß man einwandfreierweise von bestimmten Blütezeiten doch nur reden dürfte, wenn im Laufe der Erdgeschichte eine ununterbrochen dauernde Fossilisationsmöglichkeit auch wirklich gewährleistet worden wäre.  Wir glauben dies bezweifeln zu müssen und deshalb ist es von Anbeginn an schon ganz ungereimt, irgendwelche Blütezeiten überhaupt beweiskräftig genug nachweisen zu wollen.  Sehen wir etwas genauer zu. 
Dem Versteinerungsforscher sind wohlweislich die ungeheuer lange währenden Alluvien oder mondlosen Zeiten allenthalben verborgen geblieben. 
Er hat sie jedenfalls niemals derart in Rechnung gestellt, um irgendwie zuverlässige Anhaltspunkte über Lebensverbreitung und Lebensentwicklung daraus zu gewinnen.
Man muß sich unwillkürlich fragen, ob denn nun alle diese Blütezeiten, ein erstes Auftreten, ein rasches Aufblühen, eine überaus reiche Entfaltung nicht gerade auf Täuschung hinauslaufen könnten.  Sollte es nicht vielmehr so sein, daß in alten Erdentagen Zeitintervalle vermeintlichen Aufblühens nicht vielmehr solche augenscheinlichster Vernichtung sind?  Das erfordert allerdings den zeitweiligen Kataklysmen das Wort zu reden.  Im Zeichen ihres Ablaufs gerade wird hervorragend transgressiv eingebettet und wenn wir deshalb eine Schicht überaus reich mit Fossilresten angefüllt sehen, so könnte man wohl verführt werden, daraus eine Blütezeit bestimmter Geschlechter herzuleiten, wo es sich aber in Wirklichkeit um eine solche gar nicht gehandelt hat.  Die wahren Zeiten des Blühens und Entfaltens mögen wohlweislich ganz wo anders liegen, versteckt in jenen mondlosen Perioden, aus denen so gut wie nichts überkommen ist.
Viele Zwischenglieder der Lebensentwicklung sind dieserweise offenbar uneinbringlich verloren gegangen.  Nur in den kurzen, die Alluvien voneinander scheidenden Kataklysmen werden von allen inzwischen erklommenen verschiedenartigsten Entwicklungsstufen Stichproben genommen und in den gleichzeitig aufgebauten Schichtgefügen hinterlegt.
Alluvialfossilien gibt es eben schlechterdings nicht.  Man wird diesen Satz mit gewissen Einschränkungen sehr wohl unterschreiben können.  Und diese Einschränkungen werden uns alsbald klar sein, wenn wir bedenken, daß allenthalben aus den Alluvien unvermodert gebliebene Hartteile erst in den Kataklysmen entsprechend sortiert und dauernd eingebettet werden.  Gewisse Hartteile schlammiger Meeresablagerungen wohlverstanden, die flutverfrachtet nachträglich abgelagert werden, die hauptsächlich von niederen Meerestieren herrühren mögen, weit weniger aber oder überhaupt nicht von Landlebewesen. 
Da verstehen wir denn auch die ungefähr gleichbleibenden oder durch unmerkliche Übergänge sich auszeichnenden Geschlechterreihen aus dem Stammbaum des Lebens.  Es handelt sich hier vorwiegend immer nur um wenig hochentwickelte marine Lebewesen, denen sowieso ein Kataklysmus oft nicht viel anhaben wird.
Sie können wohl teilweise dabei aufgerieben werden, aber schließlich werden Ozeangebiete nie ganz ausgeschöpft und dann mögen gerade diese niedrigen Arten von einer stärkeren Trübung, Verkalkung oder Versalzung eines restlichen Ozeanvolumens weniger beeinflußt werden. 
Wesentlich anders werden aber gerade die großen Land- und Seesaurier und sonderlich die ersten Landsäugetiere von einem Kataklysmus betroffen werden.
Hier werden ganze Bestände im gesteigerten Ablauf der Erdoberflächenzuckung und Hochflutgewalt vernichtet werden.  Nahrungs- und Wärmemangel wird sich gerade für sie, am ehesten bei den Pflanzenfressern, bemerkbar machen.  Wodurch sollten denn überhaupt irgendwie einschneidend neue Verhältnisse geschaffen werden, die tiefgreifende Veränderungen der äußeren Lebensbedingungen herbeiführen, die Arten aussterben lassen, sei es nicht durch einen Kataklysmus?
Es darf als völlig ausgeschlossen gelten, daß im Widerstreit der Lebewesen unter sich Großgeschlechter des Reptilstammes spurlos verschwinden konnten, daß die Erde nicht noch allezeit Raum genug gehabt hätte, sie zu beherbergen, bzw. die Pflanzenfresser unter ihnen vor den Krallen oder dem mörderischen Gebiß mancher Fleischfresser zu schützen.  Und daß etwa eine gesteigerte Intelligenz der heraufgedämmerten Säuger nun auch das Schicksal selbst der gefährlichsten Raubsaurier besiegelt haben könnte, scheint wirklich wenig stichhaltig zu sein.  Dieser vielfach auftauchende Ausblick mutet denn doch immer wie eine höchst fragwürdige Verlegenheitsmär an, möge auch gelegentlich betont werden, daß im Gift des Schlangengezüchts, in der hinterlistigen Verschlagenheit, es als Waffe anzuwenden, sich bis heutigentags noch der unterlegene Rächer oft grausam und furchtbar genug für den Sieger zu behaupten scheint.

Ganz sicher lag die höchste Blütezeit der Saurier nicht dort, wo diese auch immer die Versteinerungskunde überlicherweise zu sehen vermeint.  Es will uns scheinen, daß viele Saurier als überdauernde Restbestandteile des Kataklysmus der Primärzeit in das lange währende mondlose Alluvium der Sekundärzeit gelangten.  Eine Zeit ungestörten Sichausbreitens und wenig gefahrvoller Umweltbedingungen war für sie hereingebrochen.  Gerade hier mögen sie ihre wirklich glanzvollsten Tage erlebt haben.  Bald nach dem Einfange des Sekundärmondes wurden zusehends die Lebensbedingungen erschwert, doch den Kataklysmusbeginn (Triasablagerungen) mögen diese Saurier noch wohl oder übel überdauert haben. 
Dann aber wurden die Lebensbedingungen im weiteren Verlaufe der Flutumschliche und Schichtauftürmungen schließlich so harte, daß es allmählich an ein wirklich sozusagen großes Sterben ging (Juraablagerungen).
In der Kreidezeit, wohl dem Höchstpunkt des Sekundärkataklysmus, war endlich auch den gewaltigen Meersauriern der äußerste Termin gesetzt. 
In der mehrtausendjährigen sekundäreiszeitlichen Schichten- und Gebirgsbauzeit dürfte das verringerte Ozeanvolumen durch Ausgefrierung wahrscheinlich schon derart konzentriert salzig und durch die tiefsten Beckenaufwühlungen so undurchsichtig verkalkt und verschlammt gewesen sein, daß den Sauriern das Wasser entweder als Lebenselement oder besonders den Augen auf die Dauer nicht mehr behagte und sie auch ohne zu erblinden ihre ohnehin dezimierte Beute in trübem Wasser nicht mehr erspähen und in genügender Menge erhaschen konnten.  Eine rechtzeitige Eroberung des Landes schien wegen der eiszeitlichen Wüsteneien nicht verlockend und war zu einem entsprechenden Anpassungsvorgange der Wechsel der Verhältnisse trotz ihres Schleichens wohl auch zu rasch gekommen.
So möchte uns wohl das Schicksal dereinst gewaltige Saurier begreifbar werden, die wie ein dämonischer Spuk bei dem Bild der Erdvergangenheit auftauchen.
Einige der bekanntesten dieser Spukgestalten zeigt unsre Abbildung auf.



(Bildquelle/text: Buch "Illustrierte Weltgeschichte", Band I, Gefion-Verlag, G.M.B.H.)
Rekonstruktion eines Brontosaurus.  Aus den Zähnen des Brontosaurus kann man schließen, daß er ein Pflanzenfresser gewesen ist. 
Für einen Fleischfresser wäre er viel zu schwerfällig gewesen.  Wahrscheinlich hielt er sich meistens in seichten Gewässern auf und suchte sich da seine Nahrung.



Den bisher größten Ruhm hat zweifellos der Brontosaurus unter den verschiedenen riesenhaftesten Schreckensechsen der Vorzeit eingeheimst. 
Funde von ihm sind seit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Nordamerika mehrfach gemacht worden.  Als hauptsächlichster Wasserbewohner dürfte dieses massive Tier mit seinem kleinen Schädel und seinem fangrechenartigen Gebiß vornehmlich Wasserpflanzen verspeist haben.  Reich mit Pflanzenwuchs bestandene Altwässer großer Ströme mögen sein Lieblingsaufenthalt gewesen sein, was auch einigermaßen für seinen Vetter, dem gedrungener gebauten Camarosaurus zutreffen dürfte.  Vornehmlich Wasserbewohner wird auch der durch mehrfache Skelettfunde aus den letzten Jahrzehnten belegte Diplodocus gewesen sein, dessen sonderlich langer Hals auch das Aufsuchen tieferer Wasserstellen erlaubte.  Die Mundeinrichtung läßt auf Benutzung als Seilapparat schließen, da die rechenartige Beschaffenheit der Zähne zum Erfassen von Beutetieren oder zum Zerreiben von Pflanzen kaum geeignet erscheint.  Mit ihren langen Hälsen gründelten solche Tiere gewissermaßen an Randteilen großer und kleiner Seen oder Stauwässer.  Es ist bezeichnend, daß man geradezu von Knochenfeldern von Schreckensechsen sprechen kann, wie solche in verschiedenen Gebieten Nordamerikas erschlossen wurden.  Aus Knochenresten solcher Urweltriesen hat sich in unseren Tagen ein mexikanischer Schafhirte einmal ein Häuschen gebaut, ahnungslos die stark verwitterten Knochenreste für Steinblöcke haltend.
Und ebenso ahnungslos unwirklich findet sich auch manches Gelehrsame über das Schicksal dieser Schreckensechsen niedergelegt, sofern man an die Frage ihres Niedergangs rührt.
Im Spiegel unserer Betrachtung muß es wohl für ausgeschlossen gelten, daß die allgewaltige Sauriergesellschaft sich noch wohlbehalten in die späteren mondlosen Abschnitte der Tertiärzeit (Tertiäralluvium) hinüberrettete, zumal der Sekundärkataklysmus an Stärke und Ausdauer den der Primärzeit überwog.
Vielleicht hat die vorletzte Sintflut am Ende der Sekundärzeit noch das ihrige dazu beigetragen, die Saurierüberbleibsel zu vernichten, wenn es auch zu vermuten ist, daß das kurze Sintflutintermezzo gerade den Meeresbewohnern unter ihnen weniger verderblich zu werden brauchte.  Wie gesagt hatten die Saurier in dem langen mondlosen Teil der Sekundärzeit ihre offenbar besten Tage.  Urkunden darüber finden wir aber nicht in den Eingeweiden der Erde verzeichnet.
Es müssen Jahrmillionen gewesen sein, in denen für Beleibtheit und Wohllebigkeit Platz und muße gegeben war.  Das alles rächte sich aber im steigernden Kataklysmus mit seinen - um das Sueßsche Wort zu gebrauchen - "Episoden von unsagbar erschütternder Gewalt".  Damals trat der Tod einen Siegeszug über die Erde an, damals wurde unter eiskonservierender Beihilfe haltbar eingebettet, mochten sich fossilgespickte Formationen bilden, damals waren Sterbens- und keine Blütezeiten.  Und aus dem, was wir über die Einbettungsverhältnisse schon wissen, wird auch klar, warum Begräbnis- und Lebensstätten in der Regel nicht zusammenfallen können.

Schon wieder bereitet es einigen Genuß, die Perspektive eines Vorzeitforschers unserer Tage hierherzusetzen, die mithin ganz unbeeinflußt von welteislichen Ableitungen sich verzeichnet findet.  "In der ersten Zeit der Entwicklung der Paläozoologie (vorweltliche Tierkunde) zu einer Wissenschaft hat man geglaubt, aus der Verschiedenheit des geologischen Alters der fossilen Reste einen entscheidenden Anhaltspunkt für die Frage nach der stammesgeschichtlichen Stellung der fossilen Tiere gewinnen zu können, hat aber diesen Daten häufig einen viel zu großen Wert beigemessen.  Man hat z.B. an die Funde des Urvogels in Solnhofen und Eichstätt in Bayern die falsche Schlußfolgerung geknüpft, daß die Entstehung der Vögel in diese Zeit fällt, während wir nur berechtigt sind, zu sagen, daß der älteste Fund eines Vogels in die Juraformation fällt.  Ebenso ist es unrichtig, zu sagen, daß das Aussterben einer Tiergruppe in jene Zeit fällt, aus der wir die letzten fossilen Reste kennen.  Mit anderen Worten, die Funde fossiler Reste bilden zwar einen dokumentarischen Beleg für die Anwesenheit der betreffenden Tiere in jener Zeit der Erdgeschichte, aus der die Reste stammen, aber sie gestatten uns keine Äußerung über die Entstehung oder den Untergang der Tiergruppe, welcher diese Arten angehören.  (Das letztere stimmt, doch Einbettungs- und Lebzeiten brauchen wohlweislich nicht zusammenzufallen; Verf.)
Daß z.B. die Frösche eine außerordentlich alte Gruppe sind, kann als feststehend betrachtet werden; bis vor kurzer Zeit aber waren die ältesten Frösche erst aus dem Alttertiär bekannt und sind erst später auch im oberen Jura Spaniens und Nordamerikas gefunden worden, während sie aus der Kreideformation und aus älteren Ablagerungen als die Juraformation bisher noch nicht bekannt sind.  Wir würden daher einen schweren Fehler begehen, wenn wir sagen wollten: die Frösche sind im oberen Jura entstanden, wir dürfen nur sagen, daß sie hier zum erstenmal auftreten" (9).  Sehr zu Recht betont dann Abel in der Folge, daß es besser ist, unsere Unkenntnis in einzelnen Fällen ruhig zuzugeben, als "ungenügend begründete Hypothesen aufzustellen."
Es soll noch hervorgehoben sein, daß Abel von einer stetigen und ruhigen Steigerung der Anpassung bis zu Erreichung eines Ausgleichszustandes zwischen Tier- und Umwelt bei unverändertem Fortbestehen der äußeren Lebensbedingungen spricht (!), während eine sprunghafte, ja zuweilen stürmische Umformung und Stammesentwicklung dann eintrat, wenn ein erzwungener und freiwilliger Wechsel der Lebensweise erfolgte (!?). 
Hier dürfte Richtiges und Fehlerhaftes vermengt sein, sofern uns weniger eine stürmische Umformung als die Schaffung von Voraussetzungen für späterhin mählich sich auslösende Umprägungen gefallen möchte.  Wir werden darüber im nächsten Kapitel Weitere hören.

Nachdem wir auch erkennen konnten, daß die übliche Aufteilung der Formationen eines Erdzeitalters (z.B. Trias, Jura, Kreide) nach unserer Wertung in den Rahmen eines Kataklysmus fällt, ein solcher wiederum erst nach einem langen Alluvium sich erfüllt und mit einem Diluvium endet, gelangen wir dadurch zu einer wesentlich klaren Umschreibung der erdgeschichtlichen Vergangenheit.  Nicht nur das Verschwinden ganzer Faunen, sondern auch jedes aufgeschlossene Gebirgsprofil verlangt nach einem Kataklysmus.  Wir stehen vor einem solchen in der jetzigen Quartärzeit und sahen weiter Kataklysmen rückliegend in der Tertiär-, Sekundär- und Primärzeit gegeben.  Da jeder Kataklysmus im Zeichen einer Eiszeit steht, dürfen wir eine solche auch dort erwarten, woselbst dem Geologen eine solche noch wenig glaubhaft erscheint, bzw. der Nachweis von Spuren einer solchen allenthalben schwierig oder zweifelhaft geblieben ist.
Das würde etwa für das Erdmittelalter zutreffen, das unsrer Sekundärzeit entspricht.
Wir waren - um mit Hörbiger-Fauth zu reden - da allerdings in einiger Verlegenheit, weil in der Literatur (abgesehen von der letzten Eiszeit) hauptsächlich nur noch von einer Eiszeit am Ende des Erdaltertums, aber weniger von einer solchen des Erdmittelalters die Rede ist.  Doch ließ sich z.B. F. Frech (10) folgendermaßen vernehmen: "Es fallen also die drei großen klimatischen Umwälzungen der Erdgeschichte, die wir mit Sicherheit kennen, mit ebensovielen Umprägungen zusammen.  Die paläozoische (erdaltertümliche) Eiszeit entspricht ungefähr dem Schlusse des Altertums.  Die Abkühlungszeit der oberen Kreide am Schlusse des Mittelalters fällt zusammen mit dem Aussterben der Saurier und dem Beginn der Herrschaft der warmblütigen Wirbeltiere.  Die quatäre (unsere tertiäre, Verf.), der Gegenwart vorangehende Eiszeit bildet den Wendepunkt, mit dem die Herrschaft des Menschen beginnt."  Wenn schon hier für den Abschluß des Erdmittelalters einstweilen nur eine "Abkühlungszeit" bewilligt erscheint, so bleibt doch Hauptsache, daß hier ein gewiß bedeutsamer Fachmann in jeder der drei Hauptformationen eine Kälteperiode feststellt und daß er geneigt ist, dieselben immer mehr an das Ende der Schichtbauzeiten zu verlegen.  Das stimmt sehr wohl mit unseren Ableitungen überein, indem unsere Eiszeiten zwar schon vor Beginn des eigentlichen Gebirgsbaues allmählich einsetzen müssen, aber dennoch erst zum Schlusse der Bauzeiten ihre höchste Stärke entfalten und auch um einige Jahrzehntausende darüber hinausziehen, um dann mit dem plötzlichen Diluvium ihren raschen Abschluß zu finden.
Wir sehen Frech noch weiterhin berichten, daß eine "vollständige Umgestaltung der Tierwelt an der Grenze des Mittelalters und der Neuzeit der Erdgeschichte den Blick auf die Katastrophenlehre lenkt, welche die Geologie im Anfang und in der Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschte."  Anläßlich jeder Katastrophe würde "die dem Erdball bevölkernde Tierwelt binnen kurzer Zeit ausgetilgt worden sein....  Somit fällt die Vernichtung älterer Faunen zusammen mit den Änderungen der physikalischen und geographischen Beschaffenheit der Erde....  Unmittelbar auf diese Zeiten der Zerstörung folgt das Auftreten neugearteter Formen".  Wir brauchen wohl kaum mehr näher auszuführen, daß Frech nur zu deutlich unseren Kataklysmus gewissermaßen erahnend durchschaut, daß aber zeitlich betrachtet eine jeweils rasche Neubevölkerung der Erde nach jeder solchen Faunenvernichtung der Wirklichkeit nicht entspricht.  Die verkannten mondlosen Zeiten, die geradezu einen Beweis für das einstige Dagewesensein fehlender Verbindungsbrücken liefern, mögen diesen Irrtum entschuldigen.  Das vorstehend angezogene Urteil Dieners befremdet dann sofort nicht mehr.  Anschlußformen etwa der dachköpfigen Panzerlurche nach den heute lebenden und fossilen Amphibien und Reptilien hin mögen teils im Primär-, teils im Sekundäralluvium vermodert sein.
Oder z.B. können jene die Fische und ersten Landwirbler verbindenden Entwicklungsreihen in einem oder mehreren Alluvien restlos zerfallen sein, wie zumal die Zwischenkonstruktion von der Fischflosse bis zu den ersten Kriechgliedmaßen der Landeroberer, so daß wir uns mit dem Fehlen derselben einfach abzufinden haben.  Und genau so wird dies für alle Wesensunterschiede der Lebewelt an der Grenze vom Erdmittelalter zur Erdneuzeit hin zu gelten haben. 

Wenn es wie erwähnt den Erdgeschichtsforschern Schwierigkeiten bereitet, gerade für das Erdmittelalter aus beträchtlich mangelnden Eiszeitspuren heraus den für die Lebensgestaltung hochwichtigen Kataklysmus nachzuweisen, so haben wir zu bedenken, daß weniger ein weit ausgedehntes und als ruhend anzunehmendes Landeis als vielmehr nur ein fließender Gletscher Spuren hinterläßt.  Nagt nun der Zahn der Zeit an den einstmals weit ausgedehnten Gletscherspuren und ist dort in der Lage, diese zu verwischen, so muß er um so mehr die geringen, kaum vorhandenen Spuren des Landeises beseitigen.
Was aber für immer verwischt ist, läßt sich nicht mehr aufdecken.  So können Spuren, die auf einen Kataklysmus hinweisen, ebenso verschwunden sein wie umgekehrt die untrüglichsten Fossilspuren aus den Alluvien nicht überkommen sind, bis auf die geschilderten Ausnahmen, denen nicht zum wenigsten die besprochenen Knochenlager zuzuzählen sind.  Bei ihnen dürfte es sich fast ausschließlich um alluviale Reste handeln, die uns augenscheinlich indirekt beweisen, daß nur im Kataklysmus unter Mithilfe des eiszeitlichen Frostes ganze Kadaver, mithin auch ganze Skelette der augenblicklichen Entwicklungsstufe eingebettet wurden, aus den mondlosen Zeiten oder Alluvien dagegen nur Haufwerke von zerstreuten Knochen und Zähnen, höchstens ganzen Schädeln auf dem Umwege der marinen Vorkonservierung (eben alluviale Schlammeinbettung) in die Kataklysmen gelangen.  Gerade in den Knochenlagern oder Bonebeds lassen sich dann aber möglicherweise noch Kümmerreste (etwa unsere erwähnten Beuteltierzähnchen) der vermißten Zwischenglieder alluvialer Entwicklungsreihen entdecken.
Uns beschwert auch nicht mehr die Frage, warum diese Knochenlager über so weite Strecken sich ablagern konnten, denn die kataklysmatische Flutverfrachtung mußte ja über weite Gebiete erfolgen.
Nun ist schließlich auch der Versteinerungsforscher nicht verlegen in der geflissentlichen Betonung von langen Zeiten ruhiger und kürzeren Zeiten lebhafterer Entwicklung.  Doch scheinen seiner Deutung zufolge die Ruhezeiten nicht mit unseren Alluvien zusammenzufallen, sondern sie spiegeln sich ihm in den Einbettungswerken unserer Kataklysmen wider.  Wir deuteten ja schon an, wie im Ausmaße eines sich steigernden Kataklysmus die Lebensbedingungen mehr und mehr verschlechtert werden.  Und es ist wohl keine Frage mehr, daß der langsam sich steigernden Lebensnot nicht alle Lebewesen gleich widerstandsfähig gegenüberstehen.  Manche vermögen sich bald kürzere, bald längere Zeit hindurch gerade noch zu behaupten, andere mögen schon frühzeitig eingehen. 
Viele Arten etwa der Meerestierwelt dürften zum Durchhalten geeignet gewesen sein.  Doch sie wurden in großen Teilbeträgen bei voller Lebenskraft in die Oszillationsebbegebiete geworfen, dort eingeeist und eingebettet.  Dieserweise kann dem Forscher tatsächlich eine gewisse mähliche Stetigkeit der Entwicklung vorgetäuscht werden, je nachdem sich eben aus den verschiedenen Graden der Widerstandsfähigkeit und des Preisgegebenseins eine ungefähre Reihenfolge der Einbettung von durchschnittlich schwächeren bis zu durchschnittlich stärkeren und höheren Formen automatisch herausbildet.  So würde die kataklysmatische Einbettung zur irrigen Annahme kontinuierlicher Entwicklung führen, die wir aber mehr in die mondlosen Alluvien zu verlegen hätten.  Und was gerade von dort her nur stichprobenweise im neuen Kataklysmus eingebettet wird, muß scheinbar explosivartig neu entwickelt erscheinen, da es sich wesentlich abhebt entgegen den Einbettungen des vorangegangenen Kataklysmus.  Entsinnen wir uns nochmals dessen, was wir über versteinerungsgeschichtliche Reihen gesagt haben, so ist es wohl denkbar, daß aus diesbezüglichen Befunden vielfach nur eine Art "Aussortierung vor dem Sterben" spricht.   Die eigentlichen Umbildungsvorgänge (wie z.B. bei der Pferdereihe) können ein Produkt mondlosen Alluviums sein.

Das wären so einige wenige Worte nur über das vielbegangene Labyrinth vorgetäuschter Entwicklungswunder.  Man müßte schon über einen erheblichen Raum verfügen, um an Hand so und so viel an sich recht fleißiger Spezialarbeiten die üblich herrschenden Irrtümer zu zerstreuen, bzw. diesem oder jenem Forscher anzuraten, einmal das hier vorgezeigte Blickfeld zu benutzen, um daran einmal die ihm selbst unbegreiflich bleibenden Dinge auszuwerten. Hier flutet es geradezu von kommenden Arbeitsaufgaben.  Just wie wir diese Zeilen beenden, fällt uns u.a. gerade die schöne Arbeit G. v. Arthabers über Entwicklung, Ausbildung und Absterben der Flugsaurier in die Hand (11).  Dort steht auch zu lesen, daß (ähnlich wie die Schildkröten) Flugsaurier in der Trias als fertiger Typus auftreten, d.h. in einer Zeit, in der überhaupt die Reptilien eine explosive Entwicklung entstanden.  Als fertiger Typus treten sie lediglich als Versteinerungsurkunde in Erscheinung, denn als diese der Nachwelt im Einbettungsintervall eines Kataklysmus übermittelt wurde, hatten die Flugsaurier gewiß schon ungeheuer lange Zeiten der Entwicklung hinter sich.  Zeiten, darin mählich die Flugsaurierwerdung sich vollzog, die aber in all ihren Zwischenformen nicht mehr in stummer Versteinerung zu uns sprechen kann.  Möglich, daß der Werdensbeginn zum Flugsaurier noch selbst über eine mondlose Zeit rückwärts hinausreicht und wir dann allenfalls noch auf eine Entdeckung darüber warten können.  Eine Entdeckung, deren Erhalt durch einen weiter in das Grau der Vorzeit zurückreichenden Kataklysmus verbürgt wurde.
Wenn unser Gewährsmann dann ausführt, daß mit den Segeldrachen die Entwicklung der Flugsaurier schließlich in eine Sackgasse geraten war, die ihr Absterben zur Folge hatte, so möchten wir diesem Entscheid nicht unbedingt, d.h. ohne Enträtselung der Ursachenfrage, beipflichten.  Es ist ja wohl zweifellos statthaft von gewissen Sackgassen oder zum Stillstand verurteilten Entwicklungsläufen im Naturgeschehen zu sprechen.  Das möchte etwa gelten für die einmal erreichte Ausprägung zum Stachelhäuter, unseren See- und Schlangensternen hin, wie für den Weichtierstamm, der bei seiner harten Außenschale zur Starrheit verdammt bleibt, möge es auch Tintenfischen und Nacktschnecken nachträglich gelungen sein, die hemmende Schale wieder rückzubilden.  Oder wie das Gliedertier nach einer besonderen Seite hin zum Käfer mit starrem Außenskelett entwickelt war, mußte diese Entwicklung trotz der erreichten Organisationshöhe zu einer Verknöcherung, zu einem Stillstand führen.  Wenn schon erst wieder die Entdeckung eines in unserem Sinne neuen Werdensgesetzes derartige Endzustände erhärten müßte, da schlechterdings auch alles lebendige Werden in kataklysmatischen Wellen ankert, so ist durchaus nicht einzusehen, warum eigentlich ein einmal erreichter Sackgassenzustand aufgegeben werden sollte.  Die Natur schafft keine Disharmonien, sie ist eigentlich nur immer ein großer Meister.  Disharmonie, d.h. ein Mißverhältnis zwischen Umwelt und Lebewesen kann recht eigentlich dann doch nur wieder durch einen neuerlichen Kataklysmus heraufbeschworen werden.  Er ist dann die eigentliche Ursache, warum auch ein besonderer Sackgassenzustand dem restlosen Schicksal preisgegeben ist, während andere derartige Zustände überdauern mögen.  Mondesschicksal ist Lebensschicksal, denn ersteres ändert und bestimmt zugleich den Lebensraum, zeitigt die neuartige Umwelt und was vom Leben einer geschickten Einstimmung in diese Umwelt nicht mehr oder nicht schnell genug mehr gewachsen ist, geht, wie eben diese Flugsaurier, zugrunde.

Damit sind wir aber jetzt soweit, einmal die Umschau großzügig zu wagen, wie dieses Lebensganze seine sonnigen und finsteren Schicksalszeiten erfährt, wann und wo seine Asyle sind, da es die befruchtenden Keime zu späterhin sich auslösenden Entwicklungswundern empfängt.  Und dann will es scheinen, es müßte damit zugleich wieder der Weg zu einer neuartigen Deutung der Artspaltungs- und Artentstehungsfrage geebnet sein, es müßte Neuland dämmern und kühn heraufgleiten über all das Dunkle hinweg, das seit Darwins Tagen über die Artveränderlichkeit unruhvoll und lösungsbar schwebt.  Es sind mit anderen Worten die großen Fragen nach den treibenden Kräften eben dieser Artveränderlichkeit, die hier aufgerollt werden.  Kräfte, die im Sinne unsrer Begriffswertung zur Bildung höherentwickelter Tier- und Pflanzenarten führen oder (wie wir heute besser sagen dürfen) zu Veränderungen der in den Kernschleifen der Geschlechtszellkerne festgelegten Erbfaktoren.

(Weiterführendes Kapitel: "Wanderungen, Wohn- und Zufluchtsstätten")

H.W. Behm



(Quellenschriftauszug: Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W.Behm, 1926, R. Voigtländer Verlag, Leipzig)





Anmerkungen und Literatur


1) Th. Arldt "Tiere der Vorwelt" (1921).



2) L. Waagen "Unsere Erde" (1908).



3) K.A. Diener "Paläontologie und Abstammungslehre" (1910).



4) G. Steinmann "Die geologischen Grundlagen der Abstammungslehre" (1908).



5) K.A. Diener "Paläontologie und Abstammungslehre" (1910).



6) Th. Arldt "Die ältesten Landwirbeltiere" (Natur VI/3. 1914).



7) B. Lindemann "Die Erde" (Bd. II Geologie d. deutschen Landschaften, 1914).



8) Neumayr-Uhlig "Erdgeschichte" (1895).



9) Den besten allgemein orientierenden Überblick über den gegenwärtigen Stand der Paläontologie, ihre Probleme und ihr historisches Werden geben die sehr klar geschriebenen Werke O. Abels.  Der Verfasser darf als Begründer der Paläobiologie bezeichnet werden und als besonderer Kenner des Tierlebens der Vorwelt, insbesondere der Wirbel- und Säugetiere.  Wir führen deshalb die Werke, die alle weiteren benötigenden Literaturnachweise enthalten, zeitlich geordnet auf. 
"Die Bedeutung der fossilen Wirbeltiere für die Abstammungslehre" (in "Die Abstammungslehre", 1911); - "Grundzüge der Paläobiologie der Wirbeltiere " (1912); -
"Die vorzeitlichen Säugetiere" (1914); - "Die Tiere der Vorwelt" (A.N. u. G. 1914); - "Paläontologie und Paläozoologie" (in "Die Kultur der Gegenwart", III. T. IV. Abt. Bd. 4. 1914); - "Paläobiologie der Cephalopoden (Kopffüßler) usw." (1916); -
"Lebensbilder aus der Tierwelt der Vorzeit" (1922); - "Die vorweltlichen Tiere in Märchen, Sage und Aberglaube" (1923); - "Die Eroberungszüge der Wirbeltiere in die Meere der Vorzeit" (1924); - "Lehrbuch der Paläozoologie" (1924); - "Geschichte und Methode der Rekonstruktion vorzeitlicher Wirbeltiere" (1925). 
Klassischen Wert werden die Werke v. Zittels behalten, deren gedrängter Niederschlag in den "Grundzügen der Paläontologie" gegeben ist; z. Zt. 6 Aufl. 1924 der ersten Abtlg.,
4. Aufl. 1923 der zweiten Abtlg.  Die Neubearbeiter F. Broili und M. Schlosser konnten infolge weitgehender Unterstützung amerikanischer Forscher vor allen Dingen auch die ausländische Literatur genügend verwerten.  Alles in allem die zuverlässigste Bestandaufnahme des versteinerungsgeschichtlichen Materials.  Ähnliche Wege wie Abel beschreitet für die Pflanzenwelt der Vorwelt W. Gothan "Paläobiologische Betrachtungen über die Pflanzenwelt" (1924). - W.J. Jongmans "Paläobotanik" (in "Kultur der Gegenwart", III. T. IV. Abtlg. Bd. 4. 1914). - Potonié-Gothan, "Lehrbuch der Paläobotanik" (2. A. 1921).  (Auz. aus dem Buch "Planetentod und Lebenswende" von H.W. Behm, 1926)



10) F. Frech "Aus dem Tierleben der Urzeit" (D. Natur, Osterwieck o. J.)



11) G. v. Arthaber, in Paläont. Zschr. IV. 1921.