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Das Eis als geologische Grundbedingung



Die gegenwärtige geologische Fachwissenschaft stützt sich, wie auch aus ihren neuesten und besten Werken (1) klar hervorgeht, noch immer ganz und gar auf die sogenannte Laplacesche Nebularhypothese als Grundlage ihrer Vorstellung von der Entstehung und ersten Bildung unseres Erdballs. 
Die notwendige Folge dieser Standpunktnahme ist, daß ihr für alle weiteren Ableitungen nur jene Mittel zu Gebote stehen, die im Rahmen der Laplaceschen Weltentwicklungslehre logisch enthalten sind.  Mit anderen Worten, die Geologie bleibt, solange sie auf Laplace gründet, auf die Abkühlung des Erdballs von seinem ursprünglichen glutheißen auf den gegenwärtigen kühlen Oberflächenzustand verlassen und muß eben zusehen, wie sie aus der Grundvorstellung der allmählichen Zusammenziehung des auskühlenden Erdballs, alle Erscheinungen, die zur heutigen Gestaltung der Erdoberfläche geführt haben, bestreiten kann. 
Daß ihr die Lösung dieser Aufgabe gelungen wäre, kann man wirklich nicht sagen.

Angefangen von der Unmöglichkeit, die Bildung des Wassers für die späteren Ozeane aus dem Anfangszustand einer weißglühenden Gaskugel herzuleiten, bis zur Deutung des zarten Abdrucks eines feingeflügelten Insekts, der sich im Solenhofer Schiefer findet, ist das ganze gegenwärtige Lehrgebäude der Geologie, soweit sie nicht als rein beschreibende Naturwissenschaft auftritt, nichts als ein babylonischer Turm der Verwirrung, in dem sich kein Mensch, der noch seinen geraden Sinn und sein unbefangenes Auffassungsvermögen bewahrt hat, zurechtfinden oder gar wohlfühlen kann.  Oder muß nicht ein jeder, der jemals im Wunderlande der Dolomiten an Tausende von Metern tiefen senkrechten Felsabstürzen den Aufbau der Erdrinde, in diesem Falle des Schichtengebirges, mit eigenen Augen gesehen hat und der nachher in den Büchern der Geologen nach einer Erklärung des Geschauten sucht, sich zu der Frage gedrängt fühlen: ob wohl auch nur einmal einer der Verfasser dicker Bände über Gebirgsbildung und Faltung je an Ort und Stelle gewesen ist, und wenn ja, ob einer noch so viel Unbefangenheit der Naturbetrachtung mitgebracht haben kann, um das zu sehen was ist, und nicht das, was nach den vorgefaßten Theorien sein soll?

Genau besehen ist von der gegenwärtigen Erdforschung freilich auch gar nichts Besseres zu erwarten, denn auf falschen Grundvoraussetzungen kann auch der klarste Geist nicht richtige Schlüsse aufbauen.  Nun hat doch die fachwissenschaftliche Sternforschung schon seit Jahrzehnten so viele Beweise der Unhaltbarkeit der Laplaceschen Weltbildungslehre zusammengetragen, daß heute kein Astronom mehr, ohne sich lächerlich zu machen, sich zur Nebularhypothese bekennen kann. (2)  Muß es nicht geradezu unbegreiflich erscheinen, wie sich unter solchen Umständen die Geologie heute noch immer krampfhaft an ein Gefüge von Voraussetzungen über die erste Bildung des Erdballs klammern kann, die längst als falsch, als gänzlich naturunmöglich und widersinnig erkannt worden sind?

Dabei ist die Geologie sich der Wichtigkeit ihrer kosmologischen Unterlagen voll bewußt, wie aus dem ersten Satze im Abschnitt über die Entwicklungsgeschichte der Erde bei Kober hervorgeht.  Wir lesen dort: "Der gegenwärtige Zustand der Erde ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der mit der Entstehung der Erde begonnen hat und der in ununterbrochenem Zuge über die Gegenwart in die ferne Zukunft fortdauert."
Nach diesem mutvollen Bekenntnis zu einer einzigen (kausalen) Abfolge des Geschehens auf der Erde, das damit als Quellpunkt auf die erste Entstehung unseres Erdballs als Stern unter Sternen zurückgeführt wird, muß es geradezu als ein Verhängnis erscheinen, daß sich die Geologie noch immer nicht vom Banne der Laplaceschen Wahnlehre hat losmachen können.  Da ist - nach Kober - die Erde noch immer ein anfangs (offenbar gasiger) "weißglühender, später rotglühender Stern.  Endlich entsteht die erste Erstarrungskruste.  Der Mond spaltet sich ab (ein Vorgang, dessen Unmöglichkeit unter den vorausgesetzten Bedingungen längst nachgewiesen ist).  Allmählich bildet sich die Atmosphäre, die Hydrosphäre heraus.  (Das Wie zu beantworten, verschmäht die Geologie, weil das alles noch in der "vorgeologischen Phase der Erdentwicklung" geschehen soll.)  Meere und Kontinente werden.  Unermeßlich lange Zeiträume (gemeint sind Zehner von Milliarden Jahren) mußten vergehen, ehe die geologische Zeit anbrechen konnte.  Da ist die Erde ganz zum dunkeln Himmelskörper geworden.  Das Leben ist entstanden". - Jetzt erst ist die Erde für den Geologen fertig; erst in diesem Zustande "übernimmt" er sie in den Bereich seiner Erforschung.  Nun beginnen die sogenannten geologischen Zeitalter, deren Gesamtdauer heute mitunter zu zwei Milliarden Jahren angegeben wird.  Während dieser ganzen Zeit soll alles geologische Geschehen auf der Erde mit dem an ihrem Anfange vorhanden gewesenen Vorrate an innerer Wärme des Erdballs, an Wasser auf seiner Oberfläche und an Luft über dieser einzig und allein aus den Kräften bestritten worden sein, die sich aus der Zusammenziehung des Erdballs infolge seiner Auskühlung durch Strahlungsverlust ergeben.  Abgesehen von der Licht- und Wärmestrahlung der Sonne, sowie ihren und des Mondes Flutkräften werden erhebliche Einwirkungen von kosmischen, d. h. aus dem Weltenall hereingreifenden Kräften nicht zugestanden.  "Alle Bewegungsphänomene der Erdrinde glauben wir aber auf eine allgemeine Ursache zurückführen zu können, auf die Kontraktion und auf das Gewicht der Erdrinde. - Alle andern Bewegungsformen können wir als Umformungen dieser Bewegung auffassen", so zu lesen bei Kober und dem Sinne nach nicht anders in den meisten übrigen geologischen Werken.

Bei einer solchen Standpunktnahme der Erdkunde muß freilich jeder Versuch, die Erde auch heute noch im Verbande kosmischen Geschehens als ein eingeordnetes Glied aufzufassen und aus dem Weltenall hereingreifende Wirkungen anzunehmen, auf großen Widerstand rechnen, insbesonders, wenn die herangezogenen Stoffarten und Kraftwirkungen an und für sich von der Sternforschung noch nicht erkannt und anerkannt worden sind.  Daß uns gleichwohl nichts anderes übrigbleibt, wenn wir gerade die tiefsten Rätsel der Erdkunde lösen wollen, sollen die folgenden Zeilen lehren.


Daß das Vorhandensein von großen Mengen Eis im Sternenall die Grundbedingung allen kosmischen Geschehens überhaupt ist, weil nur aus dem Widerstreite der glutstofflichen Natur mit dem Welteise der letzte Antrieb jeglicher Regung erfließen kann, ist schon öfters überzeugend dargestellt worden, daß wir hier die Wahrgeltung der Welteislehre Hörbigers als solche nicht mehr zu erhärten brauchen.  Gegenstand der folgenden Ausführungen soll vielmehr sein, zu zeigen, daß das Eis auch in der engeren Entwicklungsgeschichte der Erde durchaus als eine geologische Grundbedingung erscheint, derart, daß ohne die notwendige Mitwirkung des Eises als des den glutigen Massen urgegensätzlichen Stoffes, sowohl in der vorgeologischen Entwicklung der Erde als auch in den verschiedenen geologischen Zeitaltern die Ausbildung des heutigen Zustandes der Erdoberfläche nicht möglich gewesen wäre.  Naturgemäß können wir im engen Rahmen dieses Aufsatzes nur versuchen, die grundlegenden Gedankengänge im wesentlichen herauszuheben.

Nach Hörbigers Welteislehre entstand unser Erdball in jener Zeit, als sich unser ganzes Sonnenreich aus der Glutwurfgarbe einer Gigantsternentberstung heraus entwickelte, zugleich mit der Sonne und den andern Großwandelsternen und zwar ähnlich, wie die anderen heutigen Mitglieder des innern Kreisels von Merkur bis zum Mars aus der Zusammenballung von ursprünglich zahllosen, ungefähr einen keilringförmigen Raum um die Sonne erfüllenden noch mehr oder minder heißen, flüssigen, teigigweichen oder schon festen Massen, keinesfalls aber aus einem Glutgasring, wie bei Laplace, der sich allmählich auf eine weißglühende Gaskugel (!) zusammenzog.
Die Angliederung der Massen, die aneinander bzw. später auf den schon gebildeten Erdkern sanftspiralig im Gleitfluge landeten, braucht nur unbedeutende Wuchtwärmen freigemacht zu haben, so daß der ganze Erdball im Sinne dieser Betrachtung niemals so sehr heiß gewesen bzw. geworden sein braucht.  Immerhin dürfen wir auch nach Hörbiger annehmen, daß die Wärmehöhe am Ende der eigentlichen Erdbildungszeit doch so bedeutend gewesen sein mag, daß die sämtlichen, den damaligen Ball bildenden Stoffe sich im teigigweichen oder zähflüssigen Zustande befunden haben, derart, daß es ihnen möglich war, sich nach ihren Raumeinheitsgewichten zu ordnen.  So entstand der aus den Schwermetallen gebildete Erdkern und über ihm schichteten sich die leichtern Grundstoffe als eine vorläufig noch honigweiche Masse.

Es wäre nun in der Tat unerfindlich, wie sich auf einer solchen Erde jemals sollte Wasser haben bilden können, auch dann, wenn man annimmt, daß infolge Ausstrahlungsverlustes der Wärmegrad der Erdoberfläche sich allmählich erniedrigte.  Der im Erdkörper vorhandene Sauerstoff hatte bei sinkenden Hitzegraden alle Ursache, mit den verschiedenen Grundstoffen des Erdballs selbst Verbindungen zu Oxyden einzugehen und Wasserstoff hätte eine noch glutheiße Erde nicht in solchem Maße um sich her festhalten können, wie er zur Wasserbildung zusammen mit dem Sauerstoff notwendig war, da bei hohen Wärmegraden seine mittlere Molekülgeschwindigkeit schon so groß wird, daß er sich in den Weltenraum verflüchtigt.
In richtiger Erkenntnis dieser Schwierigkeit versucht denn auch Hörbiger erst gar nicht, das Ozeanwasser der Erde auf diesem Wege irgendwie zu erklären, sondern stellt sich von vornherein auf den Gedanken der Wasserbegießung der Erde aus dem All ein, eine Vorstellung, die im Rahmen der Welteislehre nicht nur nichts Gezwungenes an sich hat, sondern sich sogar ganz natürlich aus der allgemeinen Entwicklungsgeschichte des Sonnenreiches ergibt.  Auch heute noch speit uns die Sonne mit Feineisstrahlen an und damals war dies noch vielmals ärger.  So ist denn der noch durch und durch glutheiße und oberflächlich noch flüssige oder teigigweiche Erdball nach Hörbiger nicht so sehr durch Auskühlung infolge des Strahlungsverlustes allmählich erkaltet, sondern durch kosmische Eiskühlung.  Es ging gleichsam ein ewiges Graupelgestöber auf den heißen Erdball nieder und wenn auch anfangs die winzigen, mikrofeinen kosmischen Eiskörnchen gar nicht bis zum Erdboden herniederdringen konnten, sondern schon in beträchtlicher Höhe über diesem verdampfend eine geschlossene Wolkenschichte um den Erdkern bilden halfen, so muß doch allgemach das Eis den Sieg davongetragen haben.

Schließlich kam es so weit, daß das Eis vom Himmel in Form immer tiefer fallender Regentropfen doch die eigentliche Erdoberfläche erreichte.  Zischend mögen die ersten warmen Regentropfen auf der noch glutheißen Erde verdampft sein, zum Schlusse mußten sie doch das Spiel gewinnen. Allmählich bildete sich auf diesem Wege eine zuerst feine, später immer dicker werdende Haut um den Erdball, die Kruste.  Und wenn diese heute vielleicht 300 Kilometer dick ist, dann ist sie dies nach Hörbiger einzig und allein geworden durch diesen beständigen Zuschuß an kosmischem Eise im Laufe der Jahrmillionen, einen Zuschuß, dessen Gesamtmenge seit jenem Anbeginn bis auf unsern heutigen Tag mindestens das Fünfzigfache der gesamten Wassermasse aller heutigen Ozeane der Erde betragen haben muß.  Ja, wir dürfen sogar so weit gehen zu sagen: auch heute noch hätte die Erde vielleicht keine feste Kruste, jedenfalls keine echte Gesteinskruste und keine Meere an der Oberfläche, wenn dieser kosmische Eiszufluß nicht von Anfang an gewesen wäre und auch heute noch täglich und stündlich fortdauerte.  Würde er etwa gegenwärtig plötzlich aufhören, so würde die Innenwärme des Erdballs vermutlich die ganze, heute schon bestehende 300 Kilometer dicke Kruste nochmals aufzulösen und teigigweich zu machen vermögen, denn wer weiß, bei welcher Temperatur der Oberfläche dann der Ausgleich zwischen Strahlungsverlust an den Umraum und Wärmenachschub aus dem Erdinnern in der Erdoberfläche liegen möchte. (Mangels der notwendigen Voraussetzungen läßt sich das heute nicht berechnen.)  Nur weil die Erde auch heute noch jährlich aus dem Weltall eine große Eismenge empfängt und weil die Erde jährlich genau ebensoviel Wasser, das in ihre Tiefen hinabdringt, chemisch bindet oder thermisch zersetzt, wozu ein ganz gewaltiger Wärmeaufwand erforderlich ist, konnte die Erdkruste nicht nur einstmals entstehen, sondern sich auch bis heute bei stetig steigender Dicke erhalten.

So erscheint denn das kosmische Eis in diesem Sinne schon als die Grundbedingung aller Geologie überhaupt, denn unsere feste Erdkruste ist im ganzen genommen nichts anderes als das Ergebnis des Kampfes der Glutstoffnatur des Erdballs mit dem Welteis.  Wäre das Eis nicht gewesen und fände es nicht noch heute den Weg zu unserm Heimatstern, wir alle und die Geologen mit uns wären gar nicht da, um uns den Kopf darüber zerbrechen zu können, wie die Erde einstmals entstanden ist.  Natürlich kann eine ursprünglich glutflüssige Kugel von der Zusammensetzung des Erdballs in hinreichend langen Zeiten auch ohne kosmischen Eiszufluß erstarren, so wie flüssiges Blei in der Pfanne erstarrt, wenn man diese in einen kalten, aber wasserfreien Raum stellt.  Aber dann können niemals auf der Oberfläche Festländer und Meere entstehen und auch keine Gesteine, zu deren Bildung in irgendwelcher Form Wasser vonnöten ist.  Nach unseren Begriffen von den Bedingungen organischen Lebens können wir uns einen solchen wasserfrei erkalteten Himmelskörper auch nicht als belebt vorstellen.  Als todesstarrer Ball nur mag er die Räume durchstürmen.

Erkennen wir jetzt im Welteise die Grundbedingung zur Bildung unserer Erdkruste überhaupt, so ist das Eis auch die geologische Grundbedingung aller nicht rein vulkanischen Gesteins- und Gebirgsbildung im besonderen.  Indem wir vorwegnehmen, was wir in den folgenden Zeilen kurz ausführen wollen, können wir sagen: Ohne Eis sind keine Schichtengebirge und keine Gebirgsfaltungen großen Stils möglich, insbesonders aber auch nicht die Versteinerungen organischer Bildungen und die Erscheinungen, welche man in den Kohlenbergwerken und den Erdölgebieten geologisch festgestellt hat.

Daß alle bisherigen Erklärungen der auf dem ganzen Erdball so weit verbreiteten Schichtung jammervoll unzulänglich sind, bedarf kaum noch eines Beweises.  Wir brauchen da nicht in die Ferne bis zum Canyon des Koloradoflusses zu schweifen, wo das Gute so nahe liegt.  Wer nur je in den Dolomiten oder den nördlichen Kalkalpen gewesen ist und nachher liest, daß die tausende, säuberlich getrennten, wie Papierblätter übereinander liegenden Kalkschichten nach A. Heim durch ein rhythmisches Schwanken um ein bestimmtes Niveau entstanden sein sollen, oder wie nach Lyell, Philippi u. a. die "normale Kalk-Sedimentation im Meere" durch außergewöhnliche Ton-Einschwemmungen von Flüssen (3) durch die Bildung der trennenden Tonhäutchen in Tausende von Schichten aufgelöst worden sein soll, der wird überhaupt nicht begreifen können, wie nur jemals ein Gelehrter auf eine derart aller Natur hohnsprechende, gewaltsam herbeigezogene und letzten Endes einfach technisch unmögliche Erklärung hat kommen können.  Kober gesteht übrigens selbst, "auf welche Ursachen eine solche regelmäßige Unterbrechung von oft viele Hundert von Metern mächtigen Kalkmassen zurückzuführen sein mag, ist noch nicht verständlich".


Schichtengebirge in den nördlichen Kalkalpen


Ohne die Mitwirkung des Eises freilich nicht.  Selbst wenn wirklich das Land sich in der Weise höbe und sänke, daß etwa das Meer abwechselnd wie eine Flutwoge darüber hereinbrechen, eine Schlammschicht absetzen und dann wieder zurückweichen könnte, so wäre es noch immer nicht begreiflich, wie die einzelnen Schichten so fein säuberlich sich sollten scheiden können, wie wir dies bei allen großen Schichtengebirgen der Erde vor Augen sehen, und wie dies besonders auch in den Kohlenbergwerken hervortritt.  Nur dann, wenn jede Flutanlieferung jeweils beinhart niedergefroren war, ehe die nächste Flutwelle sich einherwälzte, ist die beobachtete Schichtenbildung erklärlich.  Treffend sagt H. W. Behm in Anlehnung an H. Voigt in seinem Werke "Planetentod  und Lebenswende" hier zum Gegenstande: "Wenn es nötig sein sollte, die Behauptung, daß das Eis der alleinige Grund für die Trennung der Lager gewesen sein kann, durch Beweise, selbst indirekter Art, zu stützen, möge man sich der folgenden Tatsachen erinnern: Beim Spalten von Schiefer-, Ton- oder Sandstein- oder Kalkplatten haben sich unzählige Abdrücke von eingebetteten organischen Körpern, von Fischen, Krebsen, Insekten und dergleichen gefunden.  Die Fische, obwohl plattgedrückt, zeigen jede Einzelheit der Schuppen, Flossen und des Skeletts.  Insekten sind gefunden, in deren Flügelabdrücken auch nicht die kleinste Faser fehlt.  Kann man sich das, auch unter der Annahme der günstigsten Umstände, in Anlehnung an die Lyellsche Theorie wohl in der Weise erklären, daß man sagt, der langsam aufsteigende Meeresboden habe einen Fisch emporgetragen, der liegen blieb, bis er beim Wiederuntertauchen von neuem Schlamm bedeckt und so erhalten worden sei?  Oder könnte sich wohl ein zartes Insekt kurz vor dem gänzlichen Erhärten des aufgestiegenen Meeresbodens so auf ihm niedergelassen haben, daß es festkleben, mit hinuntergenommen und dort von Schlamm bedeckt und so erhalten werden konnte?  Wäre es denkbar, daß unter solchen Umständen die zartesten Teile durch irgendein Verfahren gegen Zersetzung hätten geschützt werden können?  Selbst der etwaige Hinweis auf die sogenannten Moorleichen versagt, weil hier ganz andere Bedingungen in Frage kommen.  Wie aber erklärt die Welteislehre diese Abdrücke?  Sie sagt: Wenn ein Fisch, tot oder lebend, von der Welle in das Ebbegebiet getragen wurde, aus dem er sich nicht wieder entfernen konnte, oder wenn eine vom Sturm auf den noch feuchten Schlick niedergedrückte Libelle auf dem Schlamm liegen bleiben mußte, so brach über beide der Frost herein, der sie festmachte, und da ihre organischen Teile in kurzer Zeit auf Temperaturen weit unter 0° abgekühlt wurden, war eine Verwesung ausgeschlossen.  In diesem Zustande wurden sie von der neuen und den darauf folgenden Schlammschichten zugedeckt und so vor jedem Luftzutritt abgeschlossen.  In gefrorenem Zustande und fäulnissicher eingebettet konnten sie die Jahrmillionen überdauern, und wenn uns heute nur ihre körperlosen Abdrücke vorliegen, so hat es den Grund darin, daß alles Organische ihres Körperbaus durch die trockene Destillation, der es später ausgesetzt wurde, verflüchtigt worden ist.  Aber nicht nur solche Abdrücke sind uns erhalten geblieben, wir besitzen auch Abdrücke von Füßen eines vogelartigen Tieres, dessen Fährte sich sogar auf dem alten Schlamm verfolgen läßt.  Das Tier hat vermutlich, kurz nachdem die Flut vorbei war, den Strand nach Nahrung abgesucht und dabei seine Fußspur in dem noch nassen oder feuchten Schlamm abgedrückt.  Der schnell einfallende starke Frost brachte das Gebilde zum Gefrieren.  Und in diesem Zustande wurde es von neuem Schlamm bedeckt.  So mußte sich beim Spalten solcher Platten das schönste Positiv und Negativ an der Trennungsfläche ergeben.  Ist es denkbar, daß sich eine derartige Erscheinung zeigen könnte, wenn es sich um einfaches Erhärten der Vogelfährte an der Luft handeln würde?"


Verbiegungen der Schichten in den nördlichen Kalkalpen.  Ohne Eis sind solche Verbiegungen nicht möglich.


Aber nicht nur die Schichtenbildung selbst, auch die Gebirgsfaltung, die wir in den Kalkalpen, im Jura usf. so deutlich ausgeprägt sehen, wäre nicht möglich gewesen, ohne die Mitwirkung des damals im Gestein noch teilweise enthaltenen Eises, das durch seine Plastizität erhebliche Verbiegungen der Schichten, ohne daß allemal Brüche auftraten, erst ermöglichte.  Eine schon trockenharte Schichtgesteinsmasse würde niemals so starke Biegungen ausgehalten haben, wie wir sie z. B. bei Flüelen in der Schweiz, aber auch an vielen andern Orten zu sehen bekommen.  Weiters ist nur unter der Mitwirkung des Eises die Bildung jener Gleitschicht vorstellbar, auf der die zu faltende Schichtgebirgsmasse rutschen konnte.
Wenn sich nämlich in der beschriebenen Weise Schicht auf Schicht gefrierend übereinanderlegte, so mußte bei einer Mächtigkeit von einigen hundert Metern allmählich der steigende Druck der überliegenden Schichten auf die untersten so stark werden, daß für das eingeschlossene Eis der sogenannte technische Verflüssigungsdruck eintrat.  Dieses Eis verwandelte sich also in Wasser und wurde seitlich aus den Schichtgebieten ausgepreßt (so wie man etwa das Salzwasser aus dem in Schichten übereinandergelegten Rettich ausgepreßt, wenn man von oben kräftig aufdrückt).
In den untersten Lagen konnte das Wasser vielfach keinen Ausweg finden und bildete so mit dem noch nicht ganz verfestigten Gestein einen Brei, der für die Gesamtmasse des überliegenden Schichtgebirges als Schmiermittel wirken mußte.  War dieser Zustand erst einmal eingetreten, so genügte ein verhältnismäßig geringfügiger, in der Richtung der Erdoberfläche gelegener Schub oder Zug, um ein auf derart schlüpfriger Unterlage ruhendes Schichtengebirge in ganz gewaltige Falten zu legen.

Freilich nimmt Hörbiger für die oben besprochenen Flutanlieferungen, die niedergefroren, nicht die Vorstellung zu Hilfe, daß sie durch ein "rhythmisches Schwanken" des Bodens um den mittleren Meeresspiegel entstanden und ebensowenig vermag er jenen zu folgen, welche die letzte Ursache aller Gebirgsfaltung in der Zusammenziehung des Erdballs infolge seiner Auskühlung sehen (nach dem Gleichnisse vom vertrocknenden Apfel, dessen Schale runzelig wird), sondern er nimmt dafür rein kosmische Kräfte zu Hilfe.  Der jeweilige Mond der Erde ist es, welcher in einem gewissen Annäherungszustand die Kraftwirkungen auslöst, welche die notwendige Bewegung des Wassers über das Land und den gewaltigen Zug erzeugt, der die ursprünglich immer nahezu wagerecht liegend gebildeten Schichtmassen zu Tausenden von Metern hohen Gebirgsketten auffaltet.  Dieses Kapitel, die Ableitung der Mondesflutkräfte, ist vielleicht das glänzendste der ganzen Welteislehre überhaupt und zugleich das unanfechtbarste, denn alle seine Ergebnisse beruhen auf zwingenden Berechnungen, deren Richtigkeit nicht in Abrede gestellt werden kann und auch von den schärfsten Gegnern der Welteislehre noch niemals angefochten worden ist.  Leider würde es den Rahmen unseres Aufsatzes weit überschreiten, darauf hier einzugehen.  Wir müssen daher den geneigten Leser, der sich näher über diese Dinge zu unterrichten wünscht, auf das bisher erschienene Schrifttum zur Welteislehre hinweisen.

Bemerkenswert ist übrigens, daß sich immerhin schon Anzeichen bemerkbar machen, daß auch in Geologenkreisen sich eine Wendung im Sinne der Abkehr von der Nebularhypothese und einer Hinordnung auf die Welteislehre bemerkbar macht.  Wer sich davon überzeugen will, der lese das ganz ausgezeichnete Werk von Edgar Dacqué: Urwelt, Sage und Menschheit (Verlag R. Oldenbourg, München, 1924).  Wenn auch sein Verfasser noch keineswegs in allen Stücken mit Hörbiger geht, die eine Erkenntnis spricht klar aus dem Werke: Die bisherige Geologie befindet sich in einer Sackgasse.  Auf dem alten Wege ist ein Fortschritt nicht mehr möglich.  Man muß den Standpunkt einer nebularhypothetisch geborenen, von Laplace fertig gelieferten Erdkugel aufgeben und sich zuwenden dem Gedanken, daß das gegenwärtige Bild der Erdoberfläche hauptsächlich durch kosmische, aus dem Weltraum hereingreifende Kräfte geformt worden ist.

Wilhelm Evers


(Aufsatzquelle: Monatsschrift "Schlüssel zum Weltgeschehen", Heft 6, S. 201-209, Jahrg. 1927, R. Voigtländers Verlag-Leipzig)




Anmerkung:
(1) z. B. Leop. Kober: "Lehrbuch der Geologie", Verlag Hölder-Pichler-Tempski A.-G., Wien, 1923.  Wir beziehen uns öfters auf dies Werk.
(2) Vgl. die lichtvollen Ausführungen Dr. Kienles in seiner Vorlesung über Kosmogonie im Sommer-Semester 1923 an der Universität München.
(3) Vgl. Himmel und Erde, Bd. II, S. 153.