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Das Atlantidische Amerika



Das altamerikanische Problem

Immer wieder, immer von neuem gerät der Betrachter altamerikanischer Kulturen in seltsame Verwirrung.  Denn dauernd konstatiert er merkwürdige Übereinstimmungen, auffallende Ähnlichkeiten zwischen mythologisch-religiösen, zwischen künstlerischen und folkloristischen Tatsachen auf altwelt- lichem und neuweltlichem Boden.

Es ist das große Kapitel über rätselhafte präkolumbische, prächristliche, prähistorische Zusammenhänge zwischen den Kulturen Altamerikas und den Kulturen der Alten Welt - Zusammenhänge, die so auffallend sind, daß man schon vor Jahrzehnten die altamerikanischen Kulturen als "vielleicht versprengte Bestandteile der altweltlichen Kultur" zu inventarisieren versuchte.
Ein Problem von kulturgeschichtlich ungeheuerlicher Tragweite.  Aber nicht nur das. - Ebensogut ist es ein geologisches und anthropologisches und verkehrstechnisches Problem, und unter Umständen steht und fällt mit dem altamerikanischen auch das Problem der versunkenen Atlantis. 
Seit 1520 - schon damals fallen den spanischen Jesuiten, aber auch den mexikanischen Gelehrten die seltsamen Parallelismen der beiderseitigen Kulturen auf - bis auf den heutigen Tag hat man über diese unerklärlichen altweltlichen Einschläge in den altamerikanischen Kulturen gestritten, sich über seltsame Beziehungen Altamerikas zu Ostasien, zu Indien, überhaupt zur ganzen Welt den Kopf zerbrochen, hat versucht, sie als Zufall hinzustellen.
Sei es wie immer: die zivilisatorisch-kulturellen außeramerikanischen Beziehungen sind nun einmal da - ebenso wie, zunächst ganz und gar rätselhaft, auffallende (vorkolumbische!) Beziehungen zum Christentum da sind, und es ist nur die Frage, wie man das Auftreten dieser offenbar importierten Kulturbestandteile erklären soll.
Aber wie problematisch der Fall auch aussehen mag - es gibt nur eine Erklärung: Irgendwo und irgendeinmal müssen gemeinsame Berührungsflächen - gemeinsame Ursprünge? - dagewesen sein.  Etwa auf der Grundlage frühhistorischer (präkolumbischer), auch urchristlicher direkter Beziehungen zwischen dem eurasiatischen Kulturblock einerseits, dem neuweltlichen andererseits.  Und unter der Voraussetzung, daß es auch den alten Völkern trotz primitiven Schiffahrtsverhältnissen möglich war, Fahrten über das Weltmeer durchzuführen. - Oder es liegen tatsächlich prähistorische, unbekannte geologische Tatsachen vor.  Und zwar vielleicht wirklich ein Zusammenhang mit der verschollenen hypothetischen Atlantis: als eines Zwischenerdteils, der die Vieltausendkilometer-Entfernung über den Atlantik auf tausend und weniger Kilometer reduziert.

Im Grund genommen ist die Forschung in ihren Bemühungen, die Rätsel der amerikanischen Sphinx zu entwirren, seit hundert Jahren nicht viel weiter gekommen.  Immer noch hält sie dort, wo schon Humboldt gehalten hat.  Der sich in die wenig befriedigende Feststellung rettet: daß alle diese seltsamen Übereinstimmungen eines Tages sicherlich durch die Entdeckung von Tatsachen aufgehellt werden würden, die bisher gänzlich unbekannt geblieben sind.
Nun, an Funden, an Vergleichsmaterial ist seit damals übergenug zusammengekommen.  Und dennoch: man steht immer erst am Anfang.
Ob die altamerikanischen Kulturen sich isoliert entwickelten; ob Zusammenhänge zwischen den altamerikanischen und den Kulturen Ägyptens oder Ost- und Südasiens anzunehmen sind; ob mit einer Besiedlung durch Mongolen (über die Behringstraße) zu rechnen ist; ob zwischen den Indianer-mounds und den mexikanischen Pyramiden Zusammenhänge bestehen; ob für den Norden und den Süden Amerikas gemeinsame völkische oder kulturelle Ursprünge in Frage kommen oder nicht - alles ungelöste, vielleicht gar nicht zu lösende Fragen.  Dabei wird die Untersuchung noch erschwert durch die Schwierigkeit einer zeitlichen Fixierung der Funde - und es ist, etwa bei der Herkunftsbestimmung von Kunstobjekten, wirklich nicht immer leicht, das vorkolumbische Kunstgut von all dem zu sondern, was von den geschickten und lernbegierigen Indianern in den ersten Jahrzehnten der spanischen Kolonisation in Anlehnung an europäische Importwaren fabriziert wurde.
Die Klärung der Vorgeschichte Amerikas scheint also eine Arbeit für noch so manche Forschergeneration zu sein.  Bereits an Hand des vorliegenden Materials übersieht man eine 4000jährige altamerikanische Geschichte.
Die letzte Hochblüte der altmexikanisch-yukatekisch-peruanischen Kulturen fällt in das erste nachchristliche Jahrtausend.  Morley datiert das älteste ihm bekanntgewordene Maya-Dokument auf etwa 1200 vor Christus.  Aber viele Kunstwerke sind älter, in Peru und in Bolivien hat man mindestens sechs vorkolumbische Kulturperioden nachgewiesen.  Die Inka-Kultur war die jüngste.  Als die Spanier einmarschierten, befand sich das Reich gerade erst im Zustande der Konsolidierung.  Es ist sicher, daß schon 2000 und 3000 Jahre vor Christus Hochkulturen in Südamerika blühen.  Und bereits diese Tiahuanako-Kulturen sind reif, grandios, gewaltig.  Schon ihnen müssen wieder Entwicklungen, tausendjährige Vorkulturen vorausgehen.
Woher aber diese kamen - niemand vermag es zu sagen.



Alt-neuweltliche Zusammenhänge

Da Kolumbus in Westindien, Cortes und Pizarro an den mexikanischen und peruanischen Küsten landen, besiedelt die Neue Welt eine Rasse, die aber in zwei scharf geschiedene Gruppen gespalten ist: in nomadisierende, primitive Jägerstämme, die jedem Versuch einer Zivilisierung unbeirrbar Widerstand leisten - und in hochentwickelte Kulturvölker, deren üppige, verfeinerte Feudalkulturen den Vergleich mit den glänzenden Zivilisationen der Ägypter oder Römer, der Perser, Inder, Chinesen nicht zu scheuen brauchen.  Nichts hinderte daran, diese Indianerkulturen als autochthone anzusprechen - lägen nicht eben jene rätselhaften kulturellen Zusammenhänge mit der Alten Welt vor.  Hinzukommt, daß zahlreiche Überlieferungen von Vorvätern sprechen, die aus einem Land gegen Sonnenaufgang einwandern.  Daß die weißliche Hautfarbe, die Blauäugigkeit der nordamerikanischen Tuskaroraindianer ohne Zweifel auf einstige Vermischung mit europäischem Blut hindeuten.  Daß die Shavannen, die jetzt am Ohio sitzen, behaupten, Florida sei einst von weißen Menschen, die eiserne Werkzeuge besaßen, bewohnt gewesen.  Daß bis heute Erinnerungen an Landuntergänge im Osten durch grauenhafte Überschwemmungen lebendig sind - alles Andeutungen, daß die Amerikaner ihre kulturellen Güter zum Teil wohl doch importierten (und daß hinter der Atlantissage zweifellos ein bestimmter Tatsachenkern steckt).  Und zwar hat man nicht nur historische (präkolumbische) alt-neuweltliche Zusammenhänge anzunehmen, sondern außerdem auch vorhistorische.
Zu neolithischen Steingeräten aus Europa findet man geradezu (gleichalte)amerikanische Gegenstücke.  Zu bosnischen Keramiken, zu Tongefäßen aus Rumänien entsprechende Keramiken nordamerikanischer Herkunft.  Hüben wie drüben gleiche Mäander.  Hüben wie drüben gleiche Flechtbänder, gleiche Wirbel und Spiralornamente.
Übrigens haben die Altamerikaner in jedem Falle die übernommenen Kulturelemente eigenartig weitergeführt, stilisiert, spezialisiert.  Außerdem ist neben allen, angeblich oder tatsächlich im Ursprung fremdvölkischen Kulturbestandteilen der Reichtum der altamerikanischen Kulturen an Eigengut, an durchaus und zweifellos Bodenständigem außerordentlich groß.

Besonders auffallend ist die ägyptische Komponente der altamerikanischen Kulturen.  Zweifellos: Irgendwo, in Urzeiten, schneiden sich die Entwicklungskurven.  Mag sein, daß auch die Kultur der Ägypter, dieses "Volks ohne Kindheit" - sie steht wurzellos da, mit einem Male taucht sie auf, sofort auf Höhen der Vollkommenheit und ausgestattet mit allen Errungenschaften einer vieltausendjährigen Vergangenheit - eine aus fremden Ländern importierte gewesen ist.
Die Maya-Architektur ahmt den ägyptischen Stil in so gut wie allen konstruktiven Details nach.  Die peruanischen Architekten entlehnen Tempelpylon, Hauseingang, trapezförmige Türen und Fenster dem ägyptischen Kanon.  Die komplizierte Anlage einer geneigten Außenmauer (bei senkrechter Innenwand), eigentlich eine ägyptische Spezialität, beherrscht auch das Tiahuanako-Bezirk.
Die peruanisch-mittelamerikanische Plastik - dasselbe gilt für Malerei, Zeichnung, Ornament - begeistert sich förmlich an ägyptischen Motiven.  Da sind Profildarstellungen in ägyptischer Manier.  Bolivianische Granitmonolithe, übersät mit symbolischen Zeichen und Figuren, wiederholen den Obelisken.  Altamerikanische Götterstatuen in der Form des sogenannten Tschak-Mol-Type oder die Haartracht auf einer plastischen Darstellung der Wassergöttin Tschaltschiuhtlikue kann man als rein ägyptisch ansprechen.
Allein altperuanische Webereien liefern einen ganzen Fundus seltsamer Übereinstimmungen.  Nicht nur, daß in peruanische Stoffe (Totenbeigaben) Pflanzen eingewebt (oder hineingemalt) worden sind, die es in der Neuen Welt gar nicht gibt! - Aber auf diesen Decken, Tüchern, Mützen, Gewändern wiederholen sich sonderbarerweise, und zwar mit allen zeichnerisch-darstellerischen und technischen Einzelheiten, auch ägyptisch-koptisch-altchristliche Symbole und Webemuster: Oranten, Taube mit Kreuz, groteske Tiere, Vogelketten, Tiermenschenwesen, Ornamente.

Zu diesen ägyptisierenden Details in den altamerikanischen Kulturen kommen dann die zahllosen, mit sonstigen altweltlichen Kulturkreisen gemeinsame Elemente.
Falb hat in peruanischen Bilderzeichnungen nicht nur Beziehungen zu mythologischen Motiven der ägyptischen, sondern überhaupt der altorientalischen Welt nachgewiesen.  Im Monolithtor von Tiahuanako lebt das Isismotiv, lebt der Dreizack Neptuns und der Adler des Zeus auf.  Das Tot selbst mag eine Wiederholung der "Säulen im Lande Siriat" sein, jener geheimnisvollen, vom ägyptischen Thot-Hermes errichteten Sintflutmäler, wenn es nicht gar mit ihnen identisch ist.
Die Peruaner balsamieren ihre Toten ein wie die Ägypter.  Alle Kult-, Mumifizierungs-, Bandagierungsdetails stimmen überein.  Die Ägypter legen ihre Toten in Sarkophage - in Guatemala ist jüngst ein Sarkophag aus reinem Gold entdeckt worden, die innere, kupferausgelegte Totenkiste enthält zwei trefflich erhaltene Mumien.
Auf genug zentralamerikanischen Reliefs kommen - schwarze Afrikaner vor, andererseits malen die Ägypter, wenn sie ihre Volksgenossen darstellen, auffallenderweise rothäutige Menschen, richtige Indianer. (Ihre Nachbarn, die Libyer, tragen als besonderes Kennzeichen seit jeher den Federkopfschmuck - deshalb heißt der Westen Ägyptens ja das "Land der Federträger".  Die libyschen Nasamonen tragen diesen Kopfschmuck noch in byzantinischer Zeit, außer ihnen im altweltlichen Kulturkreis nur noch die Philister - und erst im kolumbischen Amerika lernt man wieder Menschen kennen, die den Kopf mit Federn umkränzen.)


Im alten Ägypten wurde gerne Federkopfschmuck getragen (Insel Elephantine bei Assuan), wie auch bei den Indianern Amerikas.
Weist der Federkopfschmuck auf einen atlantisch-ägyptischen Ursprung hin?


Aus gleichen Quellen offenbar schöpfen altorientalische und altamerikanische mythologische Vorstellungen.
Die vielbrüstige Diana von Ephesus - sie ist mit der Isis und mit der urzeugenden Göttin der Iberer identisch - wiederholt sich in der astekischen Erdmutter Koatl-Ikue.  Der antik-babylonische Styxfluß, den die Seelen der Abgeschiedenen überschreiten, auch er kehrt in mexikanisch-peruanischen Sagenkreisen wieder, und hier sind rote und schwarze Hunde charonische Fährleute.  Die säugende Wölfin, Roms Wahrzeichen - in der Kyrossage entspricht ihr eine Hündin, in der griechischen die amaltheische Ziege, in der germanischen die Ziege Heidrun: eine Jaguarmutter spielt ihre Rolle in der amerikanischen Legende.
Den Atlas: den den Himmel stützenden Giganten, verkörpert im Mayakult der alttoltekische Gott Ketsalkuatl.  Er, der Weise, der über Leid und Glück hinweg zum Leidlosen wird, zum lebendigen a-t-las, zum Nichtstuenden - unveränderlich, unbeweglich ruhend, wie der Pol des Himmels.
Übrigens ist das Motiv an sich international: Bei Hesiod trägt Atlas den Himmel auf dem Nacken und stützt ihn mit dem Haupt und den hochgehobenen Händen.  In der Odyssee ist Atlas Herr der Säulen, die ihrerseits Erde und Himmel festhalten.  Der ägyptische Atlas trägt die vier Weltsäulen, die germanische Irminsul versinnbildlicht deutlich die den Himmel stützende Erdachse. - Werden die vier Pfosten, die den Himmel tragen, morsch, droht er einzustürzen, dann setzen - bei den Eskimo - die Angekok-Atlantiden sie wieder instand.  Und bei den Maoris wird die stürzende Himmelskugel von den breitschirmigen Pflanzen Masao und Teve aufgefangen.  Tane-Atlas rückt den Himmel zurecht und hebt ihn wieder auf die vier Pfosten.

Auch die Theorie einer asiatischen Herkunft der Indianer, sei es über die Behringstraße, sei es über den Großen Ozean, wird leidenschaftlich verfochten.
Ganz abgesehen von auffallenden somatischen Ähnlichkeiten zwischen Indianern und Mongolen, gibt es nämlich Momente genug, die - wenn schon nicht auf direkte Einwanderung - so doch zumindest auf eine Beeinflussung vom Westen her schließen lassen.  Und zwar kommen nicht nur der nordasiatisch-chinesische, sondern ebensogut die indischen und malayisch-ozeanischen Kulturkreise als Beeinflussungsfaktoren in Betracht.
Der peruanische Poncho kehrt in Melanesien als tiputa wieder.  Die Knotenschnüre der Peruaner finden sich auf den Marquesas und, heute zu Suampans, zu primitiven Rechenapparaten degradiert, in China.  Ein mexikanisches Wahrsagebrettspiel stammt anscheinend aus Indien, wenigstens wird es dort nach genau den gleichen komplizierten Regeln gespielt.
Elliot Smith veröffentlicht 1927 Abbildungen von in ausgesprochen indischer Manier stilisierten Elefantenköpfen.  Kein Mensch will ihm glauben, daß er sie auf Stelen aus Kopan, in Friesen aus Palenke gefunden hat - übrigens gehören auch gewisse Ornamente, Reliefs und rundplastische Figuren (aus Kampetsche) oder Priesterfiguren mit der typisch buddhistischen Strahlengloriole oder Götter mit Elefantenköpfen und Elefantenrüsseln, also mexikanische Formungen des Ganesa (im Kodex Borgianus), in die Gruppe indisierender altamerikanischer Kunstwerke.

Auch zu China muß es in vorkolumbischen Zeiten Beziehungen gegeben haben.  Gesichtsmasken aus der mexikanischen Frühzeit mit geradezu raffiniert empfundenem Ausdruck oder der in der Stadt Mexiko bei Ausgrabungen entdeckte drei Meter lange Jaguar aus geglättetem Lavamaterial weisen unverkennbar auf chinesische Vorbilder hin.  In altindianischen Grabhügeln auf Vancouver-Island findet man chinesische Münzen.  Die Anfänge der Schrift sind für China und Peru die gleichen.  Das symbolische Land Tahuantin-Suyu, das "Vier-Weltgegenden-Land", hat seine chinesische Entsprechung: in den vier heiligen Yao-Hügeln, die der Kaiser - zur Dokumentierung seiner weltkreisumfassenden Macht - besteigen muß.  (Ein symbolischer Akt, der durch Vermittlung der urasiatischen Ungarn später sogar in Europa geübt wird: Der neugekrönte ungarische König reitet, glänzend gerüstet, auf den Krönungshügel, schwenkt das Schwert nach den vier Weltgegenden, nimmt so symbolisch Besitz vom Erdkreis.)
Wichtige amerikanisch-asiatische Zusammenhänge bestehen auf den Gebieten des Kalenderwesens und der Kosmogramme.  Mexikanische und chinesische Tierkreise stimmen bis ins Letzte überein.  Aus Westasien - wahrscheinlich aus Elam - stammt die peruanische Manier, jedem Monatstag seinen eigenen Namen zu geben.  Die fünf Schalttage des mexikanischen Kalenders, die nemontemi-"Zu nichts nütze", die als unheilvoll gelten, haben ihre asiatischen Gegenstücke.  Denn: "Schmerzenskind", "Herr der Bedrängnis" heißen die Schalttagsabschnitte bei den Chinesen und Indern, und die alten Babylonier nennen den Schaltmonat magru, das ist: "Der Unheilvolle".

Angesichts all dieser Kulturparallelen ist ein uralter Verkehr zwischen Westamerika und Ostasien also nicht von der Hand zu weisen.  Alte chinesische Chroniken erzählen von dem Priester Hui-Shen aus Kabul, der (um 500 n. Chr.) eine Expedition in ferne Länder jenseits des Großen Meeres (Kalifornien) unternimmt, dort 40 Jahre verweilt, die Eingeborenen zivilisiert, zum Buddhismus bekehrt.  Es ist historische Tatsache, "daß Bonzen und andere Abenteurer das östliche Meer beschifft haben, um ein Heilmittel zu suchen, das den Menschen unsterblich mache.  So wurde unter Tsin-Schi-Huang-Ti eine Schar von 300 Paaren junger Männer und Weiber, 209 Jahre vor unserer Zeitrechnung, nach Japan gesandt.  Statt nach China zurückzukehren, ließen sie sich auf Nippon nieder.  Sollte der Zufall nicht ähnliche Expeditionen nach den Fuchsinseln, nach Alaska oder nach Neu-Kalifornien geführt haben?" (Humboldt).
An die Küste der nördlichen Dorado (Kolumbien) spülen (zu Anfang des 16. Jahrhunderts) Meeresströmungen Trümmer von Schiffen aus Catayo, also aus Japan oder China, an, und in diesem Zusammenhange ist es immerhin merkwürdig, daß die Regierungsform der kolumbischen Moskas an die japanische Verfassung erinnert: Das Verhältnis des weltlichen Herrschers (Kubo oder Shogun in Yeddo) zur heiligen Person des Dairi in Miyako war von den Moskas genau nachgeahmt.

Natürlich hat man auch das "Wandervolk der Phönizier" mit den Altamerikanern in Zusammenhang gebracht.  Auf der Insel Carolina im Mexikanischen Golf wurde seinerzeit eine ungeheure, hohle Metallstatue gefunden, ein Standbild des Huitsilopotschtli, des menschenverschlingenden Gottes.  In dem Metallbilde lagen noch Fetzen verbrannter Menschen - also Opfer eines Kultes, der allerdings ein Analogon darstellt zum Kult des Glühenden Gottes, des karthagischen Moloch.
E. G. Squier weist auf vorgeschichtliche Sakralbauten auf der Kordillerenhochebene hin: Kreise und Halbkreise aus glatten, wohlaneinandergefügten Steinen, vollkommene Kopien der sogenannten Sonnenkreise (druidische Zirkel) - der Sterntempel-Steinsetzungen Englands und vieler Gegenden Nordeuropas und Asiens.  Y. Serrano wieder versucht die Ableitung der Mayakultur von der chaldäischen. - Etruskische Vasenmalereien, Sarkophagdarstellungen, Bronzepüppchen haben als Vergleichsobjekte für peruanische Kunstgegenstände herhalten müssen. - Aus dem huaschtekischen Gebiet gibt es stelenartige Steinmonumente mit ausgesprochen "frühjonischen" Voluten. - Und schließlich scheinen - was die verwendeten Farbenzusammenstellungen, was die Art der Darstellung kriegerischer Szenen und die Handhabung des Tintenfischmotivs anlangt - prachtvolle gräzisierende Vasen aus Patschakamak und altgriechische Vasen mit einhermarschierenden Hopliten ein und demselben Kunstbezirk zu entstammen.

Kingsborough, der als Erster amerikanische Altertümer systematisch sammelte, ist der Vater der Theorie: Die Altamerikaner sind die in rätselhafter Weise verlorengegangenen zehn Stämme Israels!  An Übereinstimmungen, im beiderseitigen Religionsinventar (Heilige Arche, Beschneidung, Verehrung der Bundeslade, Opferung der ersten Feldfrüchte, festliche Begehung des Neumonds, Bußfest im Frühherbst) fehlt es in der Tat wirklich nicht, diese abenteuerliche Theorie stützt sich aber außerdem auch auf guatemalatekische Reliefdarstellungen, in denen man durchaus Szenen aus dem Alten Testament, einen Sündenfall, eine Opferung Isaaks, erkennen will, und schließlich haben schon Condamine 1746 und 150 Jahre später Falb auf seltsame etymologische Beziehungen zwischen inkanischen und semitischen Wortstämmen hingewiesen.

Damit ist das (noch längst nicht spruchreife) Problem der Verwandtschaft alt- und neuweltlicher Sprachgruppen aufgeworfen.
Dazu ist vor allen Dingen zu sagen, daß schon Humboldt dringend vor der Manier der Philologen warnt, "allein auf Grund von Lautähnlichkeiten auf sprachliche Zusammenhänge zu schließen".  Und wenn beispielsweise Le Plongeon, als Entdecker von Mayahandschriften weltberühmt, angibt: "Ein Drittel der Mayasprache ist reines Griechisch!" - oder wenn andere Forscher feststellen: "Das Baskische, diese rätselhafte, völlig isolierte europäische Idiom, ist einzig und allein mit amerikanischen Sprachen verwandt!" - so sind das verallgemeinernde Behauptungen, mit denen nicht allzuviel gewonnen ist.  Aber was für diese Fälle gilt, gilt nicht für alle.

Wenn Rudolf Falb nach vergleichender Durchforschung uralter Kordillerensprachen zu der Überzeugung gelangt: "Die Aymara- und Ketswa (Kitschua-) -dialekte auf der einen, arisch-semitische Wortstämme auf der anderen Seite hängen wunderbar zusammen!" - so ist das zwar eine Behauptung, die sonstige etymologische Feststellungen eigentlich auf den Kopf stellt.  Aber sie stützt sich auf reichstes Material, auf jahrzehntelange sprachliche Studien im Lande selbst.  Und deshalb geht es nicht an, Falb um solcher Feststellungen willen, wie umstürzlerisch sie auch scheinen mögen, des Dilettantismus zu zeihen.
Nach Angaben Falbs wären Beispiele von Ketswa(Aymara)-Sanskritanalogien:
Kets.: hvata (binden) - Sanskr.: vad;
Kets.: hvari (Gott der Stärke) - Sanskr.: virya (Stärke) - Latein.: vir (Mann);
Aym.: uru (Tag) - Sanskr.: vara - Hebr.: or (Licht).
Oder semitische Analogien:
Aym.: malko (Häuptling) - Arab.: malku (König) - Hebr.: melek;
Aym.: ham (Mist) - Arab.: chame (Schlamm);
Aym.: hallu (Regen) - Arab.: halla (stark regnen);
Aym.: sisiva (rot) - Hebr.: saser (rote Farbe);
Kets.: allko (Hund) - Arab.: elku (Wolf);
Aym.: supaya (Wirbel, Landhose) - Arab.: subae (Wirbelwind, Oberster der Teufel).

Aber nicht nur für Überseesprachen (europäische, afrikanische, chinesische Gruppen) lassen sich solche sprachliche Parallelismen herausschälen. -
Sie beziehen sich - aus einem bestimmten Grund ist diese Feststellung wichtig - auch auf Sprachgruppen innerhalb des amerikanischen Kontinents selbst: Trotz gegenteiligen Behauptungen scheinen nämlich auch Peru und Mexiko-Mittelamerika gemeinsame sprachliche Ursprünge zu besitzen.
An der Spitze des mexikanischen Tierkreises steht das Zeichen ssipak-tli, das ist "Der aus dem See aufsteigt" - das Aymara-Mondgott-Zeichen aber lautet metathetisch-parallel pak-si.  Der peruanische Titikakasee hat nicht nur sein geographisches, sondern auch sein phonetisch-etymologisches Spiegelbild im (jetzt ausgetrockneten) Teschkokosee (bei der Stadt Mexiko).  Die unmittelbar neben dem Titikakasee liegende Ruinenstadt Tia-huan-ako findet ihr Gegenstück im mexikanischen, unweit des Teschkokosees gelegenen Wallfahrtsorte Tla-huan-alko.  (Donelly hat seltsamerweise auch für uralte armenische Städtenamen, wie Chol, Colua, Zuirana, Cholima, Zalissa, mittelamerikanische Parallelortsnamen feststellen können: Tschol-ula, Kolua-kan, Zuiran, Kotima, Schalisko).  Und sogar der eigentliche und uralte Name Perus, der Sintflutname der Hochebene um den Titikakasee: Tahuantin-Suyu-"Alle Vier zusammen"-"Wir alle ein Volk" - findet in fast kabbalistisch metathesierender Umschreibung sein mittelamerikanisches Gegenstück.  Denn der mexikanische Stammname ist: Nahua, und das bedeutet: "Ich-Volk".

Sprachliche, überhaupt kulturelle Zusammenhänge zwischen den territorial weit auseinanderliegenden Kulturbezirken Mittelamerikas und Südamerikas sind bis jetzt immer bestritten worden - wenn auch, zumindest gelegentliche, Handelsbeziehungen zugegeben wurden: denn die Kaiser von Anahuak lassen sich seit jeher den kostbaren "grünen Edelstein" oder Nephritschnitzereien aus dem Tschibtschareich kommen.
Gelingt aber der definitive Nachweis mittelamerikanisch-südamerikanischer kultureller Verbindungslinien - man würde damit wenigstens der Lösung eines lange strittigen Spezialproblems der Amerikanisten näherkommen: des Problems nämlich einer Einwanderung der mittelamerikanischen Indianervölker - nicht vom Norden, sondern vielmehr - vom Süden her. 
Hier berühren sich Falb und Hörbiger.  Denn Falb sagt über die Sprache der Aymara-Indianer: Dieses Idiom, das als älteste Kordillerensprache angesehen wird, und das nahe verwandte Kitschua, das die verbreitetste Sprache der Indianer von Peru und des alten Inkareiches war, sind wohl die ältesten Sprachen der Welt, und sie sind mit den ältesten Kultursprachen der Alten Welt, sowohl den semitischen als auch den arischen, ursprungsidentisch.  Ja, es hat sich nach eingehenden lautphysiologischen Studien ergeben, ... "daß auf der Hochebene der Kordilleren in Südamerika jene gemeinsame Muttersprache vorhanden gewesen sein muß, aus der sowohl die semitischen wie die arischen Idiome später hervorgingen ...  Die Wurzelformen, wie sie hier (in Bolivien) seit den ältesten Zeiten unverändert erhalten worden sind, stellen die ursprünglichen, jene der Alten Welt die daraus abgeleiteten vor!"
Damit hat Falb Hörbigersche Behauptungen vorweggenommen.  Und zwar Jahrzehnte, bevor es eine Glazialkosmogonie, bevor es den Begriff von "Lebensinseln während eines Kataklysmas" überhaupt gab.  Gerade für die Hörbigersche These von Lebensasylen der Menschheit während des Großen Wassers - also in den äonenlangen Zeiten, da sich, mondgebannt, Gürtelhochfluten äquatorwärts stauten und das Leben auf schmalen Rändern tropischer Hochplateaus sich bergen mußte - ist die Falbsche Theorie von der peruanischen Urheimat der arisch-semitischen und wohl auch mexikanischen Sprachgruppen eine kostbare Unterstützung.


Bildquelle/text: Buch "Planetentod und Lebenswende", H.W. Behm)
Versuchsweise Kennzeichnung der Hauptwohngebiete der Erde, soweit diese für Menschen und eine höhere Landfauna vor dem Diluvium (Sintflut)
der Tertiärzeit in Betracht kommen.  Schwarz = bewohnbar; beschrafft = wahrscheinlich bewohnbar; weiß = vereist.


Jahrzehntausende, also all die Zeiten der stationären Hochfluten hindurch, lebt ein Großteil der Menschen auf damals niederen Felseneilanden: den inselgleich über den Meeresspiegel ragenden, nicht überfluteten Resten des Kordillerensystems.  Dann, nach Kataklysma und Sintflut, wenn die Wasser polwärts abgelaufen und die "Große Ebbe" eingetreten ist, steigen die (jetzt postnoachitischen) Völker von den bisherigen (jetzt Hochgebirge gewordenen) Wohnstätten in die Täler hinab.  Nordwärts wandern sie ab oder (über den nach Sintflutende aus dem Wasser aufgetauchten Atlantiskontinent) ostwärts.  Mexiko wird besiedelt, arische Stämme wandern in Europa ein, und Semiten kolonisieren Afrika und Vorderasien.

In diesen Fragenkomplex, bis heute ungelöst, aber ein kurios-charakteristisches Detail im großen Rätselmosaik der alt-neuweltlichen Zusammenhänge, ist auch die "Bananen- und Weizenfrage" hineinverwoben.
Seit undenklichen Zeiten muß der Mensch die Banane gezüchtet und unter seiner Pflege gehalten haben.  Sie ist samenlos und knollenlos.  Zugunsten der Entwicklung des Fruchtfleisches ist jede Samenbildung unterdrückt.  Die Banane stammt aus asiatischen und afrikanischen Tropengegenden.  Gleichzeitig ist sie in Mittelamerika-Westindien zu Hause.
Aber auf welche Weise kommt sie denn dort hin?
Sie ist doch eine samen- und knollenlose Pflanze - also fällt die natürliche Verbreitung über große Landstrecken oder etwa auf dem Wasserwege fort.  Sie pflanzt sich ausschließlich durch Schößlinge fort - also kann sie nur durch ein Kulturvolk aus ihrer asiatischen oder afrikanischen Heimat nach Amerika gebracht worden sein. - Oder aber: Entstammt sie vielleicht einem Land inmitten des Atlantischen Ozeans?  Und wird sie etwa von nach beiden Weltrichtungen auswandernden Kolonisten mitgenommen, also auf diesem Wege in die Alte und gleichzeitig in die Neue Welt verpflanzt? -
Und ähnlich wie die Herkunft der Banane - auch die des Weizens umwebt ein Geheimnis.  Die Theosophen behaupten ja: "Übermenschliche Wesen bringen ihn von der Venus auf die Erde."  Jedenfalls: Wilde Weizenarten sind unbekannt.  Auch versteinerte werden keine gefunden.  Aber auch die Zurückführung des Weizens auf natürliche Pflanzenformen ist bisher nicht gelungen.
Welches Volk also mag ihn zuerst gezüchtet haben?  Bauen nicht schon die europäischen Steinzeitmenschen mehrere Weizensorten an?
Ein interessante Anmerkung zur Frage der Weizenherkunft gibt Humboldt: "Eine äußerst auffallende Erscheinung ist es, daß auf der einen Seite unseres Planeten Völker sich finden, denen ursprünglich Mehl aus schmalährigen Grasfrüchten (Hordeaceen und Avenaceen) und Milchnahrung völlig unbekannt waren, während die andere Hemisphäre fast überall Nationen darbietet, die Cerealien bauen und milchgebende Tiere pflegen.  Die Kultur verschiedenartiger Gräser charakterisiert gleichsam beide Weltteile.  Im neuen Kontinent sehen wir nur eine Grasart, den Mais, angebaut.  In dem alten Kontinent dagegen entdecken wir überall, seit den frühesten Zeiten, zu denen die Geschichte hinaufreicht, die Früchte der Ceres: Kultur des Weizens, der Gerste, des Spelzes, des Hafers."
Ganz rätselhaft und verwickelt aber wird der Fall durch den weiteren Zusatz Humboldts: "Diodor fabelt, daß die Atalanten die Früchte der Ceres nicht gekannt hätten, weil sie von dem übrigen Menschengeschlecht getrennt wurden, ehe jene Früchte den Sterblichen gezeigt wurden!"
Besagt das nicht indirekt: daß den Alten irgend etwas darüber zu Ohren gekommen sein muß, daß die Amerikaner nur Mais anbauen, oder zumindest keinen Weizen?



Die religionsgeschichtlichen Zusammenhänge

Den Spaniern, die bei ihrem Einmarsch in Mexiko und Peru auf Schritt und Tritt auf christliche Symbole, auf christliche Einrichtungen und Zeremonien stoßen, kommt die Sache allmählich nicht mehr geheuer vor: Diese barbarischen Heiden äfften ja die heiligen und ehrwürdigen Institutionen der römischen Kirche Punkt für Punkt fast nach. 
Zwar: Symbole und Sakramente waren mit völlig wesensfremden Riten vermischt.  Die mexikanische Hostie war altbackenes, schlechtes Brot.  Die Jungfraumutter wurde nicht vom Heiligen Geist überschattet, sondern von einem grünen Edelstein, den sie als Schmuck auf der Brust trug. - Immerhin: Die Übereinstimmungen konnten nicht aus der Welt geleugnet werden und es blieb die große Frage zu lösen: Woher stammten denn diese Elemente, woher stammten denn all diese doch spezifisch christlichen Riten und Gebräuche?  Sollte das Christentum am Ende schon vor Kolumbus in Amerika Einzug gehalten haben?

Nun, im Gegensatz zu so vielen anderen altamerikanischen Problemen: das Problem "Urchristentum in Amerika" ist - und zwar gleich von zwei Seiten her - lösbar.  Einmal mögen diese auffallenden religionsmotivischen Zusammenhänge als Ergebnisse der Missionstätigkeit der nachgewiesenermaßen um die Wende des ersten Jahrtausends in Vinland, Hvitramannaland, Neuschottland und die ganze Küste bis Florida hinunter blühenden normannisch-irländischen christlichen Kolonien zu erklären sein.  Oder aber: das triumphierend sich ausbreitende Christentum überbrückt über seit Urzeiten beschrittenen Weltverkehrsstraßen den weiten asiatischen Kontinent (781 errichten nestorianische Christen in Hsinganfu eine Denksäule, mit chinesischen und syrischen Zeichen ist auf ihr ein Bericht niedergeschrieben über die damals ausgedehnte Verbreitung des nestorianischen Christentums im chinesischen Reich), setzt über den Pazifischen Ozean (chinesisch-japanisch-koreanische Überseeexpeditionen sind ja nach alten Chroniken schon um 500 n. Chr. gang und gäbe), und damit beginnt Altamerikas christliche Ära.  Aus dieser Ära stammt das ganze, so befremdende Inventar der altamerikanischen Hochkulturen an christlich-jüdischen Bestandteilen.  Aus dieser Ära stammen Beichte und Abendmahl, Taufe und Erntefest, Bundeslade, stammen Jungfraumutter, Absolution, Zölibat, Fasten, Ehesakramente, Fisch- und Taubensymbol.  Stammen peruanische Tonflaschen (und Textilien) mit Orantendarstellungen, merkwürdige Gegenstücke zu den Menasfläschchen, wie sie Carl Maria Kaufmann in der altchristlichen Menasstadt in der libyschen Wüste in Unmenge fand.  Aus dieser Ära stammen das berühmte Kreuz von Teotihuakan, das Riesenkreuz aus grauem Porphyr, ausgegraben auf der Plaza mayor in Mexiko-Stadt, mit reliefierten Totenschädeln und reichem symbolischen Bilderschmuck, und die phoinixbekrönten Kreuzreliefs am Palenketempel, stammen die Holz- und Steinkreuze von Puebla, Tonala, Oaschaka und das schlangenverzierte Basaltkreuz im Nationalmuseum Mexiko (die alle mit Sicherheit als vorkolumbisch festgestellt werden konnten).
Diese Invasion des Christentums in Altamerika spielt sich seit etwa dem 6. Jahrhundert ab.  Von Kalifornien-Zentralamerika aus dringt die neue Lehre über Kolumbien, Ekuador bis Peru.  Jahrhundertelang vielleicht "Staatsreligion".  Und ihre Aposteln sind vielleicht zu identifizieren mit den großen amerikanischen Propheten Ketsalkuatl, Votan, Botschika, Huira-Kotscha. - In späteren Zeiten werden die christlichen Riten und Symbole wieder von den heidnischen-heimischen wesensfremden Riten überwuchert, und was, seit 1492, die europäischen Entdecker noch vorfinden, sind nur groteske Verzerrungen, letzte Reminiszenzen, Trümmer der einstigen reinen Lehre.

Sie kommen alle aus östlichen (überseeischen) Ländern, die Huira-Kotscha, die Votan, Ketsalkuatl und Manko Kapak.  Sie, die Lichtbringer und Heilande Altamerikas, sie, die geheimnisvollen "Weißen Götter" - die am Ende mit den verschollenen Aposteln Thomas und Bartholomäus identisch sein mögen.  Denn immer werden diese Gestalten: sie sind alle helle, weißfarbige Menschen, groß und hager, und ein langer Bart hängt ihnen bis zum Gürtel herab, umrahmt von neu- und alttestamentarischen Legendenmotiven (aber auch Sintbrand- und Sintflutmotive und nordische Mythenmotive schimmern durch).
Der blaugekleidete Greis Botschika (oder vielmehr: der bärtige Gottesbote Nemtereketeba), der Buddha der kolumbischen Moskas, wandert von den Grassteppen östlich der Anden her auf die Hochebene von Bogota.
Votan, der legendäre Schöpfer der Mayakultur, kommt mit sieben Familien vom Osten ins Land.  Er ist ein gütiger, weiser Fürst, er schreibt ein Buch über seine Taten. - Eine Abschrift dieses kostbaren Buches wurde lange sorgfältig in Sokonusko aufbewahrt.  Sie fällt dem Bischof von Tschiapa Nunez de la Vega in die Hände, der sie verbrennen läßt - nur eine einzige Abschrift des heiligen Buches soll noch existieren.
Alle Propheten aber überragt Ketsalkuatl, der Großpriester von Tollan.  Er steigt bei Panuko ans Land, also an der östlichen Küste von Anahuak.  Auf seinem rötlichen Haar sitzt eine hohe Mitra, ein langer, weißer Talar umwallt seinen hohen Leib.  Und auf das Gewand sind viele rote Kreuze gestickt.
"Pedro Matiz, der Bischof von Tschiapa, wie auch andere versichern, daß die Indianer auf den Inseln, die zu Yukatan gehören, das Zeichen des Kreuzes als ihren Gott anbeten und verehren," schreibt Garcilaso de la Vega, und das gleiche gilt für Peru, wo der Urgott Tschon die Völker sich Kreuze auf ihre Mäntel zu malen lehrt.
Dem kreuzgeweihten Ketsalkuatl opfern die Gläubigen Blumen und Schmetterlinge, Erstlinge der Tiere und der Ernte, und zu seinen Riten gehören die schweren Pönitentien: sich durch Zunge und Ohren Löcher zu bohren und durch diese Wunden dann dornenbespickte Seile zu ziehen.

Der große Ketsalkuatl-Mythos der Tolteken erscheint hinsichtlich der religionsgeschichtlichen Durchforschung des amerikanischen Altertums von ungemeiner Bedeutung.  Denn um den Hauptheros, um "Unseren Lieben Herrn Ketsalkuatl", die "Grüngefiederte Schlange" - er ist identisch mit dem Schlangengott Kukulkan, dem Messias der Mayaindianer, die ihm in Yukatan riesengroße Tempel bauen -, gruppiert sich ein Legendenkranz, dessen Themen allerengste Verwandtschaft mit altweltlichen zeigen. -
Wenn sie eben nicht vielleicht doch aus urweltlichen, allem Anschein nach für alle Völker der Welt gemeinsamen mythologischen Schatzkammern geholt worden sind.
Die Ketsalkuatl-Legende ist eine Variation des Prometheus-Christusmythos.  Mit buddhistischen und alttestamentlichen Anklängen.  Sie kennt die jungfräuliche Mutter.  Der Babylonische Turm taucht auf - in der Schelhuapyramide, die von den Göttern zerstört wird.  Die buddhistische Legende von den Abdrücken des Gottes auf seinem Ruhesitz im Felsen wird wiederholt.  Sinaidekalog und Bergpredigt finden ihre Parallelen im "Buch der Bücher" und im "Berg des Rufes".  Das Auferstehungsmotiv klingt an: Ketsalkuatl-Kukulkan steigt in das Reich des Totenkönigs Miktlantekutli hinab (Christus in der Hölle, Odysseus im Hades), verweilt dort vier Tage, wird dort zum Knochen: "vier Tage lang war er ein Knochen", kehrt in die Welt der Lebendigen zurück.  Prometheus gleich, bringt Ketsalkuatl den Menschen das Goldene Zeitalter, wird er von den neidischen Göttern gestürzt.  Und in Paraphrasierung des Alten Testamentes werden die Tolteken nach vierhunderttägiger Wanderung durch die Wüste von Ketsalkuatl in das "gelobte Land", nach Yukatan, geführt.


Dieses Relief finden wir in Kom Ombo,  der "Krokodilstadt",  in Ägypten. 
Das Relief stellt die ursprüngliche (biblische) "Johannis-Offenbarung" dar.

Oberhalb der menschen-ähnlichen Figur finden wir das Henkelkreuz und das spätere Christenkreuz - s. Bild unten.



Oberhalb der menschen-ähnliche Figur sehen wir links das Henkelkreuz und rechts, neben dem Kopfschmuck, das spätere Christenkreuz.


Die Entstehungszeit des (vorkolumbischen!) Ketsalkuatlmythos läßt sich nicht bestimmen.  Infolgedessen ist es völlig offen, ob und welche Legendenmotive auf urchristliche Einflüsse (Thomas-Christentum?) zurückzuführen sind, und welche einem älteren, zeitlosen und internationalen Mythengut angehören.
Denn viele scheinbar christliche Motive sind in Wirklichkeit prächristliche, weitaus ältere.  Entlehnt aus den Bezirken ägyptischen (hermetischen) Kults oder aus denen vorderasiatischer oder altgriechischer Mysterienbünde.  Die Mutter mit dem göttlichen Kind (Maria-Jesus, im chinesischen Kulturkreis entspricht ihr die Kuan Yin) ist nichts anderes als Isis mit dem Horusknaben.  Die Dreieinigkeitsidee ist Gut fast aller großen Religionen.  Taufe und Abendmahl der christlichen Kirche finden ihre Entsprechungen in den Initiationen und Zeremonien babylonischer, hermetischer, orphischer Mysterien.  Die nordischen Arier, die Maya in Yukatan, Mexikaner und Peruaner besprengen seit altersher die Neugeborenen mit Wasser oder tauchen die Kinder unter (weshalb der Storch die kleinen Kinder "aus dem Wasser" holt!), indem sie sie mit dem Zeichen des Kreuzes segnen und Reinigungsgebete sprechen.
Und das Kreuz selbst: seine Urform mag in gewerblichen Techniken (Flechtarbeiten) liegen, die von selbst zum Kreuzornament führen.  Als künstlerisch-symbolisches Motiv aber wird es seit jeher in Beziehung gesetzt zum Begriff "Leben".  Oder zu dem, was "Leben" aufhebt.
Die Crux ansata, der "Nilschlüssel", eingemeißelt in hunderttausend ägyptische und koptische Denkmäler, der Oberpriester von Memphis schmückt seine Brust mit dem Goldkreuz, Schliemann stellt es eingeritzt und eingekerbt in mykenischen Terrakotten fest, in Tempeln mexikanischer Ruinenstädte und auf Bronzeplaketten aus Nicaragua (Gräberfunde) kann man es finden - immer ist die Crux ansata Symbol göttlicher Kraft: als Schlüssel, der die Nilschleusen öffnet, "aus denen sich die lebenserhaltenden Überschwemmungen ergießen".  So wird das (Nilschlüssel-)Kreuz zur Hieroglyphe des Lebens überhaupt.  Und weiter (bei Ägyptern, Chaldäern, Phöniziern, Mexikanern, Peruanern) zur Hieroglyphe der "verborgenen Weisheit" - zum Gleichnis aller Gleichnisse.  Als Schrägkreuz leuchtet es auf den Kriegsfahnen der alten Inder.  Als senkrechtes Kreuz auf den Heerbannern der Assyrer.  Konstantin der Große heißt seine Soldaten, das Kreuz als Symbol des gekreuzigten Menschenheilands an ihren Standarten und Schilden anzubringen.  Und als Hakenkreuz, Swastika, ist es seit vielleicht viertausend Jahren speziell Hieroglyphe des rollenden Lebens.  In seinen zahllosen Aspekten (Fruchtbarkeit, Sonnenbewegung, Glück, Schutz).  Im positiven und negativen Sinne - deshalb erhält es auch eine Drehrichtung nach beiden Seiten, also rechts- und linksläufig.  Bei so gut wie allen Völkern der Erde ist es verbreitet.  Bei arischen wie bei nichtarischen.  Nur in Australien fehlt es.  Und außerdem merkwürdigerweise bei den (arischen) Persern.

Die Symbolik des Alten Orients setzt das Kreuz - die Vertikale mit dem horizontalen kürzeren Balken - gleich dem paradiesischen Lebensbaum.  Aber - in allem steckt ja die Dyas drin! - auch gleich seiner Aufhebung.  Der "Baum des Lebens" des Alten Testaments wird im Neuen Testament folgerichtig zum "Baum des Todes": Christus, das geistige Prinzip, stirbt, an das Kreuz (Materie) geheftet, durch die Materie geschändet und vergewaltigt.  (Das Kreuz gilt auch als Symbol der Materie oder vielmehr als Entsprechung des Symbols der Materie, nämlich des Würfels: Würfel und Kreuz sind formidentisch.  Denn das Kreuz, als rein geometrische Figur betrachtet, ergibt sich ohne weiteres durch Aufrollung der sechs Würfelflächen in die Ebene.)
Aber die Gleichung: "Kreuz ist gleich Baum (oder auch: Aufhebung) des Lebens" hat noch zwei Varianten, zwei Nebengleichungen mit ebenfalls zugleich positiver wie negativer Lösung.
Denn der "Baum" des Lebens kann durch das "Wasser" des Lebens substituiert werden.  Oder durch das "Feuer" des Lebens, - wobei aber "Wasser" und "Feuer" immer in hoher magischer Beziehung zum Kreuz-Lebenssymbol bleiben.
"Habebat de ligno vitae stabilitatem contra vetustatem et mortem", heißt es von Henoch.  Er genoß also Speise vom Baum des Lebens und erreichte dadurch ein Alter von 5512 Jahren.  Diese "Speise vom Baum des Lebens", dieses alchemische Lebenselixier (der unsterblichmachende Nektar olympischer Götter, die Äpfel der Unsterblichkeit, die die Asgard-Götter essen, die Götter der ozeanischen Insulaner trinken Ava) ist in der Ketsalkuatllegende Pulque, den (Mephistopheles-Lilith-) Teskatlipoka dem altersschwachen Ketsalkuatl zur restitutio in juventutem und zu seligen Fortdauer auf Tlillan Tlapallan einflößt.  Damit ist die Beziehung hergestellt zu den drei Thursentöchtern, die aus Jötumheim kommen, bezaubernd schön, üppig, verführerisch, die eine heißt Heid: "Sudkunst konnte sie, Seelenheil raubte sie", und in der Edda ist sie es, die aus Früchten und Beeren den verderblichen Trank bereitet.  Den verderblichen Trank - denn das angeblich unsterblichmachende Elixier enthüllt hier seine negativ-zerstörende Komponente.
"Bevor Eva vom Apfel aß, verfielen die lebendigen Geschöpfe nicht dem Tode", behauptet der Talmud. - Aus einundderselben Idee also sind die Sagen vom Apfel der Paradiesschlange, vom Met der Heid, vom Pulque des Teskatlipoka geschöpft und (in der guatemalatekischen Legende) das Motiv von dem gebratenen Vögelchen, das das verführende Weib dem Yappan vorsetzt.

Aber das heilige Feuer des Lebens (und des Todes), das ebenfalls in magischer Beziehung zum großen Kreuz-Lebenssymbol steht: die römischen Vestalinnen hüten das "heilige Feuer", die peruanischen Sonnenjungfrauen hüten es im Kloster Ollyantai-Tambo, es lebt fort im ewigen Licht des Marienkults, und in Rom und in Kusko bedeutet das Verlöschen des heiligen Feuers schweres Unheil, werden die schuldigen Priesterinnen bis aufs Blut gegeißelt, lebendig eingemauert - lodert es nicht auch ales ewiges, waberndes Feuer aus den gewaltigen Feuerbergen?  Und gleicht die zackige, zuckende, rötliche Flamme nicht der zitternden, roten Zickzacklinie des Hahnenkammes?  Vergleicht nicht schon die Völuspa die feuerspeienden Berge mit roten Hähnen? - So wird der "Hahn" zur Feuer-Rune: In der germanischen Mythe verkündet der Hahn den Weltuntergang durch Feuer.  Auf den Türmen noch der katholischen Kirchen sitzt der Hahn als Memento (der Wetterhahn auf dem Kreuz!).  Und nicht umsonst heißt es: "Einem den roten Hahn aufs Dach setzen". - Auch in Yukatan wird der Hahn, in Peru der Kondor (Peru ist das Land der "Greife") in Beziehung gesetzt zum Feuer.  Und damit weiter zum Kreuz.
Rudolf Falb findet in Peru, französische Forscher schon 1880 in Yukatan auf alten Tempelmauern merkwürdige Darstellungen: einen Greifen mit einem Stab beziehungsweise einen auf einem Kreuz sitzenden Hahn.  Immer wieder, auffallend häufig tauchen solche Darstellungen auf, und es erhebt sich die Frage, was für eine Bedeutung hinter diesen so betonten Symbolen stecken mag.
Im Arabischen - findet Falb - heißt der Hahn: abu yoktan, das ist: Vater von yoktan (yukatan?!) - Ist das am Ende ein Hinweis, ein Hinweis von magisch-zwingender Bedeutung?  Wenn nämlich Falbs Sprachwanderungs- und Hörbigers Lebensasylhypothesen überhaupt zu Recht bestehen, bedeutet das Symbol "Hahn auf dem Kreuz": "Hahn-Schirmherr-Yukatans"!  Und weiter: "Das ewige Feuer schirmt Yukatan!"  Oder: Das Feuer des Lebens schirmt Yukatan, die "Kehle der Erde"!
Das ist der Sinn dieses doppelten Feuersymbols - aber damit sind seine Beziehungen nicht erschöpft:
Der Hahn auf dem Kreuz ist auch der Vogel Votans, des yukatekischen Messias - sein Vogel (ein Hahn oder Habicht) horstet auf dem Kreuz von Palen.  Genau wie über der Urdquelle zu Häupten des nordischen Wotan der Adler auf der Weltesche Yggdrasil horstet.  Genau wie der goldrote hettitische Doppeladler, wie der jüdische Cherub, wie die christliche Taube - sie alle Symbole des göttlichen Geistes - über dem Baum des Lebens schweben.
Und damit schließt sich der Kreis.  Denn die Weltesche: ist der paradiesische Lebensbaum (also das Kreuz im positiven Sinne - noch Weihnachtsbaum, Maibaum, Kirchweihbaum sind matte Erinnerungsbilder der ursprünglichen Idee, zärtliche Vergröberungen, Verbanalisierungen einer hohen Bedeutung durch unmagisch und unweise gewordene Nachfahren).
Aber die Weltesche ist auch das Kreuz im negativen Sinne - also der Baum des Todes.  An den Baum Yggdrasil wird bei der Verteidigung der Asenburg der wunde Ase Odin von seinen Feinden aufgehängt, wie Christus ans Kreuz geschlagen wird.
Weil aber der optimistische Mensch unverwüstlich, ewig an das Ideal, an Sieg, Bejahung, an den Triumpf des Lebens glaubt: bleibt die Verdammung des Lebensbaumes zum Baume des Todes keine endgültige.  Versöhnlich hebt die Mythe sie wieder auf: Der Legende nach durchbohrt Ketsalkuatl mit einem goldenen Pfeil einen Baum, der Baum stirbt ab, verdorrt - aber Ketsalkuatl betet zu Tonathiuh, zu Gottvater.  Da grünt der Baum wieder, und der goldene Pfeil grünt - und sein Querbalken bildet mit dem Baum ein lebendiges, blühendes Kreuz.



Ahnung von Amerika

An der Tatsache ist nicht zu rütteln: Die Antike hat Vorstellungen, und zwar merkwürdig richtige Vorstellungen, nicht nur über dem afrikanischen Kontinent vorgelagerte Inseln, sondern auch über Länder jenseits des Atlantiks.
Ob da Atlantiserinnerungen hereinspielen oder Mitteilungen von aus amerikanischen Gewässern in europäische verschlagenen Einzelindividuen (Schiffsversetzungen)?  Ob man etwa ein gefühlsmäßiges Erahnen eines Westkontinents durch die Alten annehmen soll, vielleicht in Verbindung mit einer aufdämmernden Erkenntnis von der Kugelgestalt der Erde?  Oder ob man diese "Ahnung von Amerika" einfach als Ergebnis einer Überquerung des Ozeans deuten soll? - Man weiß es nicht.
Zwar ist vorläufig auch nicht ein dokumentarisch belegter Bericht darüber bekannt, daß es etwa wagemutigen oder vom Sturm verschlagenen antiken Schiffen irgendeinmal gelungen wäre, bis nach Westindien, bis an die amerikanische Festlandküste zu gelangen und Nachrichten von dieser Sensation in die Heimat zurückzubringen.
Aber soviel weiß man: die Alten haben sich auf die hohe See hinausgewagt.
Man weiß: in Römerzeiten werden, fahrplanmäßig fast, Passatfahrten nach Indien, ja bis nach China hin unternommen.
Man weiß: griechische und römische Schiffsexpeditionen dringen wiederholt in die nördlichen Breiten vor, bis Schottland, Helgoland, Skandinavien, bis zur Bernsteinküste (Ostsee?), ja bis Island.  Offenbar sind also die technischen Voraussetzungen für Hochseefahrten da: seefähige, für größere Expeditionen geeignete Schiffe und diverse Hilfsmittel zur Navigation. -
Um 1910 holen griechische Schwammfischer ein unbekanntes, kompliziertes Gerät vom Meeresgrund herauf: einen antiken, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellt, außerordentlich sauber und exakt gearbeiteten Sextanten zur Positionsberechnung.
Unter diesen Umständen erscheinen die vielen Hinweise der klassischen Autoren auf ferne Westländer, erscheint das große Geheimnis der Antike:
die Ahnung von Amerika, in einem neuen Licht.

Diodor kennt die Insel "Afrika gegenüber mitten im Ozean, die allein schon durch ihre Größe so erwähnenswert ist" (Azoren?). Ein verschollener Autor schreibt (nach Zitaten des Proklus), daß bei den Bewohnern der "sieben Inseln im Weltmeer" die Erinnerung an Atlantis, dessen Könige unendliche Zeiten lang über alle Inseln des Atlantischen Ozeans geboten, noch immer lebendig  sei.  Plutarch berichtet: "Mitten im Ozean liegt die Insel Ogygia, die Venusinsel, die Kalypsoinsel.  Aber unendlich viel weiter westwärts liegen die drei Inseln des Kronos, dorthin kommen etwa alle 30 Jahre stolze, kriegerische Männer von dem großen Festland jenseits der Inseln.  Sie kommen, um den Meeresgöttern zu opfern."  Und an einer anderen Stelle, wo er davon spricht, daß bei den Griechen die Erinnerung an den versunkenen Kontinent Atlantis getreulich bewahrt werde, schreibt er: "Der große Kontinent, der als jenseitige Küste den Ozean einsäumt soll von der Insel Ogygia mindestens 5000 Stadien (8500 Kilometer) entfernt sein ... Jene Küsten aber wurden ursprünglich von dreizehn Griechen besiedelt, Nachkommen der Gefährten des Herakles, die einst in jenen Ländern zurückblieben.  Sie betrachten sich als Bewohner eines großen Festlandes."
Das klingt wie ein durchaus positives Wissen von einem (atlantidischen, oder besser) amerikanischen Kontinent.  Womöglich noch eindeutiger äußern sich Seneca und Strabo: "Zwischen den Küsten des westlichen Europa und des östlichen Asien müssen unbedingt noch andere Ländermassen vorhanden sein!", und sie sprechen das prophetische Wort: "Dort wird noch einmal ein ungeheurer Erdteil entdeckt werden!"
Diesen "Kontinent im Westmeer" kennt man schon im Zeitalter Platos.  Theopompus von Chios, seine Werke sind verlorengegangen, Aelian zitiert sie, gibt ein Zwiegespräch wieder zwischen König Midas von Phrygien und dem weisen Halbmenschen Silenus.  Lüstern hört der goldgierige König die Geschichte von dem reichen Festland Meropis, weit drüben jenseits des Ozeans.  Dort lägen die Ursitze der Menschheit, berichtet Silenus, die Meropen leben unter einem milden Himmel, ein fruchtbarer Boden trägt reiche Früchte, die Städte sind riesig und prunkvoll, es ist ein Land, "in dem Gold und Silber in solchen Mengen vorkommen, daß sie nicht höher geschätzt werden als bei den übrigen Sterblichen Eisen".  Die Meropen aber - ihr Name leitet sich ab von der Atlas(!)tochter Merope - kamen einmal auf einer Entdeckungsfahrt zu den Hyperboräern, und von diesen aus sei die Kunde zu den Griechen gelangt.
Und neben dem geheimnisvollen Kontinent Meropis kennt die spät-römische Zeit noch das ebenso geheimnisvolle, verlorengegangene Land Siriat.  Josephus Flavius berichtet: Die Priester der "Kinder von Seth" lehrten, die Erde würde einst durch Feuer und Wasser zugrunde gehen - und dann wäre es zu Ende mit aller Weisheit und Wissenschaft.  Um diese also für die späterkommenden Geschlechter zu retten, errichteten sie zwei gewaltige Säulen.  Die eine türmten sie auf aus gebrannter Erde, die andere aus sorgsam geglätteten Steinen, und auf diesen Säulen gruben sie alles Wissen, das sie besaßen, ein.  Diese Säulen aber stehen im Lande Siriat. 
In der Chronographia des Syncellus findet man eine Parallelstelle zu diesem Zitat: Manethou entnahm seine Geschichte den Säulen.  Sie stehen im Lande Siriat, und Thot, der erste Merkur, "grub in sie ein alles Wissen im heiligen Dialekt und mit heiligen Zeichen".
Aber dieses Land Siriat - am Ende ist es gar identisch mit der "anderen Welt, in der die Greife hausen", von der Apuleius spricht.  Und am Ende ist die "Welt der Greife", sind die "Säulen im Lande Siriat" identisch mit Peru und mit dem Monolithtor von Tiahuanako - von dessen Existenz die Alten auf irgendeine Weise Kenntnis erhalten haben müssen.  Und auch die Bemerkung Diodors von den Atalanten, die die Früchte der Ceres, die also den Weizen nicht kennen, paßt merkwürdig in diesen Zusammenhang.  Denn sie zielt eindeutig auf die ausschließlich Maiskultur treibenden Völker Altamerikas.

Die mittelalterlichen Menschen träumen von phantastischen Fatamorganaländern, von verzauberten Städten, von Ophir und Thule und irdisch-himmlischen Gralsburgen und von siebentorigen Jerusalemen.  Auch die Sage von Atlantis spukt immer noch in den Köpfen. - Aber damals ist der Atlantische Ozean keine endlose Wasserwüste mehr.  Geheimnisvolle Inseln bevölkern ihn, 27 000 Eilande, rechnen arabische Geographen aus, sind über ihn verstreut.  Seit 1400 n. Chr. etwa werden in die Karten fabelhafte, niemals betretene westliche Inseln und Länder eingezeichnet - die Spanier sind von ihrer Existenz so fest überzeugt, daß sie sich im Vertrag von Evora das unbestrittene Besitzrecht an den "noch unentdeckten Inseln" von den Portugiesen schwarz auf weiß garantieren lassen.
Da ist die Rede von den Inseln Mayda, Tamnar, Asmaides, Satanaxoi.  Von der Insel Sirtinike, dem schwarzen Felsberg mitten im Ozean.  Von den Rieseninseln Bellicosa und Pia.
Da ist die fabelhafte Insel Antilia, im äußersten Westen der Welt, mitten auf dem Wege zwischen Spanien und China - oder vielmehr: dort schwimmt sie herum, in jenen Gegenden, denn "ewig wechselt sie ihre Lage, ewig ändert sich ihre Gestalt.
Da ist die St. Brandasinsel.  Vor den Augen der erschrockenen Seefahrer steigt sie bisweilen plötzlich aus dem Meere hervor, aber "je näher man an sie herankommen sich bemüht, desto weiter entfernt sie sich".
Da spukt auf spätmittelalterlichen Landkarten die Insel Frislanda herum.  Da ist das Stocafixa(Dorsch-)land, es ist wahrscheinlich mit der Neufundlandbank zu identifizieren.  Von 1436 datiert der Atlas der San Marco Bibliothek in Venedig; das Stocafixaland ist in ihm bereits verzeichnet.  Und die Insel Brazil (Brasilien: nach dem Namen des asiatischen, von den Tuchfärbern hochgeschätzten Rotholzes!) findet sich bereits auf Landkarten von 1351 (Mediceanischer Atlas) und 1367 (Karte des Pizigano), und 1480 und 1498 gehen von Bristol Expeditionen aus, die Insel Brazil aufzusuchen.

Die europäischen Völker besitzen also schon lange vor den großen Entdeckungsfahrten der beginnenden Neuzeit merkwürdig richtige Vorstellungen von in nebelhaften westlichen Fernen liegenden Ländern.
Und schließlich ist es ja Tatsache: Amerika ist nicht 1492 entdeckt worden!  Es ist viel früher - und mindestens ein Dutzend Male -, es ist von Weißen und es ist von Gelben entdeckt worden.  Mongolen und Eskimos wandern über Alaska in Amerika ein.  Ureinwohner Zentralamerikas mögen Stämme aus Ceylon und Indochina gewesen sein, die Kultur der kambodjischen Khmeren zeigt merkwürdige Parallelismen mit der Kultur der yukatekischen Maya.  Auch über die "präkolumbischen Missionswege", also über Asien, mag mit genug europäisch-urchristlichen Kulturgut auch so manche europäische Auswandererwoge nach Amerika abgeströmt sein.
Aber in die Ehre, historisch beglaubigt als erste Europäer amerikanischen Boden betreten zu haben: in diese Ehre teilen sich Basken, Irländer-Waliser und Normannen.
Basken sollen schon um 700 n. Chr. in Amerika aufgetaucht sein.  Im 9. Jahrhundert unternimmt, wenigstens geht das aus einer Urkunde im Vatikanischen Archiv hervor, Bredan von Clonfort in Irland, Missionsreisen nach Neuengland und Delaware.  Und um das Jahr 1000 heißt die ganze amerikanische Küste von Neuschottland herunter bis Florida Groß-Irland.  Um 1170 sollen Waliser - es ist von 1200 Kolonisten die Rede - in jene sagenhaften Länder eingewandert sein - wie 50 Jahre vorher angeblich Araber aus Lissabon: Acht Abenteurer, schreibt der Geograph El Edrisi, fuhren viele, viele Tage über das Meer.  Dann kamen sie durch eine zähe, stinkende Wasserfläche (Sargasso?) hindurch, endlich landeten sie und fanden zu ihrem Erstaunen ein volkreiches Land vor.  Dort regierte in einer mächtigen Stadt ein Kaiser über rotfarbige Menschen.
Am besten gesichert und quellenmäßig gut belegt sind die Expeditionen der Normannen.  Zwischen 870 und 1120 kolonisieren sie Island und Grönland, gelangen von hier aus in die Gegend von Neufundland und Neuschottland und schließlich auf eine Insel (Vinland), die an der Küste von Massachusetts oder Rhode Island, jedenfalls zwischen Boston und New York zu suchen ist.
Im Hvitramannaland (Weißmännerland, Karolina) scheinen - trotz der feindseligen Haltung der umwohnenden Indianer - über 200 Jahre lang gefestigte normannisch-christliche Staatswesen bestanden zu haben, und es liegt durchaus im Bereiche der Möglichkeit, daß von hier aus eine Christianisierung Amerikas im größeren oder kleineren Maße versucht worden ist. - Auf die Dauer allerdings können die nordamerikanischen Kolonien nicht gehalten werden.  Die Zusammenstöße mit den Eingeborenen werden immer heftiger; der Runenstein bei Spokane (Staat Washington, 1926 aufgefunden) ist das Erinnerungsmal solch eines verzweifelten Kampfes, bei dem eine aus vierundzwanzig Männern, sieben Frauen und einem Kind bestehende normannische Expedition aufgerieben wurde.
Im Zeitalter des Schwarzen Todes, der um die Mitte des 14. Jahrhunderts ganz Europa verheert, sterben die grönländischen und isländischen Kolonisten aus.  Damit ist auch die Verbindung mit den nordamerikanischen Ländern unterbrochen - die Erinnerung an diese Entdeckungen versinkt unter dem Schleier des Vergessens, bleibt nur noch unter den Seeleuten lebendig.

Von Seeleuten hört, als er 1477 von Bristol aus zu einer Nordlandreise startet, Christoph Kolumbus Wunderdinge über "Vinland das Gute" erzählen, über diese fruchtbaren, verführerischen Länder, über Vinland also, aber auch über flammenspeiende Inseln, die im Westen der Azoren liegen und alljährlich aus dem Ozean auftauchen.  Und Wunderdinge von Schätzen, die der Golfstrom an die Küste anschwemmt.  Auf den Azorischen Inseln sei es nichts Seltenes, Bambusrohr zu finden oder fremdartige, künstlich geschnitzte Holzstücke oder Leichname kupferfarbener, mit bunten Federn geschmückter Menschen.  Und auf einer westlichen Fahrt, so erzählen dem Kolumbus spanische Seeleute, sei man einmal Barken begegnet, von seltsam aussehenden Menschen geführt und so gebaut, daß sie nicht untergehen konnten.
Damals, in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, waren Entdeckungsfahrten große Mode - geradezu ein Sport, wie heute (1930) etwa Atlantikflüge.
1470 segelt der Däne Johan Scolus über Island und Grönland zur Mündung des St. Lawrence.  Um ungefähr dieselbe Zeit erreicht der Portugiese Joan Vaz Costa Cortereal Neufundland und Labrador, auch der Franzose Cousin landet an der amerikanischen Küste.  Und noch früher 1455, stoßen der Venezianer Alvise Cadamosto und der Genuese Antoniotto Usodimare auf drei Karavellen bis Sierra Leone vor. -
Nicht etwa wissenschaftliche, sondern handelspolitische und merkantile Momente spielen bei allen diesen Expeditionen die ausschlaggebende Rolle.  - Auch für Cristoforo Colombo, Sohn der handelsbeflissenen Stadt Genua, fallen bei seinem Plan, die sagenhaften asiatischen Reiche Mongi, Cathai, Schipongo (China, Japan) zu erreichen, gerade solche Gründe vielleicht am schwersten in die Waagschale.
Denn 1453 war Konstantinopel gefallen.  Die Kanonen Mohammeds II. sperren die Straße der Dardanellen, die Türken heben alle bisherigen Privilegien auf, im Orient wird die Lage der abendländischen Kaufleute von Tag zu Tag schwieriger.  Europa steht der Verlust des levantinischen Marktes bevor.  Neue Märkte müssen gewonnen werden, Italiener und Portugiesen zerbrechen sich die Köpfe, aber ein Absatzgebiet wie der Orient ist eben nicht leicht zu ersetzen!
Das große Äquivalent, der vollwertige Ausgleich - nur in Süd- und Ostasien könnte er gefunden werden: in den reichen Ländern der Tropen.  Aber die Handelsrouten über Osteuropa sind durch die Mohammedaner gesperrt.  Nur eins bleibt übrig: Asien vom Westen Europas, vom Atlantischen Ozean her zu erreichen!
Darin also gipfelte des Kolumbus Idee.  Nichts lag ihm an der Entdeckung neuer Länder.  Ihm lag daran, Asien zu erreichen.  Denn Asien: das war das neue Absatzgebiet, das waren neue Handelsgelegenheiten, das war neuer Reichtum für Europa.
Es bleibt des Cristoph Kolumbus unsterblicher Ruhm: nicht nur über abenteuerliche Schwierigkeiten hinweg seine Ideen verwirklicht, sondern auch den Anstoß zur grandiosesten jemals erlebten Erweiterung des geographischen, des kulturellen und handelspolitischen Weltbildes der abendländischen Menschheit gegeben zu haben.  Nach den vielen vorhergegangenen vergessenen, ergebnislosen, immer wieder in Nichts zerflatterten Amerikaentdeckungen der Basken, Iren, Normannen, der Portugiesen, Dänen, Franzosen, bleibt seit dieser, seit der kolumbischen Amerikaentdeckung der neue Weltteil für immer in Verbindung mit der Alten Welt.
Kolumbus landet auf Guanahani.  Er glaubt, eine dem asiatischen Festland vorgelagerte Insel gefunden zu haben: Westindien!
Und ist in diesem Glauben auch gestorben.

Eugen Georg


(Quelle: Buch "Verschollene Kulturen das Menschheitserlebnis" von E. Georg, S. 151-172, Jahrg. 1930, R. Voigtländers Verlag-Leipzig)