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Das Rätsel von Oldoway



Es ist von Anfang an eine mysteriöse Geschichte!
Im Jahre 1911 findet der Münchner Professor Dr. Kattwinkel auf einer Jagd- und Forschungsreise in dem nordwestlichen, damals noch fast unbekannten Teil Deutsch-Ostafrikas (heute Tansania, Anmerk. d. WEL-Instituts) in einer der zahllosen dortigen Schluchten, gewissermaßen im Vorbeigehen, versteinerte Knochen von Vorwelttieren und bringt die schönsten Stücke mit nach Europa.
Keine Karte verzeichnet die Fundstelle, die Kattwinkel wegen des dort vorkommenden Sisals, das die Eingeborenen Oldoway nennen, die Oldoway-Schlucht tauft.  In München erkennen bald Prof. Stromer von Reichenbach und Prof. Schlosser den Wert der Funde.  Da ein junger Berliner Gelehrter, Dr. Hans Reck, 1913 nach jenen ostafrikanischen Gebieten reist, um in dem Bereich der bis zu 23 Kilometer Durchmesser aufweisenden dortigen Riesenkrater geologische Untersuchungen anzustellen, erhält er den Nebenauftrag, nach der Oldoway-Schlucht zu suchen, um Näheres über ihre Bedeutung als Fundstätte fossiler Gebilde zu erkunden.

Es handelt sich da um den Bereich des ostafrikanischen Grabens, dessen hohe Wichtigkeit für die Welteislehre Georg Hinzpeter uns in seinen Ver- öffentlichungen und vor allem in seinem Werk "Die Bildung der Hochgebirge" trefflich vor Augen führte.
Aus diesem Grunde hat das Oldoway-Rätsel nicht nur allgemeinen Wert für uns, sondern verspricht, sich zu einer Bedeutung auszuwachsen, die anzu- deuten und in deren vorbereitende Einzelheiten einzuführen die vorliegende Betrachtung bestimmt ist.

Schon die Aufgabe, die Hans Reck übernahm, ist ungewöhnlich. Mitten in der unbewohntesten, menschenleeren Wildnis Ostafrikas, da Steppe, Dorngebüsch und undurchdringlicher Urwald mit riesigen Bergschroffen und gigantischen Vulkanen abwechseln, da tropische Hitze und empfindliche Kälte, da Wüste und Salzseen einen Rahmen abgeben, in dessen Bereich eine schmale Schlucht zu finden schon allerhand Spürsinn voraussetzt; hier, wo die vorhandenen Karten nur die gröbsten Landschaftszüge festlegten und wo auch kein einziger Eingeborener den von einem durchreisenden Europäer erfundenen Namen "Oldoway-Schlucht" kennt, bleibt dem Gelehrten nichts anderes übrig, als Schlucht um Schlucht eines ausgedehnten Gebietes abzusuchen, bis er endlich und mit Mühe drei von Kattwinkel aufgenommene Lichtbilder mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung bringen kann.  Er und seine als Schürfer gut ausgebildeten schwarzen Mitarbeiter stehen endlich am Fundort der Versteinerungen.
Alle Einzelheiten dieses fesselnden Geschehens und die hohe Dramatik der nun folgenden Entdeckungen möge man in dem ausgezeichneten, reich bebilderten Werke von Hans Reck nachlesen, das bei Brockhaus, Leipzig, unter dem Titel "Oldoway; Die Schlucht des Urmenschen" erschien.

Uns kommt es hier nur darauf an, das für die Entdeckung und Deutung des dortigen Menschenfundes Wichtigste so darzustellen, daß der Wert des Enterdeten für die Welteislehre deutlich wird.
Schon nach kurzem Suchen und oberflächlichen Grabungen hat Reck den Eindruck, sich an einem Platze zu befinden, den er als "einen Friedhof der Sintflut" anspricht.  Gewiß trifft dieser mehr oratorische Satz nicht völlig zu; denn es handelt sich hier um Einbettungen, die die Mondfluten in vorsintflutlicher Zeit vornahmen.
Sehr bezeichnend ist nun der allgemeine Befund.  Prächtige Reste von Elefanten, Nashörnern, Flußpferden, Fischen und Muscheln und manch anderem Getier werden bloßgelegt.  Indes kein einziges vollkommenes Säugetierskelett.  Alle Kadaver mußten also bereits aufgelöst gewesen sein, ehe sie hier eingebettet wurden.  Arm-, Bein-, Schulter-, Wirbel- und Beckenknochen schienen wahllos durcheinandergemischt.  Rippen und Schädel lagen dazwischen.  Aber die Fundstätte war scharf abgegrenzt.  Die versteinerten Knochen hörten ziemlich plötzlich auf, so daß im benachbarten Gestein fast nichts mehr gefunden werden konnte.
Eigenartig erschien die Tatsache, daß es zwischen den Knochen der Urweltriesen keine Muscheln oder Fische gab, sondern daß deren Reste je für sich an besonderen und entfernteren Stellen der über 70 Kilometer langen Schlucht entdeckt wurden.

Im einzelnen gab es unerwartete Überraschungen.  Man entdeckte Zähne von Elefanten, die im heutigen Afrika nicht mehr vorkommen, die man aber aus den europäischen und asiatischen Eiszeitschichten sehr wohl kennt, während sie bisher für Afrika nicht nachgewiesen waren.
Das Hinterteil eines solchen Recken aus der Oldoway-Schlucht steht heute in Berlin und macht in seiner mehr als vier Meter messenden Höhe den Eindruck eines gewaltigen Tores mit zwei stämmigen Säulen.  Dazu fanden sich auch die ebenfalls fast vier Meter erreichenden schlanken und leicht gebogenen Stoßzähne.  Ferner gab es Flußpferdschädel, die etwas sehr Merkwürdiges zeigten: Die Augen dieser Tiere saßen auf Knochenstielen, sodaß das Tier einst nur seine Augen wie Periskope aus dem Wasser zu stecken brauchte, um zu sichern.  Diese Tatsache ist aus zwei Gründen nicht ohne allgemeine Bedeutung.  Einmal zeigt sie, daß die Natur auch hier vor dem Menschen für das lebende Unterseeboot Flußpferd das Periskop erfand, die Biotechnik also auch hier den Erfindungen des Menschen um viele Jahrhunderttausende vorgriff, dann aber scheint offensichtlich, daß es damals Feinde des Flußpferdes gegeben haben muß, sie zu solchen dringenden Sicherheitsmaßnahmen zwangen.  Dem Vorweltforscher muß es überlassen werden, aus diesen Funden die näheren Einzelheiten zu folgern.

Weitaus erregender als alles Bisherige war indes die Enterdung des Dinotheriums eines urweltlichen Elefantenahnen, der, weit, weit älter als das Mammut, hier nun als Zeitgenosse des Eiszeitelefanten auftrat.  Rätsel über Rätsel.  Aber die Krönung stand noch aus; denn eines Tages ward nach ungestörter, Jahrhunderttausende umfassender Ruhe ein prachtvoll erhaltenes Menschenskelett ans Licht gehoben.
Seltsam war die Tatsache, daß dieser Mensch einst in jener wohlbekannten Hockestellung begraben worden sein mußte, fest in Felle verschnürt mit scharf an die Brust gepreßten Knien.  Es fanden sich indes keinerlei Grabbeigaben, auch keinerlei Spuren, daß hier überhaupt je etwas eingegraben, also die Schicht in ihrem Bau je gestört worden wäre.  Die darüberliegenden grellroten Ablagerungen waren nicht im geringsten verletzt, auch waren unterhalb ihrer heutigen Lage in der Menschenschicht keinerlei Spuren von ihnen zu finden, was doch hätte der Fall sein müssen, wenn hier je ein Grab gegraben worden wäre; denn in dieses hätten Brocken des Hangenden hineinfallen müssen und der späteren Entdeckung nicht entgehen können.
Indes fehlte jeder Anhaltspunkt, der auch nur die leiseste Vermutung aufrechterhalten konnte, hier sei ein vorgeschichtliches oder auch nur ein verhältnismäßig junges Grab entdeckt worden.  Nein, alles deutete darauf hin, dieser Leichnam sei einst aus seinem ursprünglichen Grabe geschwemmt und hier an der Oldoway-Schlucht abgesetzt und eingebettet worden.  Ein scheinbar neues Geheimnis, sogar ein zwiefältiges, ward sichtbar.  Das Skelett konnte von keinem Neandertaler sein, sondern es wies unmißverständlich die Züge des homo sapiens auf, also eines hochentwickelten Vorfahren.

Wie war es möglich, daß dieser Menschensohn Genosse von stieläugigem Flußpferd, Eiszeitelefant und Dinotherium sein konnte?
Hier begann sich alles zu verwirren, denn Jahrhunderttausende, vielleicht Jahrmillionen lagen nach den bisherigen Ansichten zwischen den Zeiten, da diese Wesen gelebt hatten.  Und hier waren sie Zeitgenossen.
Sie schienen es jedenfalls.  Sehr verständlich, daß die Wissenschaft mit ihren geologischen Theorien vor unlösbaren Rätseln stand.
Hans Reck als ein sehr scharf spürender Forscher rettet sich aus dem Wirrgerank der Widersprüche zu folgender Deutung: "Die große Ansammlung der Kadaver im alten See entspricht nicht dem, was heute die innerafrikanischen Seeböden zeigen.  Bei ihnen kennt man keine Ursache und keine Kräfte mehr, die diese Anreicherung (an Versteinerungen! F.) zustande bringen.  Ob man am Ufer des Manjarasees entlang oder über den trockenen Schlammboden des Magad geht, fast nie wird man die Knochen verendeten Wildes finden.  Das Wild stirbt einsam im Busch, seine Knochen zerreißen, verschleppen Raubtiere und Aasfresser, Feuer und Wetter zerstören die Reste in kürzester Zeit.  Zur Zeit des Oldoway-Sees müssen noch andere Kräfte wirksam gewesen sein, die ihn seine Urkunden des Lebens sammeln und erhalten ließen.  Sie waren durch das feuchte Klima und die Tätigkeit der Vulkane gegeben.  Gaswolken und Aschenregen überfielen in langer Zeitfolge bald die Tiere der Steppe, bald die Bewohner des Hochlandes, töteten sie oder jagten sie in die Flucht.  Morast und See verschlangen manchen Verschlagenen.  Regenfluten schwemmten die am Lande Getöteten ins Wasser, wo ihre Kadaver, noch mehr oder minder im Zusammenhang oder bei weiterem Transport schon in Einzelteile aufgelöst, an stillen Plätzen des Seegrundes zur endgültigen Ruhe kamen, von Asche und Schlamm eingedeckt, dem Zugriff der Räuber und der Zerstörung durch Luft und Wasser entzogen, um für das Archiv der Geschichte des Lebens der Erde gerettet zu werden." -
Das ist ein schöner und, flüchtig besehen, auch ein zureichender Deutungsversuch.  Wir aber würden sofort nach den Ursachen der gewaltigen Vulkanausbrüche, der riesenhaften, sintflutartigen Regen und wohl auch danach fragen, warum gerade hier in derart unwirtlichen Gebieten, wo der Tod stündlich lauert, die Großtierwelt sich heimisch fühlte, wo doch einige Tagereisen fern weit bessere Lebensmöglichkeiten bestanden und bestehen mußten?  Wir würden uns auch die Tatsache in Erinnerung rufen, daß die Tierwelt fast nie von Vulkanausbrüchen überrascht wird, sondern auf uns noch unerklärliche Weise das Kommende vorherempfindet und sich in Sicherheit bringt.
Nein!  Der Deutung, die Hans Reck gibt, vermögen wir nicht zu folgen, um so weniger, als er nach Abschluß seines oben erwähnten vortrefflichen Werkes eine hier schon wiedergegebene Erklärung unterschrieb, derzufolge der gefundene Mensch nicht in die Schicht gehört haben könne, die ihn barg, obwohl keinerlei Anzeichen dafür sprechen, er sei hier beerdigt worden.

Bei der Unnatürlichkeit vieler geologischer Theorien ist es allerdings verständlich, daß Hans Reck zu diesem Widerspruch seine Zuflucht nimmt, obwohl an der Oldoway-Schlucht nicht nur allerälteste und einfachste Steinwerkzeuge, sondern auch solche in allen Entwicklungsstadien bis zur feinsten Pfeilspitze und zum trefflichsten Steinmesser gefunden wurden, darüber hinaus auch hervorragend bearbeitete Schmuckstücke, eine Halskette aus 138 Teilen, ferner Knochenperlen, eine sehr feine Perle aus Chalzedon und ein Schmuckstück aus Bergkristall.
Wie geriet all das in die gleiche Schicht, ohne in sie zu gehören?
Es ist vielleicht die seltsamste Folgerung, die in unserer Zeit wissenschaftlich überhaupt gezogen wurde, und sie zeigt die ungeheuer schwierige Lage, in die ein Forscher von der Sehschärfe eines Hans Reck kommen kann, wenn er dem eigenen Befunde weniger traut als der geologischen Theorie.  Diese versagt hier und mußte versagen.  Opfern wir sie, dann gewinnen wir sofort Klarheit.

Hier soll nicht den Untersuchungen vorgegriffen werden, die Georg Hinzpeter in liebenswürdiger Weise zusagte, sondern es genügt, zu betonen, daß die Einbettungen zweifellos durch die Mondfluten in vorsintflutlicher Zeit erfolgten.  Eines Oldoway-Sees bedürfen wir also gar nicht.  Und trotzdem gelangen wir auf schlichtestem Wege zu einer alle Rätsel lösenden Deutung.
Wir sind keineswegs gezwungen, Dinotherium, Eiszeit-Elefant und Oldoway-Mensch als Zeitgenossen zu betrachten.  In Wahrheit dürfte jener homo sapiens irgendwo im fernen Nordosten nach allen Regeln des dortigen Kultes beerdigt worden sein.  Die Mondfluten hatten indessen vielleicht in der benachbarten Gegend die Schichten früherer Beflutungen derart zermürbt und angefressen, daß sie nicht nur versteinte Reste des Eiszeit-Elefanten, sondern viel ältere des Dinotheriums wieder freilegten und mit Hilfe ihrer Riesenkräfte verdrifteten.  Auch das Grab des Nicht-Afrikaners wurde aufgespült, die Leiche erfaßt und nun mit der ganzen Schwemmfracht in die Gegend der heutigen Oldoway-Schlucht befördert, hier eingebettet und versteint.

Mit dieser Ableitung stimmt die tatsächliche Beobachtung sehr genau überein, nämlich daß der Oldoway-Mensch weit weniger versteinert war als die anderen Knochenfunde.  Zu gleicher Zeit an der nämlichen Stelle eingebettet, ist doch das Alter der einzelnen Funde ungeheuer verschieden.
Klar wird nun auch, warum die einzelnen Funde, die schweren Knochen, der Mensch, die Muscheln oder die Fische keine gemeinsame Einbettungstelle, sondern jeweils getrennte zeigen.  Wir kennen ja die sortierende Arbeit der Flutwellen, die ihre Schwemmfracht je nach Größe und Schwere zeitiger oder später absetzen.  Alles selbstverständliche Dinge und von Hans Reck trefflich beobachtet und beschrieben.

Der Hauptfund, dessen Alter mit dem der ihn bergenden Schicht übereinstimmt, ist der Oldoway-Mensch.  Aber seine hohe Entwicklung fügt sich wieder nicht der geologischen Theorie; denn bisher schien sich die Wissenschaft dagegen zu sträuben, bereits im hohen Tertiär den Menschen als scharf beobachtendes Wesen anzunehmen.
Die Erforschung der Sagenwelt, der Verbreitungsgebiete der frühesten Kulturpflanzen, der Urschrift der Menschheit oder der prähistorischen Bauten zwingt uns aber dazu, den Tertiärmenschen als ein geistig hochentwickeltes Wesen anzuerkennen, wobei sogleich betont werden muß, daß auch der von Otto Hauser enterdete Vormensch weit, weit älter ist, als bisher angenommen wurde.  Auch Hauser war geneigt, dieser Meinung beizupflichten, und war überzeugt, daß sein Fund einen vorsintflutlichen Vorfahren wieder ans Licht befördert hatte.

Berücksichtigen wir also die Welteislehre in ihrer heutigen geologischen Fassung, dann wird aus dem Oldoway-Rätsel ein Beweis für die Tatsache, daß jene durch die heutige Wissenschaft nicht lösbaren Fragen im Sinne des Werkes von Hanns Hörbiger Selbstverständlichkeiten sind, dazu aber Tatsachen, die bei genauer Prüfung weitere fesselnde Einblicke in den Lebenskreis jenes Vorfahren zu vermitteln versprechen, der als "Oldoway -Mensch" seit zwanzig Jahren die beteiligte Wissenschaft nicht zur Ruhe kommen läßt.

Hanns Fischer


(Aufsatzquelle: "Zeitschrift für Welteislehre", Heft 11, S. 328-334, Jahrg. 1933, Verlag Luken & Luken-Berlin)