Zurück


Regiert der Mond unser Geschick?



Allen Bemühungen der Fachwissenschaft zum Trotz, die seit über hundert Jahren bestrebt ist, den alten "Mondaberglauben" zu bekämpfen, hat sich im breiten Volke doch die Überzeugung ungeschwächt erhalten, daß der Mond in vieler Hinsicht in allen Reichen der Natur, insbesonders auch auf den Menschen, einen bestimmenden Einfluß ausübt.

Ich wenigstens habe auf meinen vielen Vortragsreisen in allen Gauen deutscher Zunge den Glauben an die Macht des Mondes in voller Blüte gefunden.  Das mußte mir um so mehr zu denken geben, als ich durch meine eigenen langjährigen Tagebuchaufzeichnungen feststellen konnte, daß auch ich selbst sowohl nach körperlichem Befinden, wie nach geistiger Schaffensfähigkeit auf das Deutlichste irgendwelchen Mondrhythmen unterworfen bin.  Es mag daher nicht uninteressant sein, hier das ganze strittige Gebiet der Mondeinflüsse auf Natur und Mensch ein wenig zu erörtern.

Zunächst sei die Frage so gestellt: Welche Einwirkungen schreibt die bisherige Meinung unserem Monde zu?
- Die Antwort gliedern wir zweckmäßig nach den Reichen der Natur.

In bezug auf die unbelebte Welt der festen, flüssigen und gasförmigen Körper, d. h. den Erdball, die Meere und das Luftreich, wird behauptet, daß der Mond auf ihnen "Gezeiten" hervorruft, indem alle Massen seiner unmittelbaren Anziehungskraft (im Sinne der Newtonschen Gravitation) unterliegen.
Ohne weiteres beobachtbar sind davon freilich nur die "hydrosphärischen" Gezeiten des Meeres, die unter dem Namen Ebbe und Flut den Bewohnern der Küsten aus eigener Anschauung bestens bekannt sind.  Sie bestehen in einer regelmäßig erfolgenden Schwankung der Höhe des Meeresspiegels relativ zum festen Lande und erreichen in einzelnen Gegenden der Erde Unterschiede bis über 8 Meter.  Aber es ist erwiesen, daß auch der Gesteinsmantel der Erde selbst in ganz ähnlicher Weise atmet und Hebungen und Senkungen von einigen Dezimetern erfährt, wenn wir das auch nicht ohne wissenschaftliche Hilfsmittel bemerken können, weil wir diese Schwingungen ja selbst mitmachen.  Ebenso hat man sich vorzustellen, daß der Mond auch in dem die Erde umgebenden Luftozean An- und Abschwellungen hervorruft.  In Entsprechung zu den Bewegungen des Meeresspiegels spricht man daher in der Wissenschaft auch von "lithosphärischen" und von "atmosphärischen" Gezeiten.
Hierher, in das Gebiet der Mondeinwirkungen auf die unbelebte Natur, gehört auch die vielumstrittene Frage, ob der Mond einen Einfluß auf das Wetter ausübt.  Der Volksglaube antwortet hier mit einem in voller Überzeugung ausgesprochenen Ja; die Wissenschaft verhält sich viel skeptischer; ja im großen und ganzen ablehnend.  Weil ihre gewöhnlichen Meßinstrumente keine Mondeinwirkung direkt verzeichnen, darum glaubte sie zu dieser Stellungnahme berechtigt zu sein.  Aber am Ende: daß die Quecksilberbarometer keine Luftdruckschwankungen unter dem Einfluß der Mondanziehung verraten, darf nicht wundern, da ja das Gewicht der Quecksilbersäule im selben Maße verändert werden muß wie das der Luft.  Und Aneroidmessungen sind wieder zu wenig fein, um barometrische Druckschwankungen von dieser Größenordnung, die jedenfalls unter ¹/10 mm liegen, zu verzeichnen.  Daß auch die gewöhnlichen Thermometer keine bemerklichen Temperaturwirkungen der Mondeinstrahlung verzeichnen, ist auch nicht weiter erstaunlich, denn dazu ist die Wärmestrahlung des Mondes viel zu gering.  Wie der Mond endlich auf das Hygrometer direkt einwirken sollte, ist überhaupt nicht recht einzusehen.  Also ist es eigentlich selbstverständlich und beweist gar nichts, wenn die gegenwärtigen drei Hauptinstrumente des Meteorologen eine Mondeinwirkung nicht aufzeichnen.  Auf diesem Wege wird man der wissenschaftlichen Lösung der Frage des Mondeinflusses offenbar nicht beikommen können.  Man muß es anders versuchen.

Das Verdienst, hier den Weg gewiesen zu haben, gebührt, wie so oft in der Geschichte der neueren Naturwissenschaft, einem Außenseiter, nämlich dem katholischen Kaplan Richter in Schlesien.  In Oberschlesien herrschte nämlich der Volksglaube, daß der mitternachts heraufkommende Mond (d. i. der stark abnehmende Mond des letzten Viertels, nicht etwa der Vollmond!) die Gewitter "bezwinge", d. h. zur Auflösung bringe oder vertreibe.  Richter wollte ursprünglich diesen "Aberglauben" widerlegen, mußte aber schließlich bestätigen, daß wohl bei Vollmond eine starke Häufung der Gewitter auftritt, beim letzten Viertel aber die Gewitterzahl rasch zurückgeht.  Richter sandte 1888 seine Ergebnisse zur weiteren Nachprüfung an den gefeierten Meteorologen Köppen, der sie ebenfalls bestätigen mußte.  Somit ist ein bedeutender Einfluß der Mondphase auf die Gewitterhäufigkeit als wissenschaftlich nachgewiesen zu erachten.
Angeregt durch Richters Forschungen haben sich dann Ekholm und der nordische Kosmophysiker Svante Arrhenius mit diesen Fragen befaßt und gefunden, daß tatsächlich eine Periodik aller luftelektrischen Erscheinungen von 27,32 und eine von 25,929 Tagen besteht.  Die letzte brachten sie mit der Sonnenrotation, die erste mit dem Mondumlauf in Verbindung, denn tatsächlich dreht sich der Sonnenball von der Erde aus gesehen in rund 26 Tagen um seine Achse und benötigt der Mond zu einem fixstern-bezüglichen Umlauf um unsern Heimat stern 27,32 Erdentage.  Nach Ekholm und Arrhenius wäre die Einwirkung des Mondes auf das Wetter also keine direkte, sondern nur eine mittelbare, dadurch nämlich, daß der Mond die luftelektrischen Zustände beeinflußt, die für die meisten Wettererscheinungen maßgebend sind.


Regiert der Mond unser Geschick?


In bezug auf das Pflanzenreich sind die Einflüsse des Mondes naturgemäß noch weit verwickelter und noch viel schwieriger wissenschaftlich zu erfassen.  Überblicken wir die Summe der sogenannten "Bauernregeln", die sich auf die Mondwirkungen im Zusammenhang mit dem Säen, Keimen, Wachsen und Ernten befassen, aber auch die "Hexenregeln", die vom Pflücken oder Graben gewisser Wurzeln und Pflanzen zu besonderen Heils- oder Unheils-Zwecken handeln, dann muß uns vor allem auffallen, daß sie sich in zwei astronomisch streng zu trennenden Gruppen teilen lassen: Die einen nämlich bezeichnen eine gewisse Lichtgestalt oder "Phase", die andern hingegen die Stellung des Mondes im Tierkreis als das Maßgebende.
In die erste Gruppe fallen alle jene Sprüche, welche darauf hinauslaufen, daß die betreffende Handlung nur in der Vollmond- oder Neumondnacht, oder zur Zeit des ersten oder letzten Viertels vorgenommen werden darf, in die zweite Gruppe jene, welche vorschreiben, daß man dies und jenes tun oder lassen müsse, wenn der Mond z. B. im Widder oder Stier, oder im Löwen oder Wassermann steht.  (Dabei ist mir aufgefallen, daß die Bauern sich wenigstens in meiner Heimat Südtirol an die Sternbilder des Tierkreises selbst und nicht an die im Kalender angeführten Zeichen des Tierkreises halten, die ja bekanntlich jetzt um eines gegeneinander verschoben sind.  Sie beobachten also, ob der Mond z. B. tatsächlich im Bilde des Widders steht und folgen nicht der Kalenderangabe, nach welcher der Mond am soundsovielten in das Zeichen des Widders tritt.)
Dabei will es mir nach meinen Erfahrungen scheinen, als ob die Regeln, welche sich mit dem Säen, Pflanzen, Keimen, Wachsen der Pflanzen befaßten, zur ersten Gruppe gehörten, die mit den Mondphasen geht, während die Vorschriften des Erntens, Pflückens, Grabens, aber auch die des Schneidens, Pfropfens und Veredelns der Pflanzen in die zweite Gruppe fallen, die mit dem Tierkreis geht.  Dieser feine Unterschied ist meiner Meinung nach für die Erklärung der geheimnisvollen Mondeinflüsse von allerhöchster Wichtigkeit, die meines Wissens bisher noch nirgends beachtet worden ist.
Denn wenn da eine Hexenregel besagt: man dürfe jene Wurzel nur in der Neumondnacht graben, denn nur dann habe sie die volle magische Wirkung, so bedeutet dies, daß astronomisch die Stellung des Mondes auf der Verbindungslinie Erde-Sonne als das Maßgebende erachtet wird; wenn aber eine Weinbauernregel sagt, man dürfe die Reben nicht schneiden, wenn der Mond im Bilde des Widders steht, weil sonst die Triebe "auswachsen" und lauter Widderhörner bilden, aber keine Trauben tragen, dann bedeutet dies, daß die siderische Stellung des Mondes zu den Fixsternen bzw. zum System des Weltäthers, nicht aber seine Konstellation zur Sonne und Erde dafür als bedingend anerkannt wird.
Die Zahl der Bauernregeln und Hexensprüche ist Legion, und es fehlt hier der Raum, auch nur einige von ihnen wiederzugeben.  Jedenfalls wäre es aber höchst wichtig, einmal eine möglichst vollzählige Sammlung aller dieser Weistümer zu veranstalten, vielleicht, daß sich daraus durch mühevolle wissenschaftliche Sichtung ein wertvolles Material für die weiteren Untersuchungen gewinnen ließe.  Denn sicherlich steckt in allen diesen Regeln eine uralte, Jahrzehntausende zurückreichende Erfahrung, die unter Umständen mehr wert sein kann, als alle erst seit wenigen Jahrzehnten gewonnenen Messungen mit wissenschaftlichen Apparaturen.

In bezug auf das Tierreich ist ein Einfluß des Mondes sicherlich in weit gehendem Maße vorhanden, bloß ist es für uns als Erforscher so unendlich schwer, zu beurteilen, inwiefern am besonderen Verhalten der Tiere der Mond die Schuld trägt.  Auch sind Beobachtungen in dieser Richtung bisher kaum in größerem Umfange gemacht worden.  Allgemein bekannt geworden sind wohl nur die Nachrichten über das Benehmen der Tiere bei eintretenden totalen Sonnenfinsternissen.  Schon Stunden vorher und zu einer Zeit der partiellen Finsternis, in welcher die Lichtabnahme der Sonne noch nicht ins Gewicht fällt, zeigen die meisten Tiere, insbesonders auch die großen Raubtiere, eine eigentümliche Unruhe und alle Erscheinungen der Furcht, gerade wie beim Herannahen furchtbarer Gewitter und Tornados.  Die Vögel suchen ihre Nester auf, die Raubtiere ihre Höhlen, Hunde winseln, Schakale heulen kläglich, und auch der Löwe, der König der Tiere, verkriecht sich, Elefanten stecken ihre Köpfe zusammen und trompeten herzerweichend.  Wie von einem schweren Alpdruck befreit, atmen die Tiere erst wieder auf, wenn die Finsternis fast völlig vorüber ist, nicht etwa schon gleich beim Aufblitzen des ersten Lichtstrahls.  Wäre es nur die bei Tage ordnungswidrig hereinbrechende Finsternis, so müßte man nämlich das Gegenteil erwarten. - Über das Verhalten von Tieren bei totalen Mondfinsternissen scheinen leider noch alle Beobachtungen zu fehlen.
Abgesehen von diesen außergewöhnlichen kosmischen Stellungen des Mondes, zwischen Sonne und erde bzw. im Erdschattenkegel, hat sich bisher bei keinem Tiere ein regelmäßig durch die normale Mondbewegung beeinflußtes Verhalten feststellen lassen, mit einer einzigen, hoch interessanten und darum um so schwerwiegenderen Ausnahme: den gerade durch seine "Mondsüchtigkeit" weltberühmt gewordenen Palolo-Wurm. (Eunice viridis.)
Dieser, seiner Organisation nach sehr tiefstehende Meereswurm lebt in den Gängen der Korallenriffe in der Südsee.  Er pflanzt sich dadurch fort, daß bei beiden Geschlechtern gleichzeitig die letzten Ringe des Wurmkörpers abgestoßen werden und wie selbständige Lebewesen an die Meeresoberfläche empor schwimmen, wo sie die Keimstoffe ins Wasser entleeren und dadurch die Befruchtung bewirken.  Diese geschlechtsreifen Enden der Wurmkörper wurden nun von den Inselbewohnern seit Jahrtausenden gefischt und entweder roh oder gebraten als Leckerbissen verzehrt.  Sie sollen übrigens ähnlich wie Kaviar schmecken.
Daran wäre noch nichts zu finden, denn schließlich ist es - wenn uns auch ein leichtes Gruseln schüttelt - Geschmackssache, diese Würmer zu essen.  Aber das wissenschaftlich Einzigartige ist die Tatsache, daß gemäß der Behauptung der Samoaner, die "Palolo" nur zweimal im Jahre, im Oktober und November und auch da nur in der Nacht, die dem letzten Mondviertel vorangeht, gefischt werden kann.
Diese "Mondpünktlichkeit" des Palolowurms ist zuerst vielfach angezweifelt und zu verwischen versucht worden.  Nach den neuesten Nachprüfungen ist sie aber als unbedingt unanfechtbare Tatsache hinzunehmen.  Dabei spielt es für den auf dem Meeresgrunde lebenden Wurm, der den Mond gewiß nicht sehen kann, auch gar keine Rolle, ob das Wetter klar ist und der Mond scheint oder durch Wolken verdeckt ist.  Pünktlich, genau in der Nacht vor dem letzten Viertel erfolgt das Ausschwärmen trotzdem.
Neuerdings ist auch in den Meeren der nördlichen Halbkugel ein Vetter des Palolowurms entdeckt worden, der dieselben Eigentümlichkeiten zeigt.  Bei ihm erfolgt das Ausschwärmen im Juni und Juli auch in der Nacht vor dem letzten Viertel, doch nicht so pünktlich, auch kann, wenn das letzte Viertel zu spät in den Juli fällt, das erste Viertel schwarmauslösend dafür eintreten.

In bezug auf den Menschen endlich sind die behaupteten Mondeinflüsse außerordentlich vielseitig.  Bevor wir auf sie näher eingehen, sei aber gleich festgestellt, daß anscheinend nur eine gewisse Gruppe von Menschen dem Einflusse des Mondes bemerklich unterliegt, während der Großteil gegen ihn unempfindlich erscheint.  Es ist nun höchst bemerkenswert, daß tatsächlich gerade jene Menschen der Mondeinwirkung stark unterworfen sind, in deren nach den Regeln der Astrologie aufgestellten Horoskop der Mond eine einflußreiche Stellung einnimmt, während diejenigen so gut wie nichts verspüren, in deren Horoskop der Mond als "unwirksam" bezeichnet wird.  Ich stehe nicht an, dies hier auszusprechen, denn ich habe an mir selbst in positivem, an meiner Frau und Tochter in negativem Sinne diesen Zusammenhang bestätigt gefunden.  Es wäre natürlich höchst wichtig, ähnliche Beobachtungen an einer sehr großen Zahl von Menschen nachzuprüfen.
Betrachten wir nun Mitglieder der mondempfindlichen Menschentype, dann lassen sich die sichtbaren Wirkungen des Mondeinflusses folgendermaßen angeben: Viele Menschen fühlen bloß einen eigenartigen Zauber, der vom Mondlicht ausgeht und auf ihre Stimmung wesentlich einwirkt.  Seine Stärke geht einigermaßen mit der Phase des Mondes, ist aber stets vor dem Vollmonde, also bei zunehmender Lichtgestalt, stärker, als bei gleich großer abnehmender Phase.  Viele wieder können in der Woche vor dem Vollmonde und bis 3 Tage über ihn hinaus nie recht einschlafen, sondern wälzen sich um diese Zeit oft stundenlang schlaflos im Bett, selbst dann, wenn das Zimmer nach Norden liegt und völlig verdunkelt ist und sonst am Abend vorher eine ganz normale Müdigkeit und Schlaflust vorhanden schien. Bei den stärkeren Graden der Mondfühligkeit kommt es zu lautem Aufschreien, Aufschrecken und Zuständen, die der Epilepsie verwandt erscheinen und endlich bei den typisch "Mondsüchtigen" zu den berühmten und berüchtigten Klettertouren an Fenstersimsen, Dachrinnen und ähnlichen wagehalsigen Stellen.  Während nun die eigentlich nachtwandlerischen Zustände mehr an den Vollmond bzw. die Nähe der Vollmondnacht geknüpft zu sein scheinen, will man festgestellt haben, daß die wirklich epileptischen und die ihnen verwandten Anfälle sich um die Zeit der Mondviertel häufen, was an das rätselvolle Verhalten des Palolowurms erinnert.
Abgesehen von dem Gebiete dieser wissenschaftlich mit "Noctambulie" bezeichneten Erscheinungen, ist aber auch ein Einfluß des Mondes nach seinen Phasen auf das Gebiet des menschlichen Geschlechtslebens nachgewiesen.
So gibt es zahlreiche junge Männer, die in der Zeit des zunehmenden Mondes, vom ersten Viertel bis zur Vollmondnacht, von einer besonders heftigen Sehnsucht nach dem weiblichen Geschlechte erfaßt werden.  Ob auch das weibliche Geschlecht von dem wachsenden Monde sexuell stärker gestimmt wird, entzieht sich meiner Kenntnis, aber es ist wohl anzunehmen, weil doch im übrigen der weibliche Organismus der Mondperiode bekanntlich weit stärker unterliegt.  In der Tat haben ernste Forscher festgestellt, daß sowohl in der Statistik der ehelichen und unehelichen Geburten, wie auch in der der vor Gericht gekommenen Verbrechen auf diesem Gebiete, ein Einfluß des Mondes erkennbar ist.  Natürlich ist bei allen solchen Untersuchungen zu bedenken, daß der menschliche Organismus dauernd auch noch vielen anderen Einflüssen aus der ihm unmittelbar umgebenden Natur ausgesetzt ist, so daß die an sich reine Mondwirkung wohl nur in den seltensten Fällen an ihm auch rein und unverzerrt zum Ausdruck gelangen kann.

Gehen nun, wie es scheint, die vorhin angedeuteten mehr den Körper und sein Eigenleben betreffenden Mondeinflüsse mit der Phase unseres Trabanten, so ist es hoch interessant festzustellen, daß die geistige Leistungsfähigkeit, wenigstens nach meinen persönlichen Tagebuchaufzeichnungen, von der Stellung des Mondes im Tierkreis abhängt.  Da nun der sogenannte "synodische" Monat von Vollmond bis wieder zu Vollmond oder allgemeiner gesagt, von gleicher Lichtgestalt bis wieder zu gleicher rund 29½ Tage (genauer 29,530 588 Tage) dauert, während er zum einmaligen, fixstern-bezüglichen "siderischen" Umlauf im Tierkreis nur 27,32 Tage (genauer 27,321 661 Tage) benötigt, so müssen sich diese beiden voneinander um 2,209 Tage verschiedenen Perioden gegenseitig verschieben.  Haben sie sich einmal gedeckt, so werden sie sich zunächst etwa sieben Monate immer weiter voneinander trennen, bis sie sich nach 13 Monaten wieder einander nähern, aber erst nach 40 Monaten trifft ein neues, genaueres Zusammenfallen ein.  Gerade dieses Spiel konnte ich an mir selbst in den letzten drei Jahren gut beobachten.  Vor etwas über einem Jahr war ich immer zwischen erstem Viertel und Vollmond zu geistigen Leistungen besonders gut befähigt, heute bin ich dies gerade in der Woche vor Neumond und einige Tage über diesen hinaus, während die rein körperliche Reaktion auf den Mondeinfluß nach wie vor an dem zunehmenden Mondlicht vor der vollen Phase hängen geblieben ist.  Meines Wissens ist diese Unterscheidung bisher noch niemals so klar beobachtet und ausgesprochen worden.
Es ließe sich wohl noch vieles über behauptete und zum Teil auch erwiesene Beeinflussungen des menschlichen Organismus durch den Mond berichten, indessen müssen wir uns hier darauf beschränken, auf die Schriften von Swoboda und Fließ und insbesonders auf die Forschungen der anerkannten Gelehrten Ekholm und Arrhenius hinzuweisen, sowie auf das ganz ausgezeichnete Buch des früheren badischen Unterrichtsministers Prof. Willy Hellpach "Die Geopsychischen Erscheinungen", das wohl heute die beste Gesamtdarstellung aller einschlägigen Fragen vorstellt.  Unsere Aufgabe muß es jetzt vielmehr sein, zu versuchen, eine Erklärung für die vorbesprochenen Mondeinflüsse abzugeben.  Von den sichtbaren Wirkungen gilt es also nun auf die unsichtbaren Ursachen zurückzuschließen; ein in diesem Falle besonders schwieriges Unterfangen.

Wirklich wissenschaftlich einwandfrei geklärt ist bisher nur die reine Gezeitenwirkung des Mondes.  Aus der strengen Ableitung und Berechnung nach der Newtonschen Gravitationsformel folgt hier unzweideutig, daß und wie der Mond im Tanz um den gemeinsamen Schwerpunkt mit der Erde Ebbe und Flut hervorbringt.
Es sei nur nebenbei bemerkt, daß wegen der allgemeinen Gültigkeit des Newtonschen Gravitationsprinzipes entsprechende Gezeiten naturgemäß auch von allen andern Himmelskörpern bewirkt werden, bloß daß sie mit Ausnahme der Sonnenanwirkung zu klein sind, um meßbar zu werden.  Ist doch auch die Flutkraft des Mondes ziffernmäßig erstaunlich gering.  Um sich von ihr eine Vorstellung zu machen, denken wir uns am besten ein Gewicht von genau 1000 Kilogramm auf eine empfindliche Federwage gelegt.  Dann wird diese bei Abwesenheit von Flutkräften normalerweise 1 Million Gramm anzeigen.  Steht aber der Mond senkrecht über dem Standorte der Wage am Himmel, so wirkt seine Schwere der Erdanziehung entgegen und das Gewicht erleichtert sich um 0,11 703 Gramm.  Dasselbe gilt auch, wenn der Mond entgegengesetzt im Fußpunkte oder Nadir steht.  Dann ist die Erleichterung etwas kleiner, nämlich gleich 0,11 142 Gramm.  Dagegen vermehrt sich scheinbar das Gewicht des Blocks auf der Wage, wenn der Mond für ihren Standort gerade hart unter dem Horizonte steht, also kurz vor dem Aufgang oder nach dem Untergang sich befindet.  Die Gewichtszunahme erreicht dabei etwas weniger als die Hälfte der vorgenannten Beträge.  Im Ganzen schwankt also die Schwerewirkung des Mondes auf einen Punkt der Erdoberfläche zwischen einer Hubkraft von rund einzehntel und einer Druckkraft von rund einzwanzigstel Gramm pro Tonne! - Diese Beifügung ist höchst wichtig, denn sie erklärt uns erst, wie anscheinend so geringe Kräfte so gewaltige Wirkungen hervorrufen können.  Beträgt die Gewichtsveränderung auch für einen Kubikmeter Meerwasser nur wenig mehr als dreizwanzigstel Gramm, so macht es doch die ungeheure Masse der Billionen Kubikmeter des Meeresinhalts.  Bei den Gesteinen der Erdkruste kommt noch ihr höheres spezifisches Gewicht hinzu, das sich mit den Kraftziffern vervielfältigt.
In gleicher Weise wie für den Mond berechnet beträgt die mittlere Hubkraft der Sonne 0,05 155 oder rund einzwanzigstel, die mittlere Druckwirkung etwa halb soviel oder rund einvierzigstel Gramm.  Im Ganzen ist also die Sonnenflutkraft halb so groß, als die des Mondes.  Und doch reicht sie hin, um von den Mondkräften abgezogen schwache Nippfluten, mit den letzten summiert die oft verheerenden Sturmfluten zu ergeben.

Nach diesen Überlegungen erscheint es wohl ausgeschlossen, daß die Gravitation des Mondes bei Pflanzen, Tieren und Menschen eine unmittelbar fühlbar hervortretende Wirkung hervorbringen könnte. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß sie auf der äußeren, dem Weltraum zugewandten Oberfläche des Luftozeans ganz gewaltige Flutberge und Ebbegürtel hervorruft, die sich wohl unseren auf dem Grunde des Luftmeeres aufgestellten Instrumenten entziehen, nichtsdestoweniger aber für das Wetter und für die auf der Erdoberfläche lebenden Organismen indirekt von der größten Bedeutung sind.  Es wird auch der vorsichtigste Fachwissenschaftler kaum etwas einwenden können.  Dagegen ist die volkstümliche Erklärung des Nachtwandelns sicher unrichtig, wenn sie aussagt: Der Mond zieht eben den Schläfer an!  Eine Anwirkung durch die Gravitation kommt in diesem Sinne gewiß nicht in Betracht.

Es fragt sich nun noch, auf welche andere Weise der Mond als Quelle von Einflüssen auf Natur und Mensch gedacht werden könnte?  Und siehe da, es fehlt an Möglichkeiten nicht, die vielleicht die meisten Beobachtungen zu deuten gestatten.
So ist der Mond selbst gleichsam ein Spiegel, der uns das Licht der Sonne ziemlich unverändert zurückwirft.  Man könnte also an einen Einfluß des Mondlichtes denken.  Indessen wird man dagegen sofort einwenden, daß ja das Mondlicht eben nur erborgtes Sonnenlicht ist und infolgedessen ihm eigene Sonderwirkungen nicht zugeschrieben werden dürfen, zumal selbst der klarste Vollmond 465 000 mal schwächer leuchtet, als die Sonne.  Indessen ist damit die Frage doch noch nicht abgetan, denn der Mond sendet außer dem sichtbaren Licht auch noch eine große Menge unsichtbarer Strahlung zu uns her.
So haben die neuesten Messungen ergeben, daß von der Gesamtstrahlung des Mondes nur 14% zurückgeworfene Sonnenstrahlung und gar nur 3% dem menschlichen Auge sichtbares Licht sind, dagegen entfallen 86% auf die langwellige, infrarote, unsichtbare Eigenstrahlung des Mondkörpers, die seiner Oberflächentemperatur entsprechend hauptsächlich zwischen den Wellenlängen 8-14 Tausendstelmillimeter liegt.
Diese überwiegende, zwar unsichtbare Mondstrahlung braucht deswegen, weil sie nicht als Licht empfunden wird, noch keineswegs unspürbar zu sein, sondern es ist sehr wohl denkbar, daß der menschliche Körper auch sie aufnimmt und (zum Teil vielleicht durch den Temperatursinn, möglicherweise aber auch durch die geheimnisvolle Zirbeldrüse) dem Gehirn zuleitet.  Es ist nicht ausgeschlossen, daß auf diese Weise der eigentümliche Zauber des Mondlichtes seine wissenschaftliche Erklärung findet, insofern wir darunter eben jene Empfindung verstehen, die durch die Aufnahme der Mond-Gesamtstrahlung, einschließlich der unsichtbaren Wellengattungen, hervorgerufen wird.
Daß der Mond von sich aus noch weitere Strahlungsformen, etwa elektromagnetische Wellen wie eine Senderantenne oder korpuskulare Elektronen wie eine Kathodenröhre aussendet, ist zwar unwahrscheinlich, aber um so einleuchtender muß es scheinen, daß er auf die von anderen Gestirnen von hoher Temperatur, wie von der Sonne und den Fixsternen, ausgehenden Strahlungen dieser Art, wie ein Fangspiegel, oder eine Empfangsantenne wirkt.  Indem der Mond diese durch den Raum streichenden Energien zusammenrafft und der Erde gesammelt wie im Brennpunkte eines Kondensors darbietet, erscheint es durchaus begreiflich, daß er dadurch bei uns Einwirkungen hervorruft, die sich sonst nicht gezeigt hätten, weil die Raumstrahlung von sich aus viel zu verdünnt gewesen wäre, um sich auf der Erde bemerkbar zu machen.

Für solche Raffungswirkung kommen naturgemäß zunächst (die gewöhnlichen Licht- und Wärmestrahlen ausgenommen) die verschiedenen elektromagnetischen und korpuskularen Strahlungsarten in Betracht, welche unsere Sonne aussendet.
Wir wissen heute bestimmt, daß die Sonne auch solche materiellen Strahlen unausgesetzt nach allen Raumrichtungen ausstreut und daß insbesonders von den Störungsgebieten der Sonnenoberfläche, den Fackelbezirken und Sonnenflecken, besonders gewaltige Elektronenschwärme förmlich büschelartig in den Umraum gestoßen werden.  Wenn ein derartiger Koronastrahl der Sonne unsere Erde trifft, dann gibt es bei uns Polarlichter und gewaltige elektromagnetische Stürme, manchmal von solcher Heftigkeit, daß jeder drahtlose und drahtliche Telegraphen- und Telefonverkehr unterbunden ist, ein dämonisches Rauschen und Knacken in den Apparaten ertönt und gelegentlich sogar Flammen aus den Apparaten schlagen.  Erst kürzlich, am 15. Oktober 1926, haben wir einen derartigen elektrischen Sturm erlebt, der sich an die stärksten bisher gemessenen von 1903, 1909, 1917 würdig anreiht.  Er wurde offenbar von derselben gigantischen Sonnenfleckengruppe hervorgerufen, welche auch den verheerenden Tornado von Florida am 19. September und bei ihrer Rückkehr nach einmaliger Umdrehung des Sonnenballs den nicht minder furchtbaren Sturm hervorrief, der am 20. Oktober über Kuba gewütet hat.  Es ist dabei gewiß kein Zufall, daß der Vollmond sowohl auf den 21. September 9 Uhr 19 Min. nachmittags als auch auf den 21. Oktober 6 Uhr 15 Min. vormittags fiel.  Vergegenwärtigen wir uns nämlich, was dies astronomisch bedeutet, so standen an den kritischen Tagen Sonne, Erde und Mond nahe in einer Linie, und die Erde befand sich, zwischen Sonne und Mond gelegen, gerade im Raffungskopf der Strahlung vor dem Monde.
Der elektrische Wirbelsturm vom 15. Oktober fand allerdings zur Zeit des ersten Mondviertels, das auf den 15. Oktober 5 Uhr 28 Min. vormittags fiel, statt.  Vielleicht, daß diese Quadratur des Mondes zur Sonne für diese besondere Art von Wirkung gerade günstig ist.  (Man erinnere sich an den Palolowurm und die Häufung epileptischer Erscheinungen zur Zeit der Mondviertel.)
Schade bloß, daß das Ereignis nicht auf das letzte Mondviertel fiel, vielleicht hätte sich dann an dem im Oktober fälligen Paloloschwarm diesmal eine außergewöhnliche Erscheinung gezeigt, die uns Einblicke in die geheimnisvollen Zusammenhänge hätte gewähren können.

Der elektromagnetische Sturm vom 15. Oktober war übrigens so stark, daß ihn wetterfühlige und mondfühlige Personen sehr wohl am eigenen Körper verspüren konnten.  Ich wenigstens wurde in derselben Stunde, als der Sturm begann, mitten in fröhlich und gut vonstatten gehender geistiger Arbeit, plötzlich von einer starken seelischen Depression befallen, daß ich völlig unfähig war, weiterzuschreiben und nach einer halben Stunde in jenen Zustand geriet, von dem man volkstümlich sagt, daß man am liebsten heulen möchte.  Dieses, von nervösen Zuckungen durchmischte Übelbefinden hielt bis zum Folgetage unvermindert an, um sich erst um jene Zeit zu bessern, als der Sturm vorüber war.  Natürlich erfuhr ich erst am 17. Oktober aus Zeitungsmeldungen von der Tatsache des elektromagnetischen Tornados, wußte also im Moment der einsetzenden Depression nichts über ihre Ursache.  Aus früheren Erfahrungen schloß ich aber allerdings sofort, daß auf der Sonne irgendetwas los sein müsse, denn schon oft konnte mir ein Blick durch das Fernrohr nach der Sonne bestätigen, daß, bei plötzlich und anscheinend grundlos eintretender geistiger Arbeitsunfähigkeit, eine gerade nahe der Sonnenscheibenmitte stehende gewaltige Fleckengruppe vorhanden war.
Daß der menschliche Organismus auf Veränderungen des luftelektrischen Zustandes anspricht, beweist die weit verbreitete Wetter-Vor- und Fernfühligkeit.  Längst bevor unsere wissenschaftlichen Instrumente irgendein Anzeichen geben, erkennen solche Personen das Nahen eines Gewitters oder sonstigen Störung des elektromagnetischen Gleichgewichts im Luftozean.
Die Deutung von Ekholm und Arrhenius, nach welcher der Einfluß des Mondes auf das Wetter und auf den Menschen vornehmlich auf dem Umwege über die Beeinflussung des Zustandes der Luftelektrizität erfolgen soll, erscheint daher durchaus einleuchtend.  Er ist es auch, der wahrscheinlich in allen jenen Fällen im Spiele ist, in welchen irgendein Zusammenhang zwischen Naturereignissen und der Phase des Mondes zu bestehen scheint.

Schwieriger ist es vorläufig, eine Erklärung dafür zu geben, wieso die Stellung des Mondes im Tierkreis eine besondere Wirkung haben soll.  Aber vielleicht sind wir auch hier nicht mehr so ganz hilflos wie noch vor kurzer Zeit.  Wenn nämlich die von Professor Courvoisier an der Sternwarte zu Babelsberg festgestellte Bewegung der Erde zum Weltäther, die eine Geschwindigkeit von 750 km in der Sekunde haben soll, zu Recht besteht, dann wäre es wohl einleuchtend , daß nicht nur die Stellung des um die Erde laufenden Mondes zur Sonne, sondern auch die Stellung in bezug auf die Flugrichtung gegen den Weltäther von Bedeutung für die elektromagnetische Auswirkung auf die Erde ist.  Da aber dieser Erdenflug fixsternbezüglich auf einer Geraden erfolgt, der Flugzielpunkt (Apex) dieser Bewegung also unter den Fixsternen eine feste Richtung hat, so müssen auch die aus Beziehungen zu diesem Äthergegenwind stehenden Wirkungen von den Stellungen des Mondes zu den Bildern (nicht den Zeichen!) des Tierkreises abhängig sein.  Dieser Deutungsversuch ist meines Wissens noch nirgends ausgesprochen worden, und auch mir erst bei Abfassung dieses Aufsatzes als eine mögliche Lösung eingefallen.  Sollte sie sich bewähren, so könnten die Wirkungen von gewaltiger Tragweite sein, denn mit einem Schlage würde dann wissenschaftlich begreiflich, wieso überhaupt die verschiedenen Sternbilder des Tierkreises für uns Menschen eine reale Bedeutung haben.  Ein uralter Grundsatz der Astrologie, der zu Unrecht vielfach geschmähten Sterndeutekunst, würde dadurch auch im Lichte moderner Naturwissenschaft erfaßbar und bestätigt.

Daß nur gewisse Menschen auf gewisse Strahlungen reagieren, wäre dann nicht mehr schwer zu erklären: Nur sie sind eben auf diese Wellen abge- stimmt.  Vielleicht bestimmt der Geburtsmoment tatsächlich die Wellenlänge, für deren Botschaft wir im Leben dann empfänglich sind.

W. Evers


(Aufsatzquelle: Monatshefte "Schlüssel zum Weltgeschehen", Heft 11, S.374-380, und Heft 12, S.420-424, Jahrg. 1927, R. Voigtländers Verlag-Leipzig)

Auf folgende Aufsätze zu diesem Thema wird verwiesen:
Die Wirkungen des der Sonne entströmenden Feineises
Der Mensch im kosmischen Kraftfeld
Kosmische und irdische Strahlen
Mond und Wetter