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Entstehung der Salzlager



Eigentlich hätte die Schilderung der Entstehung der Salzlagerstätten an die Spitze der Abschnitte gestellt werden müssen, in denen die Kohlen- und Erdölfrage behandelt wurde; denn ehe die mit Sink- und Schwimmstoffen beladenen Wellen der Flutberge herankamen, aus denen sich die Sedimentgebirge aufbauten, liefen schon die am weitesten in die Ebbegebiete vordringenden dünnen Wasserschichten aus, die, von keinerlei Schmutz getrübt, als reines Eis in Frosterstarrung liegen bleiben konnten.  Das Meerwasser ist eine ungesättigte Salzlösung, von der sich beim Gefrieren salzfreies Eis absonderte, wodurch die Lösung konzentrierter wurde und Salz ausscheiden konnte.  Unzählige Wiederholungen des Vorgangs bauten die mächtigen Lagerstätten auf.

Dieser Grundgedanke der Salzlagerentstehung im Sinne der Welteislehre (Glacial-Kosmogonie) steht im Widerspruch mit der jetzt allgemein herrschenden Ansicht, nach der das Salz im Verdampfungsverfahren aus dem Wasser ausgeschieden sein soll, die sich darauf stützt, daß auch jetzt noch an manchen Orten der Erde Salz unter der Einwirkung der Sonnenbestrahlung entsteht und gewonnen wird.  Dieses Verfahren, das auf natürlich oder künstlich vorbereitetem Wege nur in Steppen- und Wüstengebieten mit Aussicht auf Erfolg betrieben werden kann, ist bei den klimatischen Verhältnissen Mitteleuropas als undurchführbar anzusehen, so lange nicht der jeden Widerspruch beseitigende Beweis dafür erbracht wird, daß in früheren Zeiten diese Länderkomplexe ein den Wüstengebieten Afrikas und den Steppen Kleinasiens ähnliche Gepräge getragen haben könnten.  Mußten wir aber schon bei der Besprechung der Kohlenentstehung bestreiten, daß unsere Breiten jemals tropischen Charakter und somit eine diesem entsprechende Vegetation gehabt haben könnten, so muß dieser Standpunkt mit noch größerem Nachdruck der Behauptung gegenüber aufrecht erhalten werden, daß unter gleichem Breitengrade und z. T. sogar auch dem gleichen Längengrade tropische Urwälder mit Sumpfgewächsen und Wüstengebiet dicht bei einander existiert haben sollen.  Zu dieser Forderung kommt man aber, wenn man annimmt, daß z.B. die elsässischen Salzlager im Verdunstungsverfahren und die Saar- und rheinisch-westfälischen Kohlenfelder aus autochthonen tropischen Wäldern entstanden sein könnten, denn ohne reichliche Sonnenbestrahlung bei fast das ganze Jahr hindurch andauernden trockenen Luft- und Windströmungen ist eine Salzausscheidung durch Verdampfungsverfahren unmöglich.  Urwald und Steppenklima in nächster Nachbarschaft schließen einander aus, und es fragt sich, ob überhaupt die Möglichkeit denkbar erscheint, daß in gewisser Reihenfolge die in Frage kommenden Ländergebiete durch abwechselndes Überflutet- und Wiedertrockenwerden jemals dieser Bedingung entsprochen haben können.  Wie schon an anderer Stelle gesagt, erkennen wir ein Sinken und Heben des Landes in gewissen Grenzen an - sind doch erst in neuester Zeit an der japanischen Küste solche Erscheinungen in größerem Ausmaß beobachtet worden - was wir aber bestreiten, ist die Regelmäßigkeit und das häufige Vorkommen dieses Vorgangs.  Ganz besonders müßte aber bei der Salzentstehung im Verdampfungsverfahren, das ja nur denkbar ist, wenn eine größere Bodensenkung von Zeit zu Zeit mit Meerwasser gefüllt wird, das dann verdunstet, gleichzeitig mit der wachsenden Höhe der ausgeschiedenen Salzschicht auch ein langsames Sinken des Beckens stattfinden, an der aber die den Abschluß gegen das doch auf gleichem Niveau verharrende Meer bildende Barre nicht teilnehmen durfte.

Wir haben aber nicht die Aufgabe, zu untersuchen, wie und unter welchen Umständen diese Art der Salzausscheidung, an deren Möglichkeit im kleinen Maßstab wir nicht zweifeln, vor sich gegangen sein kann, sondern haben zu zeigen, daß auf dem Wege, der sich als die logische Folge unsrer ganzen bisherigen Ausführungen ergibt, ebenfalls Salzlager entstehen konnten, und daß gerade, die ungeheure Mächtigkeit dieser Bildungen leichter mit den von uns in Vorschlag zu bringenden Mitteln als mit den bis jetzt als allein berechtigt angesehenen zu beweisen ist.

Zeitlich gegen die Perioden verschoben, in denen die Baustoffe für die späteren Sedimentgebirge und die Kohlen- und Öllagerstätten von den Fluten herangetragen wurden, aber sonst mit den gleichen Hilfsmitteln und unter ganz ähnlichen Bedingungen entstanden auch die gewaltigen Salzlager der Erde.
Während aber das Material für die Kohlen, Öle und die Sedimentgebirge nur auf dem Rücken der schon lebhafter spielenden Flutbergwellen herangebracht werden konnte, setzte die Entstehung einer Salzfundstätte sehr ruhig in die Ebbegebiete einfließendes, von Verunreinigungen befreites Meerwasser voraus.
Für unsere Salzlager konnte diese Forderung erfüllt werden, wenn der Gipfel eines dem stationären Zustand entgegengehenden Flutberges dem europäischen Kontinent noch so fern war, daß nur die ruhig auslaufenden letzten Wellen über das Land hinstreichen konnten.  Konnte hierbei eine Barre, welche vor einer großen Mulde lag, gerade noch überflutet werden, so floß das bis dahin vollkommen geklärte Wasser ruhig in die Mulde hinein; bei der Ebbe verhinderte die Barre den Rückstrom.  Nach der alten Theorie konnte eine solche Überflutung nur ab und zu bei hoher Flut stattfinden; in der Zwischenzeit war das Wasser der Sonnenbestrahlung ausgesetzt, die es zum Verdunsten und dadurch den Salzgehalt zur Ausscheidung brachte.  Solche Überflutungen sollen sich bei gleichzeitiger tropischer Sonnenbestrahlung während unendlich langer Zeiträume so häufig wiederholt haben, daß auf diese Weise die Salzablagerungen von 1000 und mehr Meter Mächtigkeit allmählich entstanden sein können.
Es möge aber bemerkt werden, daß die Salzabscheidung im Verdampfungsverfahren - wenn man nicht zu Siedetemperaturen greifen kann - nur bei dünnen Wasserschichten und großen Verdunstungsflächen möglich ist, während das Gefrierverfahren bei jeder Wassertiefe angewendet werden kann, wenn nur die nötige Kälte zur Verfügung steht.  Um 1 Kilogramm Wasser von 0° C in Eis von 0° zu verwandeln, muß ihm die latente Schmelzwärme von 79 Kalorien entzogen werden.  Will man dagegen dieselbe Wassermenge unter atmosphärischem Druck bei 50° C zur Verdunstung bringen, so muß ihm auch noch die Dampfwärme von 622 Kalorien zugeführt werden.  Welche Zeiträume würden nötig sein, um auf diesem Wege die Steinsalzlager bei Sperenberg, Segeberg bei Lübeck, Inowrazlaw im Posenschen entstehen zu lassen?


Nach unserer Auffassung vollzog sich die Bildung anders.  Es gibt ein physikalisches Gesetz, nach welchem ungesättigte Salzlösungen ebenso wie durch Verdampfen auch durch Gefrieren zur Salzausscheidung gebracht werden können; wenn wir dieses Verfahren auch für unseren Zweck anwenden wollen, können wir aus jeder täglich angespülten Wassermenge einen bestimmten Teil des Salzgehalts bis zur nächsten Lieferung schon ausgeschieden haben.
Die Wahrscheinlichkeit, daß es sich so verhalten haben wird, leuchtet ein, wenn wir den Aufbau eines sehr bekannten Salzlagers betrachten.
Neumayer und Uhlig sagten im zweiten Bande ihrer Erdgeschichte: "Von allen Salzlagern Deutschlands ist das von Staßfurt zur größten Berühmtheit gelangt.  Es zeichnet sich sowohl durch seine Mächtigkeit und Ausdehnung, als auch durch seine chemische Mannigfaltigkeit aus.  In der Staßfurt-Egelnschen Mulde liegt zu unterst Steinsalz in geneigter Schichtstellung in einer bekannten Minimalmächtigkeit von über 300 m.  In seinen oberen Lagern weist das Steinsalz einen nach oben wachsenden Gehalt von Polyhalit auf.  Über der Polyhalitregion folgt eine Zone mit vorherrschenden Bittersalzen, die Kiseritregion, und den Beschluß bildet die Karnallitregion oder die sie örtlich vertretende Kainitregion.  Darüber bereitet sich eine schmale Lage von Salzton aus, gefolgt von einer mächtigen Lage von Anhydrit.  Die Decke des Salzlagers bilden gleichgelagerte Lettenschiefer, Sandsteine und Kalksteine des unteren Trias (Bundsandstein).  Die chemische Zusammensetzung der mannigfaltigen Verbindung, welche die oberste Lage des Staßfurter Salzlagers bilden, stimmt mit den Mutterlaugensalzen überein, die beim Verdampfen des Meerwassers nach vollzogenem Absatze der Kochsalzmasse zurückbleiben.  Das reiche Salzlager von Staßfurt enthält also nicht nur Kochsalz, sondern auch die Salze der Mutterlauge, die nur schwer und unter besonderen Verhältnissen zum Fällen und Festwerden gebracht werden können und, wenn einmal gebildet, wegen ihrer hohen Lösbarkeit leicht neuen Zersetzungen und Auflösungen unterworfen sind.  Meistens entbehren denn auch die Salzlager einer derartigen Decke von Bitter- und Kalisalzen.  Hier aber hat uns die Natur einen Fall vorgeführt, in dem die Bildung von Steinsalzlagern in voller Reinheit erfolgte und auch das Ergebnis der letzten Phase der Salzbildung in gesetzmäßiger Lagerung beobachtet werden kann."
Obwohl diese Forscher auf dem Boden alter Vorstellungen stehen, können uns ihre Ausführungen doch in bester Weise zur Nachprüfung unserer Erklärung dienen.  Schon der Hinweis auf die leichte Lösbarkeit der Mutterlaugensalze deutet darauf hin, daß hier das Gefrierverfahren und nicht die Verdampfung zur Anwendung gelangt ist und daß an anderen Fundorten, wo diese Abraumsalze fehlen, sie gerade ihrer leichten Lösbarkeit wegen wieder aufgelöst wurden und verschwunden sind.  Wenn wir aber die Reihenfolge des Aufbaues des Staßfurter Reviers von unserem rein mechanischen Standpunkt aus betrachten, wird die Wahrscheinlichkeit zur Gewißheit: Zu unterst das reine Steinsalz in mächtiger Lagerung, darüber das Gemenge von Kochsalz und Mutterlaugensalzen, dann der Reihe nach Salzton, Anhydrit, fester Gips, roter Ton, Lettenschiefer, Sandstein, Kalkstein, - das alles baut sich folgerichtig auf, wenn man sich den Verlauf nach unserer Auffassung vorstellt.  Voraussetzung ist die starke Kälte der Eiszeit, in der bei noch fernem Flutberg die letzten Wellen jeder Tagesflut in ruhigem Verlaufe in die Mulde einflossen.  Das Kochsalz wurde nach dem Gips aus dem reinen Wasser zuerst gefällt; darüber ordneten sich dann die schwerer ausscheidbaren Mutterlaugensalze mit dem zu Eis gewordenen Wasser an.  Die nächste Welle wärmeren Wassers löste das Gemisch zum Teil wieder auf, ohne jedoch bis zu den tiefen Lagen vordringen zu können, die in Folge der niedrigen Temperaturen schon schwer wieder lösbar sein müssen.  Das aus der neuen Welle ausgeschiedene Kochsalz sank zu dem vorhandenen nach unten, und die neuen Mutterlaugensalze blieben oben.  So ging es durch lange Zeiten fort, woraus sich die Mächtigkeit der untersten (Koch- bzw. Stein-)Salzschicht erklärt.  Der Flutberg aber rückte naher und näher.  Dadurch wurde das Wasser bewegter.  Es enthielt schon leichte Beimischungen von Unreinigkeiten, die sich auf der durch die große Kälte der Eiszeit inzwischen auch erstarrten Mutterlauge als Salzton ablagerten.  Die immermehr zunehmende Schwängerung des Meerwassers mit gröberen Sinkstoffen brachte dann roten Ton, Letten und schließlich Sand, während der Kalk ein Zeichen dafür ist, daß der Flutberg seine Kulmination über dem Staßfurter Meridian inzwischen bereits erreichte.  Beim weiteren Vorrücken des Flutberges hätten sich sowohl die Sedimente als auch die Salzschichten naturgemäß in umgekehrter Ordnung absetzen müssen.  Möglicherweise fiel aber der Zeitpunkt, in dem sich dieser Prozeß am leichtesten hätten vollziehen können, in einen Eiszeitsommer; dann gelangten die Stoffe nicht zur richtigen Ausscheidung, weil die dazu erforderliche tiefe Temperatur fehlte.  Sie wurden dann im ungefestigten Zustand leicht wieder gelöst und vom Wasser mit fortgeführt.  Vielleicht sind aber auch noch Reste vorhanden, die bei der schiefen Lagerung der Schichten noch nicht erschlossen sind.  Solche Reste können auch der längst abradierten Oberschicht angehört haben, denn wir dürfen nicht vergessen, daß uns nur ausnahmsweise ganze Stufen der Sedimente erhalten geblieben sind.  Zufällig findet sich aber in einer anderen Gegend Deutschlands eine Salzlagerstätte, welche die umgekehrte Schichtenfolge der Staßfurter zeigt; dies sind einige Kalilager im Werragebiet.  Hier liegt eine reine Steinsalzschicht oben, während die übrigen Schichten, wie Kochsalz und die Mutterlaugensalze, der Salzton usw., in wachsender Tiefe folgen, so daß man hier mit Sicherheit die Arbeit des sich weiterbewegenden Flutberges verfolgen und selbst das Spiel der letzten abziehenden Wellen in dem reinen, von keiner durch heftigere Flutbewegung hervorgerufenen Verunreinigung mehr getrübten Steinsalz deutlich erkennen kann.  Während in Staßfurt die Kalisalze die sog. Abraumsalze sind, durch welche man zum Koch- bzw. Steinsalz gelangt, sind im Werragebiet die letzteren die Abraumsalze, unter denen erst die Kalilager in Angriff genommen werden können.  Ein besserer Beweis für die Richtigkeit unserer Annahme, daß der Flutberg zuerst langsam herankam und nach erreichtem Höhepunkt, in welchem er in dem Staßfurter Revier das deckende Sedimentgebirge schuf, weiterschritt und schließlich ganz von dem Meridian verschwand, läßt sich gar nicht wünschen.



(Bildquelle/-text: Buch "Rätsel der Tiefe", H. Fischer, 1925, R.Voigtländer Verlag, Leipzig)
Fig. I: Idealer Querschnitt durch das Kalibergwerk zu Staßfurt.



Soviel über den Aufbau dieser Reviere im Großen.  Es gibt aber auch noch Nebenpunkte, die für unsere Auffassung sehr bedeutsam sind. 
In Neumayer's "Erdgeschichte" heißt es: "Eine andere, vielleicht weniger wichtige (?) Erscheinung ist in Staßfurt unter dem Namen der Jahresringe bekannt.  Die Hauptmasse des Steinsalzes wird nämlich durch dünne Anhydritbänkchen in parallele Platten von 3 bis 16 cm Dicke zerlegt. was man wohl mit Recht mit periodischen Überflutungen in Zusammenhang bringt.  Ob aber die zwischen zwei Anhydritschnüren eingeschlossene Salzpartie tatsächlich das Produkt eines Jahres bildet, wie es der Name andeutet, läßt sich nicht sicher erweisen."  Aus dieser Anzweifelung scheint hervorzugehen, daß selbst den Anhängern der alten Lehrmeinung fraglich scheint, ob eine Salzausscheidung von 3 cm Dicke durch Verdampfung im Laufe eines Jahres möglich gewesen sei, von den stärkeren Schichten bis zu 16 cm zu schweigen.  Wer sich aber nur einigermaßen an glazialkosmogonische Vorstellungen gewöhnt hat, findet in dieser Erscheinung nichts Sonderbares. 
Wo wir wenige Zentimeter dicke Salzkristallschichten mit schwächeren Salzsandsteinschichten wechsellagernd vorfinden, wird es sich um wirkliche Tageslieferungen handeln, die derart aneinandergefroren waren, daß sich die tägliche Eisschicht nicht zwischen Sinkstoff- und Salzschicht, sondern infolge der spezifischen Gewichtsunterschiede über der letzteren angeordnet hatte.  Hier handelt es sich ja um wirkliche Eisschichten im Gegensatz zu den schwachen Eistrennungsfugen, die beim Entstehen der Kohlen- und Sedimentschichten nach dem Rückfluß des Wassers übrig bleiben müssen, denn hier konnte das in die Mulde eingeströmte Wasser nicht zurückfließen.  Bei zunehmendem Druck mußte das Eis oben verschwinden, und nur die beiden anderen Schichten blieben erhalten.  Bei den erst viel später folgenden Setzungsvorgängen stellten sich auch Faltungen ein, und so erklären sich die Staßfurter Anhydritschnüre in ihrer mäanderartigen Gewundenheit ziemlich zwanglos.  Die stärkeren Salzschichten können auch, wie schon angedeutet, durch Vereinigung einer Anzahl von Tageslieferungen entstanden sein, indem jede neue Welle das obenstehende Eis, die darunter befindliche Mutterlauge und etwas Salz auflöste, verdünnte und bei der Beunruhigung, die in die ganze Schicht hineingekommen sein mußte, alles bis zu gewissem Grade von neuem mischte, bis nach eingetretener Ruhe das hinzugekommene Salz sich mit dem bereits vorhandenen setzte, während Mutterlauge und Eis sich wieder oben anordneten.  Etwa von der Flutwelle mitgeführte Sinkstoffe konnten bei solcher Gelegenheit nach unter sinken und sich mit der vorhandenen Sinkstoffmenge vereinigen, und überall, wo dies wegen mangelnder Zeit in Folge zu raschen Wiedergefrierens nicht in reinlicher Scheidung gelang, wird sich unreines Salz gebildet haben.  Wir sehen also, daß sich der ganze Prozeß unter Zuhilfenahme des Eises und der Kälte der Eiszeit als eine vollkommen folgerichtig begründete Kette rein mechanischer Vorgänge darstellen läßt; außerdem halten wir uns zu der Annahme berechtigt, daß diese Darstellung um so weniger an innerer Unwahrscheinlichkeit leidet, als bekannt ist, daß die Ausscheidung des Salzes durch Kälte einen etwa 8mal geringeren Wärmeumsatz erfordert, als durch Verdampfen; da aber Eis und Kälte während der Eiszeit in genügendem Ausmaß zur Verfügung standen, so wird sich die Natur, welche ihre Zwecke ja stets mit den einfachsten Mitteln zu erreichen weiß, wohl auch dieser billigeren Mittel bedient haben.  Hiermit soll natürlich nicht gesagt sein, daß der Prozeß auch heute, wo die Kälte erst auf dem Umweg über die Wärmezeugung hergestellt werden kann, wirtschaftlich durchführbar wäre.



(Bildquelle: Privatinstitut für Welteislehre, aufgenommen im Mammutmuseum Siegsdorf)
Perfekt getrenntes Rotes Steinsalz aus dem Salzbergwerk Berchtesgaden. 
Diese perfekte Trennung und Schichtbildung ist nur durch Gefrierung möglich.



Es gibt allerdings einige zu der Gruppen der Kalisalze gehörige Arten, die nach den bis jetzt bekannten Verfahren nur bei Temperaturen über 0° C ausgeschieden werden und man hat aus diesem Grunde schon behauptet, daß die ganze Salzentstehungstheorie Hörbigers falsch sein müsse. 
Ein solcher Schluß dürfte aber etwas voreilig sein, denn es ist noch nicht bewiesen, daß nicht doch unter Zusammenwirkung von z. Z. noch unberücksichtigten Mitteln und Vorgängen sich auch diese Salze ausscheiden konnten; hierbei schweben uns bekannte Verbindungen von Stoffen vor, die sich während langer Zeiträume bei normalen Drücken und Temperaturen von selbst einstellen, während sie künstlich in kurzer Zeit nur unter hohen Drucken und Wärmegraden herbeigeführt werden können, z.B. Wasserstoff und Stickstoff zu Ammoniak.  Wenn auch in dem Buch: E. Jänecke "Die Entstehung der deutschen Kalisalzlager" gesagt wird, daß die vorgetragene Theorie eine vollständige Erklärung der in der Natur in Deutschland vorkommenden Salzlager bringe, so bleiben doch noch viele Fragen offen, die in einer von Dr. Lösner zu erwartenden Arbeit nicht vom Welteisstandpunkt sondern von dem des Chemikers aufgeworfen werden und besonders die quantitative Seite des Problems behandeln.  Hierdurch wird dieses erneut angeschnitten; ob das Ergebnis zu einer vollen Bestätigung der Hörbigerschen Auffassung führen wird, muß abgewartet werden; daß es aber den Nachweis für manche Schwäche und Unhaltbarkeit der herrschenden Ansichten bringen wird, kann jetzt schon gesagt werden.  Die Forschung wird sich vor die Notwendigkeit gestellt sehen, diese Bedenken nachzuprüfen, und wenn dann auch die Hörbigerschen Ansichten - die ja von ihm selbst nicht als der Wahrheit letzter Schluß bezeichnet, sondern nur zur Diskussion gestellt wurden - objektiv in den Kreis der Betrachtungen hineingezogen werden, dann ist sicher damit zu rechnen, daß man der Wahrheit einen Schritt näher kommen und finden wird, daß die Natur gerade auf diesem Gebiete mit den verschiedensten Mitteln und Methoden gearbeitet haben wird, unter denen auch dem Eiszeitkataklysmus eine wesentliche Bedeutung zuerkannt werden muß.

Mit diesen Ausführungen mögen die Betrachtungen, die zum Nachdenken anregen sollen, abgeschlossen sein.


Dr.-Ing. e. h. H. Voigt


(Quellenschriftauszug: Buch "Eis - ein Weltenbaustoff" von Dr.-Ing. e. h. Heinrich Voigt, 1928, R. Voigtländer Verlag, Leipzig)