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Ägyptische Sinflutmysterien-Spiele und Bibel



Unsere Kenntnis von der universalen Sintflut verdanken wir in erster Linie dem Bibelbericht, außer welchem jedoch in den letzten Jahrzehnten mehrere hundert Flutsagen aus allen Teilen der Welt bekannt geworden sind. (1)
Den Bibelbericht hat man daher bis vor kurzem in wissenschaftlichen Kreisen als eine mythologische Erzählung angesehen, die aber unter dem Gesichtspunkt der Welteislehre ein völlig neues Gesicht bekommt. (2)

Hier will ich nun davon sprechen, daß ich kürzlich noch eine ganz neue Lesart darüber inder ägyptischen religiösen Literatur entdeckt habe.  Die Texte in denen diese Lesart zu finden ist, sind als die Königsgräber-Texte eigentlich schon bekannt.  Dieselben wurden bisher leider nicht genauer untersucht, und so konnte man an eine Auswertung des darin befindlichen Materials nicht denken.  Bei dem Studium dieser Texte verdanke ich es nur einem glücklichen Zufall, der mir das Verständnis derselben ermöglichte.  Die betreffenden Inschriften besitzen einen so beträchtlichen Umfang, daß es an dieser Stelle nur möglich ist, kurz in den Kern der Sache einzuführen. 

Zum ersten Male hören wir hier von Sintflutmysterien-Spielen, die eine außerordentliche dramatische Gestaltung besitzen.  Sie erzählen uns von dem Sündenfall der vorsintflutlichen Menschen und von dem Entschluß der Gottheit, das sündhafte Menschengeschlecht mit der Sintflut zu bestrafen.
Die Einzelheiten dieser Mysterienspiele und des Berichtes findet man in den Gräbern der Könige Thutmes III, Amenhotep II, Seti I und Ramses III und auch in dem sogenannten "Kuhbuch", welches zu den beiden letztgenannten Gräbern gehört.

Die ägyptischen Sintflutmysterien-Spiele sind in 12 Akte geteilt, wovon jeder in einem besonderen Raume zur Darstellung gelangt.  Jeder dieser Abschnitte ist einer "Stunde der Nacht" unterstellt.  Die Hauptperson dieser ägyptischen dramatischen Sintflutmysterien-Spiele ist der widderköpfige Sonnengott.
Die 12 Stunden, in denen der widderköpfige Sonnengott in seinem Schiffe in dem unteren Himmel bzw. auf dem Ozean diese 12 Räume durchfährt, gaben mir die Anregung, dieselben mit den 12 Monden, die Noah in seinem Kasten, bzw. seiner Arche auf dem großen Wasser der Sintflut zubrachte, zu vergleichen.


Der widderköpfige Sonnengott, der beim Mondniederbruch und der (zweiten) Sintflut, die entscheidende Rolle spielt.
Die Aufnahme stammt aus der Tempelanlage von Karnak (Ägypten), die dem widderköpfigen Sonnengott geweiht war.




Bei näherer Untersuchung der beiden Lesarten stellte es sich heraus, daß es sich um das gleiche kosmische Ereignis handelt.  So beginnt der biblische Bericht mit der Nachricht von dem Verderben des Menschengeschlechtes und dem Entschluß der Gottheit, dasselbe von der Erde zu vertilgen, bzw. mit dem Tode zu bestrafen, was wir in ähnlicher Darstellung auch aus dem "Kuhbuche" erfahren.
Während der großen Flut sehen wir dann Noah in seinem Kasten auf den großen Wassern schwimmen.  Die großen Wasser der noahitischen Sintflut sind aber vollkommen mit dem Ozean identisch, auf dem der widderköpfige Gott während der 12 Stunden in seinem Schiffe dahinfährt; er selbst ent- spricht wiederum dem biblischen Sintfluthelden, aber nicht nur ihm, sondern auch dem älteren Henoch-Matatron, dem Vertreter der älteren Enos-Sintflut.

Die ägyptischen Sintflutmysterien sind fast überall von Mond-Elementen durchdrungen.  In ihnen wird der Absturz des Mondes bildlich dargestellt, und die verschiedenen Phasen seiner Auflösung werden in einem lebendigen Spiele wiedergegeben.
In diesen Texten erscheint der Mond in Gestalt der riesigen Schlange "Apophis", die den Kampf mit der Sonne beginnt und von derselben, bzw. von dem Sonnengott erlegt wird.  Dieses Ringen und die Niederwerfung der Schlange sind es nun, die sehr umfassend und dramatisch geschildert und dargestellt werden.

Auch die kabbalistischen Werke bringen die Sintflut mit dem Erden-Trabanten, dem Monde, in Beziehung.  Nach den kabbalistischen Texten eröffnet der Niederbruch eines Mondes, der ebenfalls von einer Flut begleitet wird, eine neue Epoche.  Der Mond, der Urheber der Welt-Katastrophe, wird hier wie überall als ein Ungeheuer, Drache oder dergleichen geschildert.  Hierüber findet man eine Menge Belege in der Bibel selbst und in der umfang- reichen kabbalistischen Literatur.
Nach den ägyptischen Texten und den kabbalistischen Schriften entfernt sich die Gottheit, nachdem sie das sündhafte Menschengeschlecht erkannt und vernichtet hat, nach dem Himmel.
Auch der oben erwähnte Henoch-Matatron ist in allen seinen Prärogativen und Funktionen mit dem ägyptischen Sonnengott identisch.

Nach den ägyptischen und hebräischen Schriften, müssen in frühhistorischen Zeiten die Sintflutmysterien-Spiele wirklich bestanden haben.  Bei diesen Aufführungen wurde die Hauptrolle von einer Person in der Maske des ägyptischen widderköpfigen Sonnengottes bzw. des Henoch-Matatron ausgeführt, welche das Oberhaupt der priesterlichen Brüderschaft war.  Die Mysterienspiele wurden so aufgebaut, daß sie alle Einzelheiten, Begleiterscheinungen und die menschliche Geschichte während der großen Weltkatastrophe in symbolischer und allegorischer Art wiedergaben.
Augenscheinlich haben die Hebräer (bzw. die später aus ihnen hervorgegangenen Juden) diese Sintflutmysterien-Spiele während ihrer uns bekannten historischen Zeit nicht mehr ausgeführt, jedoch die abstrakte Wissenschaft darüber in mannigfacher Weise bis auf unsere Zeit erhalten.  Wahrscheinlich haben sie ihre Kenntnisse hierüber während ihres Aufenthaltes im Nillande durch die Berührung mit der ägyptischen Lesart wieder erneuert.  Ihre eigenen Mysterienspiele mögen sie schon auf ihren Wanderungen nach Charran verloren haben. 
Aus dem Studium der betreffenden ägyptischen Literatur geht hervor, daß auch die Ägypter des Neuen Reiches diese Mysterienspiele in ihrer wirklichen Form nicht mehr besaßen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß diese schon am Ende der 12. Dynastie (Mittleres Reich) nicht mehr ausge- führt wurden.  Dagegen ist anzunehmen, daß sie noch zur Zeit der 4. - 6. Dynastie in ihrer dramatischen Form zur Darstellung gelangten.

Es ist interessant, die Frage aufzurollen, warum eigentlich der ägyptische Sonnengott mit der Widdermaske geschmückt ist. - Wir können eine Antwort erhalten, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die alten Völker, resp. die Ägypter und Babylonier, sehr viel Astronomie bzw. Astrologie trieben und diese Begriffe damit verschmolzen.
In dieser Wissenschaft sind die verschiedenen Epochen verschiedenen Zodiakalzeichen unterstellt, nach denen die Alten die großen Zeitperioden berechneten.  Beispielsweise finden wir, daß Henoch-Matatron in Beziehung zu verschiedenen Tierkreiszeichen gestellt wird. 

Die Gründung der Sintflutmysterien-Spiele geht nach den ägyptischen Texten in die prähistorische Zeit zurück.  Sie enthalten die symbolischen Dar- stellungen und Spiele von dem Mond-Einfang, verschiedene Stadien der Annäherung an die Erde und seinem Niederbruch. 
Hier haben wir eine der ältesten schriftlichen und symbolischen Bestätigungen für die Gedanken Hörbigers.

Dr. A. Trofimowitsch

Anmerkungen und Quellen des Verfassers:
(1) Riem. Die Sintflut in Sage und Wissenschaft, Rauhes Haus 1925 Usener, Die Sintflutsagen,  Friedrich Cohen, Bonn. - Riem, Weltenwerden, Rauhes Haus, 1925.
(2) Hörbiger-Fauth, Glazialkosmogonie, Voigtländer, Leipzig, 1925, Seite 340 ff, 433 ff,  Fischer, Weltwenden, Voigtländer, 1928. - Hinzpeter, Urwissen von Kosmos und Erde, Voigtländer, 1928.



(Aufsatzquelle: Zeitschrift für Welteislehre, Heft 7, S. 212-215, Jahrg. 1934, Verlag Luken & Luken-Berlin)